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Gewerbeimmobilien „An einem Strang ziehen, um die Krise zu meistern“
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„An einem Strang ziehen, um die Krise zu meistern“

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18:35 07.10.2020
Ulf-Birger Franz: Der 53-Jährige studierte Sozialwissenschaften und ist seit 2010 Dezernent für Wirtschaft, Verkehr und Bildung der Region Hannover. Zuvor war er in der volkswirtschaftlichen Abteilung der Nord/LB tätig. Quelle: Eberstein
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Wie ist aktuell die Stimmung in der Immobilienbranche?

Die Covid-19-Pandemie und die damit verbundenen Unsicherheiten sind in der Immobilienwirtschaft in der Region Hannover deutlich spürbar. Die Auswirkungen auf die einzelnen Teilmärkte fallen allerdings unterschiedlich aus: Insbesondere Einzelhandel, Hotel und Gastronomie sind sehr stark betroffen. Doch auch in den Segmenten Wohnen, Büro und Logistik wird es Auswirkungen geben. Trotzdem ist der Standort Hannover insgesamt gut aufgestellt: die eher bedarfsorientierte Projektentwicklung in allen Teilmärkten wirkt im Moment Leerständen und drohendem Preisverfall tendenziell entgegen.

Dies könnte sich aktuell als Wettbewerbsvorteil in dieser Krise erweisen. Und sobald wir aus dem Krisenmodus herauskommen, haben die hannoverschen Marktakteure auch wieder viele spannende Ideen für neue Projekte. Für alle Teilmärkte gilt: Hannover hat in der Vergangenheit eine belastbare und wirtschaftlich solide Basis entwickelt, die bei Immobilieninvestoren als wesentliche Voraussetzung für Investitionen gilt. Das ist trotz aller Schwierigkeiten eine gute Voraussetzung, diese Krise zu meistern.

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Die Region Hannover ist als Logistikstandort sehr gefragt, die Branche hat ihre Systemrelevanz in den vergangenen Monaten einmal mehr unter Beweis gestellt. Was sind aktuell die größten Projekte?

Die Krise hat kurzfristig vor allem die vor- und nachgelagerte Logistik für den wachsenden Onlinehandel gestärkt. Für Immobilien und logistische Infrastrukturen, die vor allem für Industrielogistik ausgelegt sind, ist die Lage hingegen immer noch angespannt. Insbesondere die Automotive-Branche ist stark betroffen. Mittelfristig gehen wir allerdings von unverändert hohen logistischen Flächenbedarfen in der Region Hannover aus. Das zeigen auch die anstehenden oder im Bau befindlichen Projekte wie der VGP-Park in Laatzen, die Investitionen von UPS in Langenhagen oder die Erweiterung des Logistikzentrums am Messegelände durch Verdion.

Wegen der Corona-Krise ist Homeoffice noch gefragter als noch vor einem halben Jahr. Wie wirkt sich das auf den Büromarkt in Hannover aus, speziell auf die Coworking-Spaces?

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Büroflächenumsätze in den nächsten Monaten tatsächlich entwickeln werden. Im Moment weiß niemand genau, wie sich die Zunahme der digitalen Arbeitsprozesse und der Ausbau von Homeoffice langfristig auswirken und ob sich dadurch der Trend zu flexiblen Büroflächenanmietungen und Coworking, der zuletzt auch in Hannover festzustellen war, abschwächt.

Da wir in den nächsten Jahren aber weiterhin von steigenden Bürobeschäftigtenzahlen in Hannover ausgehen, dürften Homeoffice und Digitalisierung nur kurzfristig dämpfende Effekte auf das gesamte Bürovermietungs- bzw. Projektentwicklungsvolumen haben. Der Coworking-Anbieter Design Offices hat trotz der Krise am Standort Hannover festgehalten und vor Kurzem mitten in der Krise den neuen Standort eröffnet. Ob die Steigerungsraten der „Vor-Corona-Jahre“ bei Flächenumsätzen und Mieten auf Sicht wieder erreicht werden, ist allerdings fraglich.

Die Hotelbranche verzeichnet in den ersten beiden Quartalen 2020 starke Einbußen. Was bedeutet das für die neu eröffneten Hotels und die Hotels, die in Planung sind?

Der Hotelmarkt spürt die Auswirkungen der Pandemie besonders deutlich. Ein Ausbleiben von Geschäftsreisenden, Absagen von Messen und anderen Großveranstaltungen und Reiseeinschränkungen haben die Hotels in den letzten Monaten extrem belastet. Und auch die ersten Lockerungen haben die Situation bislang nur bedingt entspannt. Ob die zahlreichen Projekte, die in der Pipeline stecken, tatsächlich realisiert werden, bleibt abzuwarten. Aktuell sind viele Verhandlungen und strategische Projekte auf Eis gelegt, bestehende Hotels sind in ihrer Existenz gefährdet. Deshalb geht es jetzt darum, gemeinsam mit der Hotellerie und der Veranstaltungswirtschaft Konzepte zu entwickeln, wie sich Hannover in der Zukunft als attraktiver Kongress- und Messestandort aufstellt. Der Wettbewerb in diesem Bereich wird deutlich härter werden als vor der Corona-Pandemie. Um auch als touristische Destination stärker wahrgenommen zu werden, brauchen wir einen mutigen Auftritt Hannovers und auch neue Attraktionen. Dafür müssen private und öffentliche Akteure in der Region an einem Strang ziehen.

Interview:  Carolin Müller