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Studium & Beruf Das Leben ist kein Ponyhof
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00:00 11.05.2013
Jeden Tag reiten, Pferde füttern und pflegen: Das klingt wie ein Traum. Doch die Arbeit ist körperlich hart und häufig schlecht bezahlt. Quelle: Rolf K. Wegst
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Gomadingen

Jeden Tag reiten, Pferde füttern und pflegen: Melanie Bazlen hat ihren Traumberuf gefunden. Die 19-Jährige macht eine Ausbildung zur Pferdewirtin. Sie hat den Job, den viele Mädchen wollen. „Man verbringt den Tag mit ganz unterschiedlichen Pferden, reitet selbst und bildet junge Pferde aus“, erzählt sie. Doch so romantisch wie in vielen Mädchenträumen ist die Ausbildung nicht. Pferdewirte haben einen Knochenjob, dürfen es mit Überstunden nicht so genau nehmen und verdienen später als Reitlehrer oder in einer Pferdepension oft nicht besonders üppig.

Der Beruf, von dem viele Pferdefans schwärmen, war vor Jahrzehnten noch niedere Arbeit. Früher kümmerten sich Knechte und Mägde um die Versorgung der Pferde. Heute ist Pferdewirt zwar ein Ausbildungsberuf. Doch die Arbeit sei in vielen Punkten die gleiche wie damals, sagt Holger Bartels, Leiter der Abteilung Agrar und Umwelt bei der Gewerkschaft IG BAU. „Von der schönen Pferdewelt aus den ‚Wendy‘-Heftchen muss man sich jedenfalls schnell verabschieden.“

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Der Arbeitsalltag besteht vor allem aus körperlich harter Arbeit. „Pferdewirte müssen oft eben mal 20 Boxen ausmisten, danach bei jedem Wetter zehn Pferde reiten, auf die Weide bringen und füttern“, sagt Dietbert Arnold, der an der Berufsschule Pferdewirte ausbildet. Eine Wochenarbeitszeit von 60 Stunden und mehr sei keine Seltenheit.

Dabei gehen Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen noch mehr als in den meisten anderen Berufen je nach Betrieb weit auseinander, sagen die Fachleute. Es gebe die staatlichen und eine Handvoll großer privater Gestüte, die eine wirklich gute und umfassende Ausbildung gewährleisten könnten, sagt Bartels. „Aber da kommt man ganz schwer ran.“ Die meisten Ausbildungsplätze gebe es bei kleinen Reiterhöfen, von denen einige aber eher an billigen Arbeitskräften als an einer guten Ausbildung interessiert seien.

Melanie Bazlen hat Glück gehabt. Sie hat einen Ausbildungsplatz am staatlichen Gestüt Marbach in Gomadingen bei Stuttgart bekommen, dem größten Ausbildungsbetrieb in Deutschland. „Ich muss zwar auch Ställe ausmisten und die Pferde füttern. Aber ich habe auch viel Zeit zu reiten und bei der Ausbildung der Pferde zu helfen“, erzählt sie. Und sie lernt, Reitunterricht zu geben und Kunden im Umgang mit Pferden zu beraten.

Doch die Nachfrage nach solchen Ausbildungsplätzen ist groß. 200 Bewerbungen seien im vergangenen Jahr für die14 Ausbildungsplätze eingegangen, sagt der Marbacher Ausbildungsleiter Karl Single. Die Erwartungen an die Bewerber seien entsprechend hoch. Welche Qualifikationen Schulabgänger mitbringen müssen, hänge auch vom gewählten Schwerpunkt ab. Fünf Fachrichtungen gibt es in der Ausbildung von Pferdewirten. Der größte ist der Bereich Haltung und Service. „Da geht es vor allem darum, die Pferde von Kunden zu versorgen. Entscheidend ist deshalb, dass man die Besitzer genauso gut wie ihre Pferde betreut“, betont Single. Pferdewirte können nach der Ausbildung mit diesem Schwerpunkt etwa in einer Pferdepension arbeiten.

„Im Fachbereich ‚Klassische Reitausbildung‘ verbringt man viel mehr Zeit auf dem Rücken der Pferde“, erzählt Single. „Wer sich dafür interessiert, muss schon vor der Ausbildung gut reiten können.“ Berufschancen ergeben sich etwa in der Ausbildung von Pferden oder als Reitlehrer. Der dritte große Bereich ist die Pferdezucht. „Da geht es um das Besamen der Stuten, um die Versorgung beim Abfohlen und um das Eingewöhnen der Fohlen sowie die Aufzucht“, sagt Single. Jobchancen bieten sich vor allem bei Züchtern. Die Fachrichtungen Pferderennen und Spezialreitwesen seien eher etwas für Spezialisten, die den beschwerlichen Weg zum Profireiter auf sich nehmen wollen.

Wer eine Chance auf einen guten Ausbildungsplatz haben will, müsse schon in der Bewerbung ein realistisches Bild von der Ausbildung zeigen, rät Arnold. „Die ,Wendy-Mädels‘, die ihre Bewerbung rosa umranden und schreiben, dass sie schon seit frühester Kindheit von Pferden begeistert sind, haben sofort verloren.“ Auch ein abgeschlossenes Praktikum sei ganz wichtig. „Nur so kann man sich ein realistisches Bild von dem Beruf verschaffen und erspart sich bittere Enttäuschungen“, fügt Bartels hinzu. Auszubildende bekommen laut der Bundesagentur für Arbeit im ersten Jahr 468 bis 575 Euro, im dritten sind es 558 bis 674 Euro.

Danach müsse man sich spezialisieren, sich weiterbilden und Marktlücken suchen: „Wer das nicht macht, der wird mit seinem Einkommen immer im 1000-Euro-Bereich bleiben“, warnt Arnold. Viele Pferdewirte machen sich selbstständig. „Der Pferdewirt ist immer stärker ein Serviceberuf geworden. Wenn man guten Reitunterricht gibt, Kunden bei der Pflege und der Ausbildung ihrer Pferde berät, kann man damit ganz gut Geld verdienen.“ Auch die Kombination mit einer Ausbildung als Schmied oder Besamungstechniker sei oft ein guter Weg. Wer es so schaffe, einen Kundenstamm an zahlungskräftigen Pferdeliebhabern aufzubauen, für den wird er Realität: der Traum vom Job mit Pferden.