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40 Jahre NP Gar nicht alltäglich: So läuft der Zeitungsalltag
Mehr 40 Jahre NP Gar nicht alltäglich: So läuft der Zeitungsalltag
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16:45 26.10.2018
FREUNDLICH, ABER DISTANZIERT: Oberbürgermeister Stefan Schostok begrüßt NP-Reporterin Vera König. Quelle: Dröse
Hannover

Es zieht sich. Lange, seeehr lange. Eigentlich dürfte sie das nicht überraschen – schließlich kennt NP-Redakteurin Vera König die endlosen Redebeiträge, das ständige Wiederholen von Argumenten in einer Ratssitzung. Aber diesmal ist die erfahrene Reporterin überrascht: „Ich hatte gedacht, es geht schneller.“

Sie, die bei der Neuen Presse verantwortlich ist für Kommunalpolitik, besucht diese Runden im Ratssaal seit mehr als 30 Jahren. „Klar war das auch mal nervig in all den Jahren“, sagt sie. Aber nun ist es „ungeheuer spannend in diesen Zeiten“. In den Zeiten der Rathausaffäre: „Durch die Ermittlungen gegen Stefan Schostok hat das derzeit einen ganz besonderen Reiz.“

Ermittlungen gegen den OB sind Thema

Die Ermittlungen gegen den Oberbürgermeister aus Hannover – sie sind auch schon Thema bei der NP-Redaktionskonferenz am Vormittag. Was schreibt die Konkurrenz dazu, was kann man von der Sitzung am Nachmittag erwarten, in der es auch um die Zukunft des OB geht? In dieser Runde werden nach der Blattkritik bereits die ersten Entscheidungen getroffen, wie die Themen auf den Seiten von morgen verteilt werden. Nur: Niemand weiß natürlich zu diesem Zeitpunkt, wie spektakulär eben diese Ratssitzung werden wird.

Die beginnt um 15 Uhr, Vera König ist bereits eine halbe Stunde eher da. Noch tagt der Verwaltungsausschuss hinter verschlossenen Türen – und die Reporterin will herausfinden, was dort besprochen wurde. Diesmal war es unspektakulär, sagen Menschen, die aus dem Saal kommen.

Kontaktpflege ist wichtig

Und natürlich wird die Zeit vor der Sitzung genutzt, um andere Politiker zu treffen, bei Kaffee und Kuchen. Man kennt sich gut, jeder begrüßt Vera König. Es werden Nettigkeiten ausgetauscht, man spricht über die neuesten Entwicklungen, lästert ein wenig und plaudert darüber, wer sich gern Marzipantorte schmecken lässt. Kontaktpflege, die wichtig ist, „um auch mal einen Tipp zu bekommen“.

Die 62-Jährige erinnert sich an ihre Anfangszeit, als sie im Januar 1982 bei der NP begann: „Das war das Spannende: Ich kannte die politischen Strukturen nicht und habe mir schnell ein Netzwerk geschaffen.“ Das immer größer „und ein Stück exklusiver wurde. Das muss man sich manchmal aber auch verdienen.“  

Dann kommt der OB – Schostok begrüßt die NP-Reporterin mit Handschlag. Man kennt sich natürlich. „Das Verhältnis ist aber in letzter Zeit eher distanziert“, sagt König – eine Folge der Affäre und der Berichterstattung darüber.

Twittern normal in digitalen Zeiten

Es gongt, der Rat beginnt. Mit einem Dringlichkeitsantrag. Inhalt: „Erlaubnis zum Trinken von klarsichtigen, nichtalkoholischen Getränken im Rat während der Ratssitzung.“ Wird ab­gelehnt, nicht dringlich genug. Es folgen eine Anfrage zum Thema „Bau und Planungsaufträge“ und lange Dialoge dazu. Vera König sitzt auf einem der Presseplätze und fängt an zu twittern. Normal in diesen digitalen Zeiten. Die Reaktionen kommen schnell – direkt aus dem Ratssaal übers Handy. Eine Ratsfrau spielt Solitaire mit ihrem Mobiltelefon unter dem Tisch.

Die Beiträge sind zum Teil quälend: „Es ist unerträglich.“ König wartet auf das Thema Sauberkeit – und auf die namentliche Abstimmung, ob Schostok die Amtsgeschäfte weiter führen soll. Das steht allerdings ganz am Ende der langen Liste der Tagesordnungspunkte.

Endlich Zeit für eine Pause

17.50 Uhr: endlich 15 Minuten Pause. Zeit für ein Telefonat mit der Redaktion. Der erste Text soll langsam raus, für die Online-Ausgabe. 80 Zeilen zur Sauberkeit, geht klar. Abstimmung über Schostok? Müssen wir abwarten. Dummerweise länger als gedacht. Bis 20.30 Uhr müssen alle Texte für die Druckausgabe der NP fertig sein. Vera König schreibt eilig im Ratssaal und schickt die Texte rüber in die Redaktion, wo angesichts des Zeitdrucks auch eine gewisse Hektik herrscht.  Online, Print – jetzt muss alles gleichzeitig gehen. Damit dies schnell geschieht, sind die Reporter mit Laptops unterwegs, um sofort einen Text schreiben zu können.

Schostok darf übrigens weiterarbeiten, entscheidet der Rat – das wird noch der Lokalaufmacher in der NP. Es wird zeitlich zwar eng, geht aber alles gut.
Für König ist es erst der dritte Oberbürgermeister in ihrer Zeit in Hannover, über den sie berichtet: „Weil Herbert Schmal­stieg so lange im Amt war.“ Zu dem SPD-Urgestein pflegt sie nach wie vor ein besonderes Verhältnis: „Der hat mich auch mal quer durch den Ratssaal angeschrien, weil er mit einem Kommentar nicht einverstanden war.“ Sie hat es ihm nicht übel genommen.

Expo war einer der Höhepunkte

36 Jahre und zehn Monate arbeitet sie für die NP und lebt für die Kommunalpolitik. Geboren ist sie in Lippstadt, aufgewachsen im Ruhrgebiet, längst in Hannover verwurzelt. Ihr Herz hängt an den sozialen Themen dieser Stadt. Sie war in Paris dabei, als Hannover den Expo-Zuschlag bekommen hatte („das war einer der Höhepunkte“), sie reiste mit einer Ratsdelegation nach China, als in Changde die Hannover-Straße eröffnet wurde.

Einen Ausgleich zum Job findet sie beim Schießen – zu diesem Sport ist sie durch ihre Hochzeit mit dem ehemaligen Schützenpräsidenten Ekbert Matthias gekommen. Sie sollte ihn für die NP beim Schützenausmarsch begleiten, sie gingen vorher essen – „da hat es gefunkt“. Ein halbes Jahr später haben die beiden geheiratet.

Auch nach so langer Zeit liebt Vera König ihren Job. Und sie hegt schon seit langem einen Wunsch: „Dass es im Rat zu einer Koalition der Vernunft kommt. Dass Anträge nicht sofort abgebürstet werden, nur weil sie von der Opposition kommen.“ Es würde tatsächlich vieles vereinfachen.

Von Christian Lomoth