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Studium & Beruf Neuanfang im Arbeitsleben
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13:03 13.12.2010
Nicht immer wechseln Berufstätige freiwillig die Stelle oder gar den Beruf. Einige Branchen bieten allerdings gute Zukunftsaussichten. Quelle: Fotolia
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Knapp 18 Jahre lang hat Saskia Meyer (Name geändert) als Sachbearbeiterin in einem internationalen Unternehmen gearbeitet, dann wurde der Standort, an dem sie tätig war, geschlossen. Ein Umzug in eine andere Stadt kam für die Mutter von zwei Kindern nicht infrage. Die Suche nach einer neuen Stelle blieb erfolglos. Sie fand keine geeignete Teilzeitstelle in der Nähe ihres Wohnortes. Derzeit lässt sich die 39-Jährige als Sommelière ausbilden, später möchte sie entweder in einem Restaurant arbeiten oder einen Weinladen aufmachen. „Ich finde, es ist eine Riesenchance, in der Lebensmitte noch einmal beruflich neu durchzustarten“, sagt sie. „Allerdings fehlt mir die Sicherheit einer Festanstellung.“

So wie ihr geht es einer wachsenden Zahl von Deutschen. Die Zeiten, in denen Mitarbeiter ihr ganzes Leben lang bei einem Arbeitgeber blieben, sind längst vorbei. Heute ist Flexibilität gefragt. Die meisten Menschen müssen mehrmals im Leben den Arbeitsplatz wechseln, längere berufliche Durststrecken überstehen, mit befristeten Arbeitsverträgen leben oder in die Selbstständigkeit starten. Manchmal wird sogar eine komplette berufliche Neuorientierung oder ein Branchenwechsel nötig. Das geschieht nicht immer freiwillig und oft genug mit Zähneknirschen.

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„Einige unserer Teilnehmer suchen in einer neuen Branche Selbstverwirklichung und möchten kreativer arbeiten, andere wünschen sich mehr finanzielle Sicherheit. Das erklärt auch die unvermindert hohe Nachfrage nach Weiterbildungen mit einem betriebswirtschaftlichen Schwerpunkt wie zur Personaldienstleistungskauffrau oder zum Assistenten für Büro- und Buchhaltung“, sagt Sabine Taubenheim vom Bildungsträger Forum Berufsbildung, der Qualifizierungsmaßnahmen für die unterschiedlichsten Berufe und Branchen anbietet. „Großes Interesse besteht seit Jahren auch nach Fortbildungen in den Bereichen Veranstaltungsorganisation, Kosmetik, Wellness, Sport und Fitness.“ Die Anzahl der Mitglieder in Fitnessstudios und der Besucher von Wellnessanlagen ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen – ein Trend, der aus Expertensicht noch anhalten wird.

„Gute Chancen bietet aktuell vor allem der Dienstleistungssektor, der immer stärker an Bedeutung gewinnt. Gesucht werden Arbeitskräfte für Tätigkeiten im Verkauf, in der Gastronomie oder beispielsweise in der Callcenter-Branche“, sagt Nadja Wunsch-Meißner, Teamleiterin Arbeitsvermittlung bei der Bundesagentur für Arbeit in Berlin-Mitte. „Die Vorbildung ist in diesen Bereichen weniger wichtig als in anderen. Was zählt, ist nicht unbedingt eine abgeschlossene Ausbildung, sondern vor allem die Motivation, wie uns Arbeitgeber immer wieder glaubhaft versichern.“ Als besonders attraktiv gelten diese Branchen allerdings nicht. Mitunter müssen die Arbeitsvermittler Überzeugungsarbeit leisten, weil einige ihrer Kunden durch Nachrichten über die schwarzen Schafe der Branche abgeschreckt wurden. „Der weitaus überwiegende Teil der Unternehmen in diesem Bereich arbeitet seriös und bildet seine zukünftigen Mitarbeiter gut aus. Man muss vorab genau prüfen, mit wem man es zu tun hat.“, betont die Arbeitsvermittlerin. „Die Berufsaussichten in diesem Bereich sind nach wie vor exzellent, da die Branche boomt. In Zukunft werden weiterhin Stellen und auch neue Leitungsfunktionen entstehen.“

Auch die Versicherungsbranche zeigt sich Quereinsteigern gegenüber offen. „Wir bauen derzeit bundesweit unseren regionalen Vertrieb aus. Bei der Suche nach neuen Vertriebspartnern legen wir besonderen Wert auf Beratungskompetenz, hohes Verantwortungsbewusstsein und Einsatzbereitschaft. Bei uns sind auch Menschen, die diese Fähigkeiten in einer anderen Branche unter Beweis gestellt haben, willkommen“, erklärt Ralf Kurschildgen, Leiter der Vertriebsrekrutierung bei den AXA-Versicherungen. „Eine Altersbeschränkung für neue Partner haben wir nicht. Für das Kundengespräch auf Augenhöhe kann eine gewisse Lebenserfahrung sogar von Vorteil sein, beispielsweise wenn Themen wie Ruhestandsplanung angesprochen werden.“

Als die Wachstumsbranche schlechthin gilt der Pflegesektor: Weil die Menschen länger leben und es zukünftig immer mehr pflegebedürftige Menschen geben wird. Die Arbeitslosenquote bei Alten- und Krankenpflegekräfte liegt aktuell bei unter einem Prozent. In den nächsten zehn Jahren müssen Hunderttausende zusätzliche Fachkräfte eingestellt werden, damit die Versorgung sichergestellt ist. Gefördert werden von der Bundesagentur nicht nur eine umfassende dreijährige Ausbildung, sondern auch zahlreiche kürzere Qualifizierungsprogramme wie die Ausbildungen zum Betreuungsassistenten oder zum Pflegeassistenten. Inklusive Praktikum dauern diese Ausbildungen jeweils weniger als ein Jahr.

Die beruflichen Aussichten einer Branche sollten nach Ansicht der Arbeitsvermittlerin nicht den alleinigen Ausschlag zu einem Branchenwechsel geben. Eine eingehende Beratung ist das A und O vor einem Jobwechsel. „Wir gucken uns individuell ganz genau an, was die Leute an Erfahrungen und möglichem Potenzial mitbringen“, erklärt Nadja Wunsch-Meißner. „Berufliche Kontakte und gute Branchenkenntnisse sind wertvoll und können oftmals bei der Neuorientierung genutzt werden.“

Kirsten Schiekiera