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Auto & Verkehr Porsche bringt die vierte Dimension des Carrera
Mehr Auto & Verkehr Porsche bringt die vierte Dimension des Carrera
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00:43 10.11.2012
Breite Backen, rotes Leuchtband: Die neuen 911 Carrera 4 und 4 S sind in der Heckansicht unverwechselbar – die verbreiterten Radhäuser lassen den Wagen wuchtig auf der Straße stehen. Hersteller (3)
Breite Backen, rotes Leuchtband: Die neuen 911 Carrera 4 und 4 S sind in der Heckansicht unverwechselbar. Quelle: Hersteller
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Stuttgart

Porsche bleibt ein Phänomen: Während andere Automobilhersteller derzeit mit Riesennachlässen versuchen, ihre Halden an Neuwagen abzubauen, werden den Stuttgarter Sportwagenbauern die Autos aus den Händen gerissen. Die Anziehungskraft der Marke ist weltweit ungebrochen. In den wichtigen Zukunftsmärkten China und Russland sowie dem alten Kernmarkt USA konnten die Schwaben sogar deutlich zulegen - in Russland im vergangenen Jahr um sagenhafte 90 Prozent. 2013 wird das Programm mit dem Macan um die fünfte Modellreihe erweitert. Das SUV auf der Konzernschwester-Plattform des Audi Q5 soll die Marke weiter nach unten öffnen. Doch das sportliche Herz von Porsche bleibt der 911. Nach der Präsentation der neuen Elfer-Generation vor einigen Monaten schiebt Porsche jetzt mit dem Carrera 4 und dem Carrera 4 S die Allradversionen nach, die auch als Cabriolet zu haben sind.

Der Allradantrieb hat bei Porsche eine lange Tradition. „Seit 1964 haben wir 800000 Elfer mit Allradantrieb verkauft, 70 Prozent davon haben heute noch eine Straßenzulassung“, verkündete Porsche-Chef Matthias Müller stolz bei der Vorstellung der neuen Allradmodelle. Und machte eins gleich klar: „Uns geht es nicht um Offroad-Qualitäten, sondern darum, die sportlichen Fahreigenschaften zu verbessern.“ Denn die Rechnung ist einfach: Ist der 911 mit reinem Heckantrieb auch einen Tick rasanter in der Beschleunigung und ein paar Stundenkilometer schneller in der Endgeschwindigkeit, so war die Allradversion bislang doch immer Sieger auf der Nordschleife des Nürburgrings - in Europa nach wie vor das Maß aller Sportwagenfahrer. Der Grund ist, dass vier angetriebene Räder wegen der besseren Traktion schneller um die Kurven kommen.

Für den neuen Carrera haben die Stuttgarter Ingenieure ein Leistungspaket zusammengeschnürt, das alle bisherigen Allradversionen in den Schatten stellt: Über eine elektronisch gesteuerte Lamellenkupplung wird die Antriebskraft je nach Bedarf zwischen Vorder- und Hinterachse verteilt. Eine Quersperre (optional, in Verbindung mit dem Handschaltgetriebe mechanisch, beim Doppelkupplungsgetriebe elektronisch) bremst dabei das kurven-innere Hinterrad gezielt ein. So werden Lenkpräzision und Fahrdynamik verbessert. Das in der Grundauslegung sportlich heckdominant ausgelegte System schaltet in Millisekunden und ist im Ergebnis einfach verblüffend. Wenn man bei anderen Fahrzeugen längst adrenalingetränkt auf der Bremse steht, um heil aus der Kurve zu kommen, lenkt man mit dem neuen Carrera einfach ein - und gibt Gas, sobald man den Scheitelpunkt erreicht hat. Mit geradezu aufreizender Lässigkeit fliegt der Sportwagen über den Asphalt und beschleunigt, als gäbe es nichts Leichteres. Eine solche Performance dürfte nur ganz wenigen Sportwagen auf dieser Welt gelingen.

Das alles ist natürlich ein wenig machohaft, macht aber ungeheuer viel Spaß, solange Straße und Verkehr es zulassen. Und natürlich gibt es auch bei diesem Auto physikalische Grenzen, denn der Allradantrieb ist keine Lebensversicherung. Doch die liegen so weit außerhalb alltäglicher Fahrerfahrungen, dass man sie im Straßenverkehr kaum einmal ausreizen wird. Wem die 294 kW/400 PS im Carrera 4 S nicht ausreichen, dem bietet Porsche ein Leistungskit (ab 13804 Euro) mit 316 kW/430 PS an - damit knackt der Elfer dann auch die 300 km/h-Marke und legt den Sprint von 0 auf 100 km/h in 4,0 Sekunden zurück.

Zu erkennen ist der neue Allrad-Elfer am einfachsten von hinten. Denn auch dieses Auto kennzeichnet das typische rote Leuchtband quer über dem Heck. Außerdem steht er auffallend breit auf der Straße - die hinteren Radhäuser wurden jeweils um 22 Millimeter herausgezogen. Dass Porsche bei den beiden zur Wahl stehenden Maschinen die Leistung gesteigert und die Verbräuche gesenkt hat, sei hier der Vollständigkeit halber erwähnt. Denn wer Gas gibt, und darum geht es bei einem solchen Fahrzeug, lässt die geschönte Welt der Normverbräuche meistens in Rauch aufgehen.

Kommen wir zu den Schwächen des Wagens - die liegen wie immer bei Porsche in der Preisgestaltung. Der „einfache“ Carrera 4 kostet mindestens 97557 Euro, das Cabrio in der S-Version 125046 Euro. Wer denkt, er bekomme damit ein gut ausgestattetes Fahrzeug, irrt. Schon automatisch abblendende Innen- und Außenspiegel mit integriertem Regensensor gibt es nur gegen Aufpreis. Und die Options- bzw. Individualisierungsliste ist mehr als 50 Seiten lang.

Gerd Piper