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Auto & Verkehr Mit dem VW-Vorstand auf Abnahmefahrt
Mehr Auto & Verkehr Mit dem VW-Vorstand auf Abnahmefahrt
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00:10 04.08.2012
Ein Mann mit mehr als 25 Jahren Erfahrung: VW-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg. Quelle: Hersteller
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Chengdu

Der erste Test gilt immer den Türen. Das Öffnen und Schließen muss leicht und ohne Widerstand funktionieren. „Wie ein warmes Messer, das durch Butter schneidet“, beschreibt das Ulrich Hackenberg. Er soll den beiden neuesten Modellen der Marke Volkswagen für den immer wichtiger werdenden chinesischen Markt grünes Licht für die Produktion geben - oder eben auch nicht. Den Türtest bestehen Jetta und Santana zwar sofort, der härteste Teil der Abnahmeprozedur steht den beiden Stufenhecklimousinen fürs chinesische Volk aber noch bevor: die Bewährungsprobe auf den Boulevards, Autobahnen und Schotterpisten ihres künftigen Einsatzgebietes.

Dafür, dass es hier tatsächlich um die bereits geleistete Arbeit vieler Jahre und drohende Nachtschichten in den nächsten Monaten geht, ist die Stimmung vor dem Start der Testfahrt im chinesischen Chengdu entspannt. Fast könnte man Hackenberg, in schwarzer Freizeithose und weißem Polohemd, für einen Touristen halten. Auch der Rest des Trosses, Entwicklungsingenieure von VW und den chinesischen Joint-Venture-Partnern sowie Manager der neuen Fabrik vor Ort, verzichtet auf Businessschwarz und Schweiß auf der Stirn.

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Verbergen lässt sich vor Hackenberg aber trotzdem nichts. Der in Herne geborene Maschinenbauer gilt als einer der führenden Automobilingenieure weltweit. Bei VW hat der in der Öffentlichkeit eher zurückhaltende Vorstand unter anderem die TSI-Motoren verantwortet, auch das Direktschaltgetriebe und den modularen Querbaukasten, auf dem künftig viele Konzernmodelle basieren werden, hat er entscheidend nach vorn gebracht. Was motorisierte Fahrzeuge angeht, macht man ihm nicht so einfach etwas vor. Zudem gilt Hackenberg wie sein Chef Martin Winterkorn als detailversessen.

Jetta und Santana haben es also nicht leicht. Das Abnahmeteam rückt ihnen eng zu Leibe. Jeder Schalter wird gedrückt, jeder Hebel gezogen. Geht das leicht? Rastet alles sauber ein? Muss noch irgendwo nachgearbeitet werden? Bis zum Anlauf der Serienproduktion und dem Marktstart im Herbst sind es nur noch wenige Monate. Jedes Feilen und Nachjustieren kostet Geld und knappe Zeit. Für gewöhnlich ist dies an diesem Punkt der Entwicklung aber nur noch bei Kleinigkeiten möglich. Schließlich haben Jetta und Santana schon etliche Probefahrten hinter sich. Neben den täglichen Tests im Werk gab es bereits Versuchs-, Pilot- und Nullserienfahrten.

Dass auch ein Vorstand wie Hackenberg so stark in die Tests eingebunden ist, ist nicht unbedingt branchenüblich. Der Entwicklungschef absolviert alle paar Wochen eine Abnahmefahrt. „Rund 20 sind es im Jahr, wenn man allein die komplett neuen Modelle zählt“, sagt Hackenberg. Konzernweit werden jährlich 40 solcher Testtouren gemacht. Das Engagement des Vorstandes ist dabei Teil des Erfolgsrezepts dieses Konzerns, der schließlich nichts weniger als die Weltmarktführerschaft anstrebt. Hackenberg verbringt wenig Zeit in seinem Wolfsburger Büro, reist stattdessen die weltweiten Entwicklungszentren ab und informiert sich bei seinen rund 13000 Mitarbeitern.

Auf den Straßen im Umland der Millionenstadt Chengdu gibt Hackenberg das Tempo vor. Sechs Autos wollen erprobt und beurteilt werden, je drei Jetta und Santana, unterschiedlich motorisiert und mit anderen Getrieben versehen. Dicke Fragenkataloge oder sperrige Klemmbretter sind nicht dabei, auch technische Hilfsmittel fehlen. Hackenberg verlässt sich auf Erfahrung, Augen und Ohren. Fühlen, hören, riechen - eine fast sinnliche Herangehensweise an das Hightechprodukt Auto.

Die Limousinen müssen sich auf den breiten Boulevards der Innenstadt, wo Verkehrsregeln eher im Sinne von Empfehlungen ausgelegt werden, genauso gut schlagen wie auf den engen und gewundenen Landstraßen, wo schon mal ein Überlandbus einen Schweinetransporter im Schneckentempo auf der Gegenfahrbahn überholt. Für die preiswerten Einstiegsautos gelten zwar nicht die hohen Maßstäbe an Komfort und Anmutung, wie sie etwa der kommende Golf VII erfüllen soll, trotzdem muss die Qualität stimmen - und möglichst über der der Wettbewerber liegen.

Jetta und Santana schlagen sich gut. „Ich bin sehr zufrieden“, urteilt Hackenberg am Ende des Tages entspannt. Die Freigabe bekommt aber nur der Jetta. Beim Santana müssen die Ingenieure erneut ran: Die Klimaanlage pfeift noch zu laut, die Automatik schluckt noch etwas zu viel Motorleistung, an einigen Kunststoffteilen stimmt die Passgenauigkeit noch nicht. Vergleichsweise Kleinigkeiten. Die Entwickler in China werden wohl keine wochenlangen Nachtschichten einlegen müssen. Während sie nach Lösungen suchen, ist Hackenberg schon wieder unterwegs. Direkten Weges geht es nach Florida. Dort wartet sein Chef Martin Winterkorn - der will unbedingt noch mal das Beetle-Cabrio in seiner aktuellsten Entwicklungsstufe fahren. Und auch dort wird der erste Griff an den Türöffner gehen.

Zur Person Ulrich Hackenberg

Ulrich Hackenberg wurde am 12. Mai 1950 in Herne (NRW) geboren. Nach Abschluss des Maschinenbaustudiums in Aachen war er von 1978 bis 1985 am dortigen Institut für Kraftfahrzeugwesen tätig. 1985 wechselte er in die Industrie und arbeitete zunächst in der Entwicklungsabteilung von Audi, wo er 1989 zum Projektleiter aufstieg und unter anderem die Modelle Audi 80, A3, A4 und TT verantwortete.

1998 ging Hackenberg zu Volkswagen und leitete dort unter anderem die Pkw-Konzeptentwicklung und die Neustrukturierung der Entwicklungsabteilung bei der Kurzzeit-Konzerntochter Rolls-Royce. Zwischen 2002 und 2007 war Hackenberg erneut für Audi tätig und unter anderem für die Konzeptentwicklung zuständig. 2007 schließlich wurde er in den Markenvorstand von Volkswagen berufen, wo er seitdem für den Geschäftsbereich Entwicklung verantwortlich ist.

Holger Holzer