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Design „Wer in der Flasche steckt, kann das Etikett nicht lesen“
Mehr Lifestyle Design „Wer in der Flasche steckt, kann das Etikett nicht lesen“
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21:57 25.10.2018
Packaging Skizze für „Pokalbecher für Brotaufstriche“ von spellmeyer design ntwrk im Jahr 2012.
Packaging Skizze für „Pokalbecher für Brotaufstriche“ von spellmeyer design ntwrk im Jahr 2012. Quelle: Spellmeyer Design Ntwrk
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Industriedesign – das klingt für viele erst einmal widersprüchlich. Müssen Sie sich oft mit diesem Missverständnis auseinandersetzen?

Ja, vor allem mit der Vorstellung, dass das Design am Ende für den schönen Schein sorgen soll. Eine eher kosmetische Idee – wir sollen noch mal etwas hübsch machen, wenn das Produkt schon lange entwickelt wurde. Dabei muss der Industriedesigner schon zu Beginn eines Projekts mit eingebunden werden. Es geht schließlich nicht nur darum,
ein Ding zu gestalten.

Sondern?

Wir fragen genau: Was braucht der Mensch? Was kann die Welt besser machen? Das schließt auch Dienstleistungen ein. Zum Beispiel, wenn es um die Gestaltung eines Smartphones geht, das ja schon lange nicht mehr nur zum Telefonieren genutzt wird, sondern in einem großen Netz aus Dienstleistungen eingebunden ist.

Die Welt besser machen … deckt sich das immer mit den Interessen des Auftraggebers?

Nicht immer. Wir sehen uns auch als Moderatoren. Allein innerhalb eines Unternehmens können die Interessen und Vorstellungen sehr unterschiedlich sein – zum Beispiel zwischen Marketing, Vertrieb und Herstellung. Jede Position hat dabei ihre Berechtigung, vor allem aber doch die des Benutzers.

Das Schneidbrett aus Kunststoffabfällen hat Gunnar Spellmeyer 1987 mit Formfürsorge entwickelt. Quelle: Klaus Wille

Das klingt nach viel Vermittlung.

Ja, Industriedesign ist deshalb auch eine Querschnittsdisziplin, bei der es eben nicht ausreicht, Inhalt und Form zusammenzubringen.

Hat sich innerhalb der letzten Jahre viel auf Ihrem Gebiet geändert?

Zum einen stellt sich die Frage der Nachhaltigkeit schon seit einiger Zeit. Zum anderen wird immer weniger in Deutschland und auch in ganz Europa produziert. Oft kommen sogar schon die Entwürfe aus Asien. Da muss man schon fragen, wo die Innovation welcher Art künftig herkommt. Auch die künstliche Intelligenz spielt eine immer größere Rolle – sie verändert die Produkte und unseren Umgang mit ihnen.

Zum Beispiel?

Nehmen wir noch mal das Smartphone mit seinen vielfältigen Möglichkeiten. Nicht wenige machen sich Sorgen. Sie fragen sich, was Sprachassistenten mit all den Informationen machen. Da wächst unsere Angst um den Verlust der eigenen Kontrolle über die Dinge. Das Industriedesign hat hier auch die Aufgabe, ein Stück Sicherheit zu geben.

An der Uni bieten Sie Design-Thinking-Seminare an. Worauf müssen sich die Studierenden einstellen?

Bei Design Thinking handelt es sich um eine Methode, Innovationen zu entwickeln – aber eigentlich auch um eine Denkhaltung, wie man Aufgaben angeht. Es geht um Kreativität, vor allem aber auch darum, die Dinge mit einem bestimmten Abstand zu betrachten, um zu einer guten Lösung zu kommen. Wer in der Flasche steckt, kann das Etikett nicht lesen.

Branding, Packaging, Produktdesign für Keks „Pur*“ von spellmeyer design ntwrk aus dem Jahr 2011 für Parlasca. Quelle: spellmeyer design ntwrk

In Ihre Vorlesungen und Seminare fließen mehr als 30 Jahre Produktdesign-Erfahrung ein. Bewegen Sie sich zu Hause auch nur im durchgestylten Ambiente?

(lacht) Gäste sagen oft, dass es so wäre. Aber bei mir zu Hause sieht es nicht aus wie im Schaufenster eines Designhändlers. Es gibt ja auch andere Gründe, sich mit Dingen zu umgeben – emotionale zum Beispiel. Ich habe einen 26 Jahre alten Sessel, den mir mal meine Kollegen geschenkt haben. Eigentlich ist er schon ganz schön durchgesessen … aber ich hänge an dem Stück.

Gunnar Spellmeyer ist seit 2000 Professor für Industrial Design Entwurf und Entwurfspräsentation an der Hochschule Hannover. Quelle: Patrice Kunte

Zur Person

Gunnar Spellmeyer ist seit 2000 Professor für Industrial Design Entwurf und Entwurfspräsentation an der heutigen Fakultät III, Abt. Design und Medien, an der Hochschule Hannover. 2001 erhielt er die Ehrenprofessur der Universität Hefei, China.

Spellmeyer studierte bis 1990 in Hannover, war 1987 Mitbegründer des Designbüro Formfürsorge und Dozent an Hochschulen in Frankreich, Indien, China, Mexiko und Indonesien. Der gebürtige Osnabrücker entwarf Konsum- und Investitionsgüter, entwickelte Erscheinungsbilder und auch Ausstellungen. Als freier Designer arbeitet der 54- Jährige heute nebenberuflich im spellmeyer design ntwrk an Themen im Bereich des strategischen und konzeptionellen Design, im Bereich Konsumgüterdesign, Fooddesign, Packagingdesign und Ausstellungsgestaltung.

Im Laufe seiner Karriere konnte sich Spellmeyer über zahlreiche Auszeichnungen freuen: unter anderem 1992 über den ersten Preis des Lucky Strike Junior Design Award sowie über die Aufnahme seiner Produkte in die Sammlungen des Stedelijk Museums (Amsterdam), der Neuen Sammlung (München), des Museums für angewandte Kunst (Frankfurt am Main) sowie des Kestner-Museums (Hannover). Für ein Lehrprogramm wurde er 2015 mit dem Innovation and Entrepreneurship Teaching Excellence Award ausgezeichnet.

Katrin Schreiter

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