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Leben in Hannover Brazzo Brazzone – so klingen falsche Italiener
Menschen Leben in Hannover Brazzo Brazzone – so klingen falsche Italiener
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09:58 19.03.2019
Schön bunt: Brazzo Brazzone geben sich als Italiener aus. Quelle: Foto: Isabelle Hannemann
Hannover

Es klingt wie ein sanftes Donnergrollen, wenn Daniel Zeinoun (49) diesen Bandnamen ausspricht: Brazzo Brazzone – der Name sei sofort dagewesen, als er das mattweiße Sousaphon zum ersten Mal sah. Das Instrument heißt auch „Wickeltuba“, wurde für Marching Bands entwickelt. „Da war mir klar, dass ich eine Brass Band gründen will.“

Nicht die erste Kombo, in der Zeinoun mitmischt. Er spielt bei „Fette Hupe“ und Lothar Krists Hannover Bigband“, im Salsa-Orchester „Havana“ und bei Produktionen wie „Shockheaded Peter“ im Schauspielhaus. Drei Jahre gehörte er auch zur Bläser-Sektion von „Wir sind Helden“, Keyboarder Jens Eckhoff (53) kennt er aus dem Studium. „Drei Jahre war ich mit ihnen auf Tour.“ Eindrücklichstes Erlebnis des Musikers: „Rock am Ring vor 40 000 Zuschauern – das war der Wahnsinn.“

Freitag im Pavillon werden es dann doch etwas weniger sein, die die Band feiern, die 2012 gegründet wurde, aber auf eine hundertjährige – und durchaus skurrile – Geschichte zurückblickt. Brazzo Brazzone ist „L’unico World Groove Brass Banda di tutti il Monde“, kauderwelschen Zeinoun und seine Mitstreiter Coco Guerra, Christopher Spintge (beide Saxophon), Sebastian Schulte (Posaune), Lennart Schmidt (Schlagzeug) und René Beutel (Sousaphon).

Die „Historia“ dahinter: „Daniele“ erscheint im Traum sein italienischer Urgroßvater Brazzo Brazzone und beauftragt ihn, mit dem antiken Sousaphon vom Dachboden und verschollen geglaubten Originalnoten sein musikalisches Erbe wieder auf die Bühne zu bringen. Der „wahre Kern“ der Legende ist das Instrument, das bei der Auflösung des Import-Export-Unternehmens von Zeinouns libanesischem Vater auftauchte. „Er hat eigentlich Autos nach Afrika verschifft, aber es hatten sich auch viele andere Sachen angesammelt.“

Ein Instrument, das Zeinoun zur Band(geschichte) inspiriert. Ein anderes Instrument, das die Weiche in seinem Lebensweg stellt: „Ich wollte als Kind immer Trompete spielen. Das spukte schon ewig in meinem Kopf herum. Aber meine Mutter hat mir nur eine Melodika gekauft“, erzählt der Mann mit dem dunklen Wuschelkopf, der bis zu seinem sechsten Lebensjahr in Beirut aufwuchs. Seine Stunde schlug am Gymnasium: „Es gab eine Bläserklasse. Ich habe sofort angefangen, wie ein Wahnsinniger herumzutröten, nach einem Jahr war ich im Orchester.“

Eine Karriere als Musiker kam ihm lange nicht in den Sinn. „Ich dachte immer, Musik macht man nebenher. Aber nach dem Abi fiel mir nichts ,Vernünftiges’ ein.“ Beim Studium an der Musikhochschule kam er allerdings „ordentlich ins Schwitzen“. Noten kannte er aus Kinderchor und Blasorchester – „aber von Musiktheorie hatte ich null Ahnung, ich hatte auch nie richtig Unterricht, bin eher Autodidakt.“

Heute ist er hauptberuflich Musiker. „Und Brazzo Brazzone ist tatsächlich inzwischen mein Hauptprojekt – im vergangenen Jahr haben wir mehr als 50 Konzerte gespielt.“ Der Pavillon-Auftritt zum „100. Geburtstag“ sei eine Metapher – „es fühlt sich nämlich irgendwie an wie 100 Jahre“

Zum Quasi-Jubiläum wollen die Männer mit den grellbunten Anzügen („aus China“), den spitz zulaufenden Hemdkragen, Sonnenbrillen und Mafia-Hüten eine „große Party“ starten. Zeinoun erinnert sich noch an das allererste Konzert beim Festival der Kulturen vor dem Neuen Rathaus. „Wir haben zwei Tage geprobt für eine Stunde Programm.“ Das lief wie geschmiert. „Es sind ja alles studierte Musiker“,sagt Zeinoun über die Band-Kollegen. Die falschen Italiener traten sogar mal bei einem Festival in Bologna auf – „unsere größten Fans sind Italiener“, wundert sich Zeinoun fast selbst ein bisschen. Einer steht beim Hannover-Konzert für drei Lieder auf der Bühne: Vito Serra (50) vom Lindener Markt-Café.

Das aktuelle, dritte „Brazzo“-Album heißt „Piú colore é piú bello“ (Mehr Farbe ist schöner), anders als bisher setzt die Band auf eigene Kompositionen statt auf eigenwillig interpretierte Cover-Versionen. Aber was ist das nur für eine Sprache in den Songs? „Eine Mischung aus Spanisch, Italienisch, Kroatisch und Schwedisch“, gibt Zeinoun mit einem Grinsen zu. Beteuert aber: „Die Texte machen Sinn.“

22. März ab 20 Uhr im Pavillon (Lister Meile 4), Karten kosten 20, ermäßigt 16 Euro.

Von Andrea tratner