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40 Jahre NP Medienexperte: "Wir brauchen guten Journalismus"
Mehr 40 Jahre NP Medienexperte: "Wir brauchen guten Journalismus"
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16:31 26.10.2018
Helmut Scherer Quelle: Wilde

In den USA gewinnen Zeitun­gen wie „Washington Post“ oder „New York Times“ gerade wieder an Auflage und Glaub­würdigkeit. Bieten schlechte Regierungen neue Chancen für die Tageszeitung?
Das ist wie beim Kabarett. Gutes Kabarett gibt es bei schlechter Politik. Und wenn es ein Thema gibt, an dem sich eine Zeitung mit hochwertigem Journalismus abarbeiten kann, dann kann das für die Zeitung von Vorteil sein. Aber die aktuelle Entwicklung von Zeitungen wie „New York Times“ oder „Washington Post“ zu idealisieren, ist falsch. Denn das ist ein Tropfen auf den heißen Stein: Elitezeitungen auf dem amerikanischen Lesermarkt, die ihre Position halten. Bei uns wären das die FAZ und die „Süddeutsche“, die ihre Position halten würden, aber die vielen Regionalzeitungen werden davon nicht profitieren. Die großen Marken, die auch jetzt noch in Journalismus investieren und ihn sich leisten können, die werden immer mal wieder gute Zeiten erleben.

Und die anderen?
Die Zahl der in Deutschland arbeitenden Journalisten ist in den vergangenen 20 Jahren um ein Drittel zurückgegangen, obwohl es mehr Medien gibt. Das einzelne Medium arbeitet also mit weniger Journalismus. Journalismus ist mit das Teuerste an der Zeitung – und das unabhängig von der Auflage. Eine kleine Zeitung, die guten Journalismus macht, ist genauso teuer wie eine große Zeitung, die guten Journalismus macht. Also ist Journalismus das ökonomische Problem von Zeitungen, aber gleichzeitig das, was ihren Kern ausmacht.

Nun setzen Verlage auch auf Synergien. Eine Chance für Tageszeitungen?
Die Frage ist, ob man die Synergien auch findet. Letztlich stehen wir vor einem fundamentalen Wandel im Journalismus und in der öffentlichen Kommunikation. Die Zeitung war so charmant, weil sie eine Möglichkeit gefunden hatte, hochwertigen Journalismus zu finanzieren. Über die Verbindung von Werbemarken und einen großen Publikumsmarkt ist die moderne Massenpresse entstanden. Dieses Geschäftsmodell zerfällt, und wir sind alle auf der Suche nach einem neuen Geschäftsmodell, das uns guten Journalismus ermöglicht. Wenn Synergien so verstanden werden, dass man Dinge mehrfach verwendet, ist nichts dagegen zu sagen. Wa­rum soll ein guter Beitrag nicht auch online verfügbar sein? Aber darin allein liegt nicht der Nutzen. Der Nutzen würde da­rin liegen, dass man den Journalismus erhält, dass man meh­rere Nachrichtenagenturen abonniert hat, dass man Journalisten die Möglichkeit gibt, lange hintergründige Re­cherchen zu machen – und da müsste man erst einmal schauen, ob Synergien dazu einen Beitrag leisten. Der fundamentale Wandel aber hat mit der Ökonomie zu tun. Kann man mit Online auch Geld verdienen? Niemand hat einen Plan, wie das ökonomisch künftig funktionieren soll, wie wir uns ein hohes Gut wie hochwertigen Journalismus künftig leisten können.

Was kann helfen?
Vielleicht sieht die Zukunft so aus, dass die Konsumenten sich online andere Lesegewohnheiten schaffen. Aus angemessenen Quellen verschafft man sich angemessene Nachrichten. Wenn ich also etwas über die Region Hannover wissen will, habe ich die HAZ und die NP, wenn ich etwas über die überregionale Wirtschaft wissen will, habe ich das „Handelsblatt“, oder wenn ich etwas über die große Politik wissen will, habe ich die „Süddeutsche“ oder die FAZ. So eine Rosinenpickerei wird die Zu­kunft sein. Aber die Frage bleibt: Wie organisiert man das auch wirtschaftlich? Denn man muss die Journalisten ja auch anständig bezahlen.

