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Auto & Verkehr Conti baut erste Indoor-Reifentestanlage
Mehr Auto & Verkehr Conti baut erste Indoor-Reifentestanlage
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00:06 17.11.2012
Die Halle der Testanlage auf dem Gelände des Contidrom. Quelle: Hersteller
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Hannover

James Bond hätte seine wahre Freude gehabt. Der britische Kinoheld steht schließlich nicht nur für oberste Geheimhaltung, sondern fährt überdies bevorzugt einen heißen Reifen. Letzteres wird auch vor den Toren Hannovers tagtäglich praktiziert.

In die Heidelandschaft eingebettet absolviert Europas größter Reifenhersteller Continental auf dem hauseigenen Testgelände, dem Contidrom in der Lüneburger Heide, seit nunmehr 45 Jahren Tests mit seinen Gummipneus. Auf der Suche nach dem perfekten Reifen haben die Verantwortlichen jetzt eine „Revolution in der Testtechnologie“ geschaffen, so Burkhard Wies, Leiter der Reifenlinienentwicklung. Die erste vollautomatische Indoor-Reifentestanlage ermöglicht wetterunabhängig von der Jahreszeit Reifentests in einer 300 Meter langen Halle. Vor allem der Verbesserung des Bremsverhaltens gilt dabei das Augenmerk.

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Auf der Suche nach den lebensentscheidenden Zentimetern für Pkw-Fahrer und Fußgänger hat Continental die weltweit erste Anlage dieser Art in einer James-Bond-ähnlichen Geheimmission aus dem Boden gestampft. Projektleiter Cord Sprenger hatte dafür eigens mit der Carrera-Rennbahn im Büro diverse Optionen im wahrsten Wortsinn durchgespielt.

Beim Baubeginn im Herbst 2011 hatten die Verantwortlichen zunächst mit der Außenhülle der zweieinhalb Fußballfelder umfassenden Testanlage begonnen und neugierige Anfragen mit dem Bedarf nach einer neuen Reifenhalle abgewiegelt. Ähnlich geheimnisvoll wird die Frage nach den Kosten mit einer Zahl im unteren zweistelligen Millionen-Euro-Bereich beantwortet.

Innen erwarten die Testingenieure nahezu perfekte Arbeitsvoraussetzungen - und das ganzjährig. Das A und O bei Reifentests sind nämlich die exakt gleichen Bedingungen. Doch insbesondere starke Temperaturschwankungen unter freiem Himmel führten auch bei präzise durchgeführten Testreihen mitunter zu unbefriedigenden Ergebnissen. Außerdem tritt der Testfahrer bei noch so feinfühligem Vorgehen bei jedem Bremsvorgang mit einem anderen Druck aufs Bremspedal.

Die AIBA (Automated Indoor Braking Analyzer) getaufte Testanlage ermöglicht dem Reifenhersteller nunmehr auf fünf verschiedenen austauschbaren Fahrbahnbelägen inklusive einer Eishalle nahezu perfekte Möglichkeiten. Dabei wird das Testfahrzeug an einer Führungsschiene befestigt und mit einem katapultähnlichen Schlitten auf die gewünschte Geschwindigkeit beschleunigt. Von 0 auf 100 km/h in nur 4,6 Sekunden ist dabei kein schlechter Wert für einen handelsüblichen VW Golf. Das abrupte Bremsmanöver erfolgt schließlich über einen im Fußraum installierten Bremsroboter, der jeden Vorgang mit exakt demselben Kraftaufwand durchführt.

Ganz problemlos verlief der Testbetrieb anfangs freilich nicht, geben die Continental-Verantwortlichen selbst zu. Der Schlitten zur Fahrzeugbeschleunigung benötigt „von jetzt auf gleich“ derart viel Strom, dass in der nahe gelegenen Ortschaft Jeversen fast die Lichter ausgingen, da das Testgelände am Ende des Stromnetzes nahezu alle Reserven abrief. Doch auch für dieses Problem fand sich eine Lösung.

Ähnlich aufwendig ist es, die klimatischen Bedingungen in einer derartigen Halle auf demselben Niveau zu halten. Dazu wird mit überdimensionalen Klimaanlagen alle zwei Stunden die Luft ausgetauscht. Der Clou der Reifentestanlage freilich sind die hydraulisch bewegbaren, jeweils 120 Tonnen schweren und 75 Meter langen Fahrbahnen. Hightech in der Heide - versteckt vor den Toren Hannovers.

Die entscheidenden Zentimeter beim Bremsen zu gewinnen ist indes nicht nur für normale Pkw bedeutsam. Auch Geländewagen und Transporter bis zu 3,5 Tonnen Gesamtgewicht können getestet werden. Gerade die schnellen Kleintransporter gelten zunehmend als Unfallrisiko. „Die Bremsergebnisse zu verbessern und noch schneller zu einem noch aussagekräftigeren Ergebnis zu kommen“, nennt Chef Wies als eine der Prioritäten.

Für den Autofahrer haben diese verbesserten Testbedingungen derweil neben den Sicherheitsaspekten noch einen weiteren Vorteil. Nicht nur das Verhalten des Pneus beim Bremsen, sondern auch dessen Rollwiderstand erfährt eine stetige Optimierung. Schließlich werden fast 20 Prozent des Kraftstoffverbrauchs nur dafür benötigt, die Reifen auf dem Asphalt mit all seinen Widerständen zu bewegen.

Inwieweit die Konkurrenz unter den Reifenherstellern zukünftig einen ähnlich hohen Aufwand betreiben wird, bleibt abzuwarten. Dazu bedürfte es schließlich zunächst einmal einer Kopie jenes technisch aufwendigen Testbetriebs. Ohne Geheimmission lässt sich das wohl jedoch kaum so schnell realisieren. James Bond lässt grüßen.

100000 Bremstests pro Jahr

Im 24-Stunden-Betrieb können im Contidrom nunmehr bis zu 100000 Bremstests pro Jahr wetterunabhängig absolviert werden. Mit einer Länge von 85 Metern und einer Breite von vier Metern ist die Eishalle ein besonders wichtiger Testbestandteil.

Dabei kann in der Eishalle die Fahrbahntemperatur zwischen minus einem Grad und minus zehn Grad Celsius exakt eingestellt werden. In dem 3600 Quadratmeter großen Hallenkomplex ist die Lufttemperatur je nach Bedarf zwischen zehn und 25 Grad Celsius regulierbar. 90 Mitarbeiter allein im Reifenversuch - vom Reifenmonteur bis zum Testingenieur - arbeiten im Contidrom.

Markus Beims