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Auto & Verkehr E-Bikes - Zurück in die Zukunft
Mehr Auto & Verkehr E-Bikes - Zurück in die Zukunft
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00:48 01.12.2012
Gerade im Stadtverkehr bieten Elektromotorräder Vorteile. Quelle: Hersteller
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Hannover

Es gibt sie also doch. Motorräder, die ausschließlich elektrisch und ohne Verbrennungsmotor unterwegs sind. Ein Umdenken hat anscheinend eingesetzt. „Leise und sauber mobil sein“ heißt die neue Maxime bei stetig steigendem Straßenverkehr. Ständig steigende Benzinpreise dagegen können E-Bike-Fahrern allenfalls ein müdes Lächeln abringen.

Das E-Bike als Zukunftsvision? So ganz richtig ist das nicht, schließlich wurden bereits Ende des 19. Jahrhunderts erste Elektromotorräder für den Bahnradsport entwickelt. Schon seinerzeit galt, die folgenden Radsportler nicht all den schädlichen Auspuffgasen auszusetzen. Wer hätte dieses fortschrittliche Denken zu jener Zeit erwartet? Zurück in die Zukunft.

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Zurück in der Gegenwart entpuppen sich E-Motorräder derweil als gute Alternative - im Stadtverkehr. Mit Reichweiten von 50 bis 100 Kilometern sind lange Wochenendausfahrten nämlich nahezu ausgeschlossen, wenngleich das E-Bike an jeder Steckdose aufgeladen werden kann. Doch wer mag schon mehrere Stunden Zwangspause einlegen? Positiv gestalten sich unterdessen die Kosten von gerade einmal 50 bis 90 Cent pro Stromladung.

Ebenso übersichtlich ist jedoch auch die Anzahl der Anbieter der E-Bikes: US-Hersteller Brammo, die Schweizer Firma Quantya sowie Zero Motorcycles ebenfalls aus den USA lauten einige der klangvollen, aber wenigen Namen. Doch auch die deutlich bekanntere österreichische Motorradschmiede KTM hat mit dem Modell „Freeride E“ ein elektrisch angetriebenes Zweirad im Angebot, das 2013 für knapp unter 10000 Euro auf den Markt kommt. Beim schweizerischen Offroad-Anbieter Quantya beginnt das E-Bike-Vergnügen bei 11000 Euro für die Evo1 Track getaufte Vollcrossmaschine. Der weltweit größte Hersteller von Motorrädern, Honda, wird sein auf der Tokio Motorshow 2011 vorgestelltes E-Bike unterdessen nicht in Serie produzieren.

Leistung, Reichweite, Gewicht und Preis lauten die vier elementaren Faktoren, die über den Kauf eines solch zukunftsorientierten Zweirades entscheiden. So gibt Zero Motorcycles für sein 13995 Euro teures Topmodell ZF9 immerhin stolze 183 Kilometer Reichweite im Stadtverkehr an. Bei Autobahnfahrten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 112 km/h kommt man immer noch 101 Kilometer weit. Während die vom Hersteller angegebene Lebensdauer des Akkus mit 495000 Kilometern kaum überprüfbar erscheint, sind prognostizierte Kosten von nur einem Cent pro gefahrenem Kilometer durchaus vorstellbar.

Es geht jedoch auch günstiger: Mit nur 6855 Euro sind E-Bike-Einsteiger bei Brammo zukünftig elektrisch mobil. Das Modell Enertia ist mit einer Höchstgeschwindigkeit von 95 km/h sowie 68 Kilometern Reichweite der ideale Stadtflitzer. Wer es deutlich sportlicher mag, greift zur Brammo Empulse R. Mit stolzen 14870 Euro ist sie das Topmodell im Programm, bewältigt jedoch 121 Kilometer im Stadtverkehr. Zudem bekommt der Käufer das Zweirad eines Herstellers, der seine E-Motorräder bereits unter härtesten Wettkampfbedingungen getestet hat. Bei der Premiere der E-Bike-Rennen auf dem Straßenrundkurs der Isle of Man im Jahr 2009 belegte ein Brammo-Bike den dritten Platz.

