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Leben in Hannover Bei Erik Machens dreht sich alles ums Tanzen
Menschen Leben in Hannover Bei Erik Machens dreht sich alles ums Tanzen
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18:35 16.02.2015
Rollstuhltanz-Europameister Erik Machens Quelle: NANCY HEUSEL
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Hannover

Erik Machens (31) ist hochkonzentriert. Jeder Muskel seines Körpers ist angespannt. Dann strömt der Beat von Michael JacksonsBilly Jean“ aus den Lautsprechern in die schummrige Trainingshalle in der Südstadt - und Machens beginnt zu tanzen.

Der Hannoveraner taucht ein in den Fluss aus Rhythmus und Melodie, seine eleganten Bewegungen legen sich wie Wogen auf die Stromschnellen der Musik. Auch im Training zeigt der Sportler vom TSC Hannover, warum er aktueller Europameister im Solo-Rollstuhltanz ist - und eins der größten deutschen Talente.

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Die ausdrucksstarken Tänze Lateinamerikas sind seine Spezialität. Optisch blond und blauäugig, lässt er beim Tanzen den Latino raus. „Latino? Na ja“, er schmunzelt, „ich weiß eher, wie man Gefühle richtig transportiert. Man muss das Tanzen leben.“

Als Teenager hätte er vermutlich jeden ausgelacht, der ihm eine solche Karriere auf dem Parkett prophezeit hätte. „Bis ich 17 war, hatte ich eine typische Rollstuhlsozialisation hinter mir. Ich wusste nicht wie ich mich auf Partys bewegen sollte“, erinnert sich der Sportler - bis zu dem Tag als ihn auf der Abschlussparty einer Klassenfahrt zwei charmante junge Damen einfach auf die Tanzfläche schleppten. „Da habe ich gemerkt, es geht ja doch.“ Mehr noch: Ab diesem Moment wurde Tanzen zu seiner Leidenschaft.

Kein Wochenende verging ohne Disco-Besuch. „Am liebsten war ich früher in der Baggi. Die ist zwar nicht behindertengerecht, aber die Menschen dort sind es“, kommentiert Machens. Vom Profi-Tanzen war er damals indes noch weit entfernt.

Nach dem Abi zog es ihn zunächst weg aus Hannover gen Osnabrück. „Ich musste mir einfach beweisen, dass ich es alleine schaffe - mit einem Handicap ist da der Drang noch größer“, meint Machens. Der 31-Jährige kam mit einer Fehlbildung des Rückenmarkskanals zur Welt. War von Beginn an querschnittsgelähmt. „Obwohl meine Eltern das super hingekriegt haben,“ ergänzt der Tänzer. Er habe von Anfang an gelernt, sich an dem zu messen, was er könne. „Behindert zu sein ist eine Sache, aber wenn man zusätzlich behindert erzogen wird - dann hat man wirklich ein Problem.“

Ohne diesen festen Glauben an sich selbst, hätte sich der quirlige junge Mann sicher nicht innerhalb weniger Monate auf Weltklasseniveau tanzen können. 2009 entdeckte Michael Webel (46), Bundestrainer des Behindertensportverbandes, zufällig das Talent Machens und seiner Bekannten (heute 37). „Er fragte, ob wir Lust auf Leistungssport hätten. Wir waren sofort Feuer und Flamme“, sprudelt es aus Machens heraus. Gut ein Jahr später waren sie nicht nur Deutscher Meister in den Standard- und Lateintänzen, sondern holten auch zweimal Bronze bei der WM in Hannover. „Das war der Wahnsinn. Wenn ich an die Zeit denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut“, erinnert sich der Sportler. Als die Förderschullehrerin die Karriere aus Zeitgründen beendete, war Aufhören für den Grafik-Designer keine Option. „Dann hab ich eben alleine weitergemacht“, er zuckt mit den Schultern - auch kein Problem.

Dann hält der sonst so kecke Hannoveraner kurz inne. „Auch wenn sich in den Köpfen der Menschen schon viel getan hat, man bekommt immer noch mehr Anerkennung für sein Handicap als für die sportliche Leistung.“

Aber triste Gedanken haben im Leben von Energiebündel Erik Machens wenig Platz, genau so wie andere Hobbys. „Ich denke von Turnier zu Turnier und darum baue ich mein Studium.“ Er sucht immer wieder die Herausforderung. Entspannen? Iwo. Erik Machens ist immer in Bewegung. Tanzen ist schließlich auch Erholung. „Je nach Stimmung höre ich dann sentimentale Songs von Phil Collins, beatlastige House Tracks oder sinnbefreite Fetenhits.“ An düsteren Tagen auch mal Death Metal? Er lacht laut und schüttelt energisch den Kopf. „Da hörts bei mir auf.“

Aber er kann auch länger als fünf Minuten ruhig sitzen. „Ich esse wahnsinnig gern, mag gesellige Abende.“ Die sind jedoch selten. Der 31-Jährige hat schon wieder Hummeln im Hintern. Mit seiner neuen Tanzpartnerin Anna Dashkina (27), einer Fußgängerin, will er im Herbst wieder zur WM. Den Titel? Machens grinst wieder wie ein Lausbub. Klar, will er die Goldmedaille. Seine Mimik sagt es deutlich - er spricht es nur nicht aus. Fast noch mehr wünscht er sich aber, „dass Menschen mit Handicap nicht mehr um Augenhöhe und Gleichberechtigung kämpfen müssen“.

Jana Meyer