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40 Jahre NP Binias und Schmalstieg über alte Zeiten und die Wut im Internet
Mehr 40 Jahre NP Binias und Schmalstieg über alte Zeiten und die Wut im Internet
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16:41 26.10.2018
AUF AUGENHÖHE:Ninia Binias, Moderatorin, Bloggerin und Poetry-Slammerin, mit dem früheren OB Herbert Schmalstieg im Treppenhaus des Medienzentrums an der Stiftstraße – hier arbeitet die Redaktion der NP. Quelle: Petrow
Hannover

Herr Schmalstieg, die Medienlandschaft ist heute eine ganz andere als vor 40 Jahren. Ihre Gesprächspartnerin Ninia Binias ist Moderatorin, sie schreibt für Zeitungen, aber auch für Blogs. Die pure Vielfalt also. Können Sie mit Blogs was anfangen?
Herbert Schmalstieg: Was heißt das jetzt? Blogs?
Nina Binias: Das sind Plattformen im Netz, von Leuten, die sich so selber eine Möglichkeit schaffen, etwas zu veröffentlichen, ohne Teil einer Redaktion zu sein.
Schmalstieg: Wie macht man das? Und wozu braucht man das?
Binias: Das ist mittlerweile sehr einfach. Da gibt es im Prinzip Bausätze, mit denen man sich eigene Blogs schnell und unkompliziert aufbauen kann. Dafür muss man auch kein Programmierer sein, das kann jeder. Ich habe jedenfalls über das Lesen von anderen Blogs Dinge aus Perspektiven betrachtet, über die ich bis dahin nie nachgedacht hatte. Und das versuche ich in meinen eigenen Beiträgen auch zu bieten.

Herr Schmalstieg, als die NP gegründet wurde, gab es keine Ablenkungen dieser Art vom Tageszeitungsjournalismus …
Schmalstieg: Nein, da gab es aber andere Herausforderungen. Weil die Vorläufer der NP, die Neue Hannoversche Presse, eingestellt werden sollte, gründete sich eine Bürgerinitiative für den Erhalt der Zeitung. Auch ich war dafür, da ich die Vielfalt journalistischer Betrachtungen bedeutsam finde. Ein Problem, das auch heute existiert. Da die SPD über eine Medienbeteiligungsgesellschaft Anteile an der Verlagsgesellschaft Madsack aufgebaut hatte, fuhr ich mit dem damaligen Vorsitzenden des SPD-Stadtverbands nach Bonn. Dort haben wir mit Alfred Nau, dem damaligen Schatzmeister der SPD, gesprochen und an die Partei appelliert, an dieser Zeitung festzuhalten. Damals entwickelte sich schließlich die Idee eines Anzeigenverbunds mit der HAZ. Das war die Rettung.

Trotzdem werden Sie sich doch später sicher auch über die NP geärgert haben.
Schmalstieg: Ich habe mich davor, in den 60ern, als Juso-Vorsitzender geärgert. Wenn unsere Pressemitteilungen nicht mit der Partei abgestimmt waren, wurden sie nicht veröffentlicht. Damals war der Einfluss der SPD noch sehr groß, später war das nicht mehr so. Aber es hat sich ohne Frage gelohnt, um die Neue Presse zu kämpfen. Sie hat insbesondere im Lokalen und im Sport schon immer ganz besondere Ak­zente gesetzt und in der Stadt eine ganz eigenständige Rolle gespielt.

Trotzdem dürfte Ihnen doch nicht jede Beurteilung Ihrer Arbeit als Oberbürgermeister Hannovers gefallen haben.
Schmalstieg: Das gehört nun einmal dazu, es ist ja auch die Aufgabe der Redakteure. Dessen muss man sich als Politiker, der kritisiert wird, auch immer bewusst sein. Deshalb bin ich froh, dass es in all den Jahrzehnten und trotz der Vorgeschichte nie eine Art Verbrüderung gegeben hat. Ja, ich habe gute Kontakte in den Redaktionen. Aber die Redakteure haben eine angemessene und professionelle Distanz immer gewahrt. Das erleichtert in schwierigen Situationen oder bei Konflikten die Dinge ungemein.

