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10:15 02.09.2013
Handarbeit für feinste Klangnuancen.
Handarbeit für feinste Klangnuancen. Quelle: Daimler AG
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Hannover

Früher war das Leben für Musikliebhaber unter den Autofahrern noch recht einfach: Man kaufte sich ein gutes Autoradio mit Kassettenrekorder schraubte zwei Dreiwege-Lautsprecherboxen aus Kunststoff auf die Hutablage und war glücklich. Das ist lange her. Inzwischen hat das High-End-Virus auch die Automobilindustrie erreicht: Jeder Hersteller, der etwas auf sich hält, führt mindestens eine namhafte High-End-Manufaktur im Programm – immer für viel Geld unter der Rubrik Sonderausstattung. Dabei ist das Ergebnis manchmal fragwürdig.

Das Auto als Konzertsaal

„Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist“: Diese Zeile aus einem Grönemeyer-Lied beschreibt bereits das ganze Dilemma, in dem sich Autofahrer befinden, die gerne unterwegs Musik hören. Denn ein Auto ist alles andere als ein Konzertsaal: Abrollgeräusche der Reifen, Wind, der vorbei- pfeift, und natürlich das Brabbeln des Motors sind Killer für eine gute Akustik. Dazu kommt das Resonanzverhalten der unterschiedlichen Werkstoffe, aus denen ein Auto im Innenraum nun einmal besteht: Glas, Plastik, Leder, Stoff und Metall. Obwohl der reine, der absolute Klang und die damit verbundene räumliche Wiedergabe des Musikgeschehens in einem Auto eine Illusion sind und es auch bleiben werden, gehen die Autohersteller unverzagt ans Werk und präsentieren immer aufwendigere Audioanlagen mit dem Versprechen, den Wagen damit doch noch in einen Konzertsaal zu verwandeln.

Und tatsächlich – es klappt. Allerdings nur bei gewissen Genres: Heavy Metal, Rock oder Elektropop lassen sich im Auto ab einer gewissen Lautstärke sehr gut hören, Subwoofer und Hochtöner geben ihr Bestes, befeuert von vielen hundert Watt aus den entsprechenden Verstärkern und Endstufen, die sich an allen möglichen Stellen im Auto befinden. Freunde etwas leiserer Töne, etwa Klassik oder Jazz, haben es da schwerer – zwar sind vor allem für sie die sündhaft teuren Anlagen gemacht, doch sie müssen kompromissbereit sein: Sobald das Auto anfährt, ist es mit der ohnehin problematischen Akustik Essig.

Welcher Hersteller es trotzdem mit wem versucht, zeigt der folgende Überblick:

  • Mercedes-Benz: Die Stuttgarter haben in der neuen S-Klasse den Vogel abgeschossen und mit Dieter Burmester den deutschen Klangtüftler schlechthin ins Boot geholt. Burmester-Anlagen gelten bei vielen Audiophilen als das Nonplusultra schlechthin und sind für Normalsterbliche eigentlich nicht mehr bezahlbar. In der S-Klasse gibt es zwei Möglichkeiten: Zum einen die kleine Lösung mit 13 Lautsprechern und 590 Watt für 1.309 Euro oder aber die große Lösung mit 24 Lautsprechern und 1.540 Watt Musikleistung. Daimler verspricht High End, wofür der Käufer 7.497 Euro hinblättern muss. Dafür fährt dann ein gelochtes Blech mit einem Notenschlüssel aus der Verkleidung, unter dem sich der Hochtöner versteckt. Tatsächlich klingt die Anlage ziemlich neutral und eher unspektakulär.
  • Porsche: Auch Porsche-Fahrer werden von Burmester beglückt. Mit mehr als 1.000 Watt aus 16 Lautsprechern. Ein Sound Conditioner sorgt über ein Mikrofon dafür, dass der Klang in Echtzeit „feinfühlig“ an die jeweilige Fahrsituation angepasst wird. Was das genau heißt, weiß vermutlich nur der Klangmagier selbst. Wem das zu viel Hokuspokus ist, nimmt die Bose-Anlage. Die kostet 1.213 Euro und kann auch laut.
  • BMW: Die Bayern fahren da ein ganz anderes Programm. Sie arbeiten mit Bang & Olufsen zusammen. Der Hersteller ist für sein puristisches Design bekannt, was sich im Fahrzeuginnern eines 5ers durch die zwei Hochtonsatelliten manifestiert, die links und rechts aus dem Armaturenträger herausragen. 1.200 Watt treiben 16 Lautsprecher und zwei Subwoofer an, die sich unter den vorderen Sitzen befinden. Wer die äußerst verzerrungsfreie Anlage richtig aufdreht, bekommt dadurch gleich noch eine kleine Massage des verlängerten Rückens mitgeliefert. Kostenpunkt: 3.950 Euro. Wer sich mit amerikanischem Mittelklasse-High-End zufriedengibt, greift zu der Harman/Kardon-Surroundanlage für 1.090 Euro, bekommt dafür aber nur 600 Watt für 16 Lautsprecher.
  • Lexus: Die Nobelmarke von Toyota setzt ebenfalls auf amerikanische Elektronik, und zwar auf die von High-End-Spezialist Mark Levinson. Erstaunlicherweise kostet das Equipment „nur“ 2.500 Euro. Akustikexperten von Mark Levinson und Lexus sollen mehr als 2.000 Arbeitsstunden investiert haben, um die Anlage für die Autos abzustimmen. Tatsächlich sind die meisten Lexus-Modelle im Inneren so leise, dass auch zartbesaitete Naturen auf ihre Kosten kommen.
  • Volkswagen: Ein bisschen Jimi Hendrix oder Eric Clapton gefällig? Dann ist man bei der Fender-Edition richtig, die VW für den Beetle und den Up anbietet. Das Ambiente der Fahrzeuge kann in „Sunburst“ geliefert werden, jenem berühmten flackernden Finish, in dem die legendäre Stratocaster (E-Gitarre) in den sechziger Jahren so gerne von Musikern gekauft wurde. Die Anlage kann allerdings nur komplett mit Auto geordert werden, dafür gibt’s Class-A/ B-Endstufen, 400 Watt und eine Ambientebeleuchtung in verschiedenen Farben. Und auch sonst macht das Soundsystem des amerikanischen Gitarren- und Verstärkerherstellers richtig Laune, Marke: Strandparty.
  • Jaguar und Maserati: Jaguar setzt auf die Landsleute von Meridian und bietet 825 Watt für 2.000 Euro an – das Schnäppchen im Angebot. Auch Maserati setzt auf High End von der Insel: Die Italiener beziehen ihre Musikanlage von Bowers & Wilkins, die vor allem für fantastische Lautsprecher bekannt sind. 15 dieser Exemplare werden aus 16 Kanälen mit 1.280 Watt gefüttert, was an der Kasse 4.280 Euro macht. Aber Maserati verfügt noch über eine andere Soundanlage, die den meisten Fahrern wichtiger sein dürfte: den Pavarotti aus dem Auspuff.

Gerd Piper