Wir bei der NP arbeiten bereits crossmedial. Zu einer Print-Reportage wird auch ein Foto geschossen und öfter ein Video gedreht, das Ganze online gestellt. Hat das Zukunft?
Es ist ein Gewinn an Schnelligkeit, an Möglichkeiten. Und in der journalistischen Ausbildung müsste man das sicher noch stärker integrieren. Bisher wird Online- und Printjournalismus ja eher als eigenes Feld geführt. Man muss es lernen, auch gute Bilder zu ma­chen und gute Videos zu drehen. Es weist auf jeden Fall auf das hin, was kommen wird: Journalismus findet nicht mehr nur in der gedruckten Zeitung statt.

Wie lange wird es denn überhaupt noch gedruckte Zeitungen geben?
Das Wort Zeitung bedeutet in seinem ursprünglichen Sinn das Wort Nachricht. Dieser Be­griff wurde dann zum Gattungsbegriff für das Medium. Wir ha­ben uns daran gewöhnt, in der Zeitung ein gedrucktes Produkt zu sehen. Das läuft auf ein Verfallsdatum hinaus. Wie lange das dauern wird, ist schwer zu sagen. Die gedruckte Zeitung hat gegenüber der virtuellen Zeitung massive Nachteile, sie kann nicht crossmedial sein, nicht schnell sein, sie kostet im Vertrieb ein Heidengeld. Die elektronische Zeitung ist sparsamer, auch ökologischer. Allerdings entstehen hier soziale Pro­bleme, wenn nämlich die Druckereien und Vertriebsabteilungen dichtgemacht werden. Das Hauptproblem ist nur, dass wir für die elektronische Zeitung nach wie vor kein gutes Geschäftsmodell haben.

Aber wir bräuchten eines, um diesen Massen an Fake-News in den neuen Medien etwas entgegenzusetzen ...
Wir brauchen guten Journalismus, die Funktion eines einordnenden, kommentierenden, mit Hintergründen versorgenden Journalismus. Da stehen wir vor der großen Frage, wie wir das künftig organisieren wollen. Und zu was es führt, wenn wir das nicht schaffen. AfD, „Pegida“, der Hass im Netz – das hat natürlich mit dem Bedeutungsverlust des klassischen Journalismus zu tun und der Etablierung von Kommunikationsformen, die zum Teil sehr unlauter sind. Journalismus wird hier ja schon in die Enge getrieben, Stichwort „Lügenpresse“.

Die NP wird 40 Jahre alt, werden wir auch 80?
Die Marke NP wird es weiter geben, wenn ihr der Transfer in das neue Zeitalter gelingt. Die NP hat einen großen Vorteil, nämlich, dass sie ein Unikum in der Zeitungslandschaft ist. Wo gibt es eine boulevardeske Lokalzeitung, die aber keine schreierische Boulevardzeitung mit Messer zwischen den Zähnen und Blut zwischen den Zeilen ist? Sie ist nicht nur ein Medium, das sich einer be­stimmten Information verpflichtet hat, sondern sie hat einen bestimmten Stil. Diesen etwas lockereren, menschlicheren Stil kann sie als Marke weitertragen. Die NP ist erfrischend. Boulevardesk, aber seriös. Es ist sympathisch, dass man dem Leser gefallen möchte, auf seinen Ton eingeht. Das ist nichts Negatives, denn der Leser fühlt sich nicht missachtet. Insofern war das ein begrüßenswertes Experiment vor 40 Jahren, und es ist zu hoffen, dass es 40 Jahre so weitergeht

Von Petra Rückerl