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Bauen & Wohnen Design der Fünfziger wieder im Trend
Mehr Bauen & Wohnen Design der Fünfziger wieder im Trend
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12:20 15.10.2012
Optimistische Farben und originelles Design: Die Fünfziger sind wieder beliebt. Quelle: Andrey Kiselev/ Fotolia.com
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Stuttgart

Zu Zeiten des Wiederaufbaus in den fünfziger Jahren wünschten sich die Menschen in Europa vor allem Sicherheit, Glück und Zufriedenheit. Eine Sehnsucht, die auch heute wieder viele verspüren. Möbel von damals und Neuinterpretationen des Fünfziger-Jahre-Designs sind daher zurzeit sehr gefragt. Denn die bauchigen, runden Formen der Möbel vermitteln ein Gefühl von Heimeligkeit und Geborgenheit.

Im Möbelhandel sieht man vor allem zierliche Polstersessel auf Metall- oder Holzbeinchen sowie Nieren- oder Dreieckstische in verschiedenen Größen und Höhen. Die Leuchten haben geschwungene Schirme wie bei Axo Light oder bewegliche Leuchtenarme mit Lampenschirmen in Tütenform wie von Foscarini. Die Formen erwecken etwasVertrautes, Bekanntes, irgendwie Bodenständiges - auch bei Verbrauchern, die die Fünfziger selbst nicht erlebt haben.

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Dazu passen die aktuellen Einrichtungsfarben: Curry, Dunkelrot, Orange oder Petrol waren in den Fünfzigern schon beliebt. Häufig werden sie in geometrischen Mustern verwendet, wie in der Kollektion „Osmose“ von Camengo.

„Diese nostalgische, vertraute Seite ist sehr stark Teil des Heute. Der Konsument schaut zurück in seinem Versuch, sich wohlzufühlen“, erläutert Richard Lampert, Verleger und Produzent von Designmöbeln aus Stuttgart. „Avantgarde ist out. Der Klassiklook im Neuen ist gefragt.“ Der Mailänder Designer Rodolfo Dordoni nennt den Grund für die Suche nach Heimeligem: „Die Welt ist etwas durcheinander in diesem Moment. Noch immer ist die Krise nicht überwunden.“ Auch er bedient sich der Elemente der fünfziger Jahre: Sein zierlicher Stuhl „Flavin“ für die Minotti-Kollektion hat schräg gestellte Holzbeine und sanft gerundete Formen, der Bezug ist schlicht.

In den fünfziger Jahren dominierten vor allem zwei Stilrichtungen: zum einen der von Dieter Rams perfektionierte, in der Bauhaus-Tradition stehende Neofunktionalismus, der vor allem Elektrogeräte als Einrichtungsgegenstände inszenierte und Systemmöbel populär machte. Zum anderen war ein organischer Modernismus beliebt, der auf den Traditionen des minimalistischen skandinavischen Designs beruht. Als dessen bekannteste Vertreter gelten der Finne Alvar Aalto, der Däne Arne Jacobsen sowie die Amerikaner Ray und Charles Eames.

Es gibt Möbel, die seit ihrer Premiere ununterbrochen in Produktion sind. Beispiele sind Arne Jacobsens Stuhl „Ameise“ oder die Modelle seiner „7er Serie“ sowie der „CH24 Wishbone Stuhl“ von Hans J. Wegner und der „Lounge Chair“ des Ehepaars Eames. Der Sessel ist auch ein Beispiel dafür, wie viele Klassiker nach und nach etwas der Zeit angepasst wurden: Der Hersteller Vitra schuf eine Version des „Lounge Chair“, in der auch große Menschen bequem sitzen.

In Zusammenarbeit mit dem Eames Office und der niederländischen Designerin Hella Jongerius entstand eine helle, leichtere Neuinterpretation: Die weißen Lederpolster sind in lasierte Furnierschalen aus hellem Nussbaum eingebettet, der Aluminiumfuß ist poliert. So passt der ursprünglich schwarze und braune Klassiker in helle Einrichtungen.

„Der Zeitgeist und die konkrete Nachfrage nach Möbeln sind sehr stark dadurch geprägt, dass alte Entwürfe in unterschiedlicher Weise neu interpretiert werden“, erläutert Lampert. „Neue Entwürfe drücken dem alten Produkt den Stempel ‚Heute‘ auf, aber der Urentwurf ist klar wiederzuerkennen.“ In seinem Auftrag wurde ein anderes Original verändert: Der „Lounge Chair“ von Herbert Hirche von 1953 ging 2000 neu in Serie und ist nun im Angebot mit unterschiedlichen Stoffen oder einem Kuhfellbezug.

An die eher verspielten Formen der fünfziger Jahre knüpft der italienische Designer Mario Ferrarini mit seinem Neuentwurf „Kalè“ für Living Divani an. Dieses Möbel eignet sich als Beistelltisch oder mit einem bunten Kissen als Hocker. Neben seiner sanft geschwungenen Form greift der Entwurf etwas auf, was auch damals die Designer gerne nutzten, um ihre Gestaltungsmöglichkeiten zu erweitern: neue Materialien. Ferrarini wählte Cristalplant, einen Verbundwerkstoff aus Mineralien sowie Polyester- und Acrylpolymeren. Es lässt sich beliebig formen, ist robust und fühlt sich samtig an.

„Für mich geht es nicht nur um das Produkt oder seine Funktion“, erläutert Ferrarini seinen Entwurf. „Es soll ein Dialog zwischen dem Objekt und seinem Benutzer entstehen. Im Fall von ‚Kalè‘ ist es besonders reizvoll, wenn mehrere davon zusammenstehen. Mich erinnern sie dann an die fröhliche Ausstrahlung einer Blumenwiese.“ Eben diese runden, bauchigen und irgendwie optimistischen Formen waren typisch für das Design der fünfziger Jahre, in denen der Wunsch nach einem harmonischen Lebensdesign dominierte. Nicht umsonst gilt gerade der Nierentisch bis heute als Inbegriff des Wohnens in den Fünfzigern: Er hatte den richtigen Schwung.

Uta Abendroth