Vieles hat sich in 40 Jahren schon geändert, was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Binias: Das Lokale ist un­glaublich wichtig, das braucht noch mehr Platz. Denn die Leute wollen wissen, was sie vor ihrer Haustür erwartet. Jede Tageszeitung – nicht nur die NP – muss die Debattenkultur einer Stadt stärker abbilden. Ausgewogene Be­richterstattung ist das, wo­rum es gehen muss.
Schmalstieg: Ich stimme dem zu. Ich würde gerne noch mehr über die Entscheidungsträger in der Stadt erfahren. Früher wurde viel mehr berichtet, etwa aus dem Vereinsleben, aus Diskussionen in Parteien und Ratsgremien. Welcher Landtagsabgeordnete kommt denn heute noch mit seiner täglichen Arbeit in die Zeitung? Das klappt doch nur noch, wenn er etwas gegen den Ministerpräsidenten sagt.

Dafür kann man sich als Politiker ja heute auf vielen anderen Wegen Gehör verschaffen. Müssen Minister und Präsidenten twittern?
Schmalstieg: Nein, ich glaube wirklich nicht, dass sie das müssten. Wenn sie zu jeder Frage irgendetwas twittern würden, kämen sie ja kaum noch zum Regieren. Selbst wenn sie es nicht selbst tun, müssen ja Dinge und Positionen auch abgesprochen werden. Das kostet Zeit, die doch keiner in dem Betrieb hat. Wann soll eine Bundeskanzlerin so etwas denn ernsthaft betreiben?
Binias: Tatsächlich mache ich selber eine Twitter-Pause – ich finde das selbst als Digital Native auf Dauer anstrengend. Heute, mit dieser aufgeladenen politischen Stimmung, verstärkt sich diese Wahrnehmung sicher noch bei mir. Twitter wird von Horst Seehofer und Donald Trump größer gemacht, als es aus meiner Sicht ist.

Was empfehlen Sie stattdessen?
Binias: Dem Außenminister oder der Bundeskanzlerin bei Instagram zu folgen, ist dagegen sehr spannend. Man hat das Gefühl, wirklich dabei zu sein, bekommt ganz andere Einblicke. Aber ich will das andere auch nicht verteufeln. Es ist doch gut, dass man heute auf verschiedenen Wegen seine Meinung zu Artikeln formulieren kann und man nicht mehr darauf hoffen muss, dass es der eigene Leserbrief schon noch irgendwie in die Zeitung schaffen wird.

Was aber zum Teil auch ganz neue Auswüchse annimmt, wenn man sich die Beleidigungen, die da durch die sozialen Netzwerke schwirren, anschaut.
Binias: Ich antworte immer extrem höflich bei solchen Dingen. Die Leute merken dann sehr schnell, dass da ja ein echtes Gesicht hinter steht. Vieles würden die Leute ihrem Gegenüber sicher nicht ins Gesicht sagen. Im Netz wird es dagegen offenbar immer salonfähiger, auch durch den Aufstieg der AfD.
Schmalstieg: Es ist ja nun so, dass durch den Aufstieg der Populisten Dinge gesagt werden, die sich viele vor einigen Jahren noch verkniffen hätten. Wenn in einigen Bundesländern 20 Prozent die AfD wählen wollen, hat das natürlich Auswirkungen. In allen Berufsgruppen und natürlich auch im Internet.

Sie informieren sich immer noch lieber aus der gedruckten Zeitung?
Schmalstieg: Ich lese die NP mittlerweile abends – über Google und die entsprechenden Suchworte.
Binias: Online oder am nächsten Tag auf Papier. Und für die schnellen Infos zwischendurch hab ich die App.

Haben Sie die auch, Herr Schmalstieg?
Schmalstieg: Nö.

Das müssen Sie ändern. Wir würden das in zehn Jahren noch einmal abfragen.
Schmalstieg: Das ist in Ordnung. Machen Sie das.

Von Zoran Pantic