Auch im normalen Alltagsgebrauch weiß die neueste Generation der E-Bikes zu überzeugen. Ein Abwürgen des Elektromotors? Unmöglich. Ein hakelndes Schaltgetriebe? Gibt es gar nicht, zumal der E-Motor die Leistung konstant und ruckfrei abruft. Im zuweilen hektischen Großstadtverkehr offenbart das E-Bike somit deutliche Vorteile, kann sich doch der Fahrer viel intensiver dem Verkehrsgeschehen widmen.

Doch wie verhält es sich im Gelände, wo die 42 Nm Drehmoment und bis zu 22 kW/30 PS Leistung der KTM Freeride E für ordentlich Vortrieb sorgen? Der Endurist darf sich positiv überraschen lassen: Das 95 Kilogramm leichte Freeride-E-Modell lässt sich locker durchs Gelände dirigieren. Insbesondere Einsteiger haben ihre wahre Freude. Beim Driften auf losem Untergrund muss nicht mehr gleichzeitig gekuppelt, geschaltet, gebremst und Gas gegeben werden. Es genügt ein kräftiger Tritt in die Bremse sowie ein beherzter Zug am Gasgriff.

Optisch unterscheidet sich das E-Bike auf den ersten Blick so gar nicht von den bekannten Superbikes. Zwei Räder, Lenker, Sitzbank und ein Motorblock-ähnliches Gebilde integriert in den Rahmen sind vorhanden. Doch akustisch? Außer diesem Surren des Antriebs sowie dem leisen Rasseln der Kette ist nichts zu hören - denn ein Auspuff ist nicht zu sehen.

Neben der akustischen Verwunderung - „wie Sie hören, hören Sie nichts“ - lösen die E-Bikes indes regelmäßig kontroverse Diskussionen aus. In der Zweiradszene gelten insbesondere unter den Puristen der Frischluftfraktion noch immer eherne Gesetze. Demnach muss der Fahrer sein Motorrad - und die Betonung liegt auf Motor - fühlen, hören und bestenfalls gar riechen können. So behauptete der Schweizer Motorrad-TuningPapst Fritz W. Egli einst, „Motorrad fahren sei die schönste Art, genüsslich Benzin abzufackeln“. Als weiteres Argument wurde zudem gerne angebracht, laute Zweiräder helfen, Unfälle zu vermeiden, da die Autofahrer die zuweilen recht schnell anbrausenden Biker dann schon hören könnten, bevor sie diese überhaupt zu Gesicht bekommen.

So funktioniert der Motor
Gas geben ohne Abgase: Ein Lithium-Ionen-Akku treibt einen belüfteten Gleichstrom-Elektromotor an, der über einen kupplungsfreien Direktantrieb mittels Zahnriemen wiederum das Zweirad fortbewegt.

Das Topmodell ZF9 von Zero Motorcycles kann dabei auf eine maximale Leistungsfähigkeit von neun Kilowattstunden zurückgreifen, die für 142 km/h Höchstgeschwindigkeit reichen. Die Reichweite von 183 Kilometern im Stadtverkehr ist üppig, reduziert sich bei Überlandfahrten jedoch deutlich. Um den leeren Akku komplett aufzuladen, werden neun Stunden bei 110 oder 220 Volt benötigt - also auch daheim an der Steckdose. Optional sind Schnellladezeiten möglich, die den Aufladevorgang des Akkus auf unter drei Stunden reduzieren. Bei einer Zuladung von 154 Kilogramm können zwei Erwachsene problemlos durch die Stadt cruisen. Allgemein gilt für E-Motorräder folgendes Kurzfazit: teure Anschaffung, günstiger Unterhalt, viel Fahrspaß.

Markus Beims