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40 Jahre NP Auf eine Wurst mit Giovanni di Lorenzo
Mehr 40 Jahre NP Auf eine Wurst mit Giovanni di Lorenzo
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16:38 26.10.2018
Giovanni di Lorenzo vor der Zentrale der Madsack Mediengruppe in Hannover. Quelle: Dröse

Der vermutlich beste Kollege, der von der Neuen Presse jemals nicht genommen worden ist, kurvt mit mir durch die Südstadt. Er ist rumgekommen in seinem Leben. In Schweden geboren, in Italien aufgewachsen, mit elf Jahren nach Deutschland gezogen. München, Berlin, Hamburg. Aber jetzt ist Giovanni di Lorenzo zu Besuch in Hannover, der Heimat seiner Schulzeit. Und Bilder der Vergangenheit ziehen an ihm vorbei. Rechts die 50er-Jahre-Bauten am Altenbekener Damm. Links die typischen Ladengeschäfte. Und liegt dahinter nicht die Elsa-Brändström-Schule? Genau. Und schon stellt sich die schöne Erinnerung an eine Jugendliebe ein.

Der ganze Tag ist  Nostalgie für Giovanni di Lorenzo. Nächstes Jahr im März wird er 60. Das soll im Fernsehen gewürdigt werden. Dafür wurde jetzt an für ihn historisch bedeutsamen Orten gedreht. In der Simrockstraße, wo er einst mit seiner Mutter wohnte. An der Tellkampfschule, wo er seinen früheren Tutor Klaus Windolf traf. Den Mann, der ihm einst das Praktikum bei einer Tageszeitung empfohlen hatte. Und nicht zuletzt im Verlagshaus der Madsack-Mediengruppe in Bemerode. Dort, wo sich vor 40 Jahren die NP-Redaktionsräume befanden.

„Es war wirklich bewegend, in die Vergangenheit einzutauchen“, sagte er, während wir zum „Piergarten“ an den Maschsee fahren. Besonders, weil er seinen ersten Chef wiedergesehen habe. „Michael Radtke war damals Ressortleiter für Kultur, Fernsehen und Unterhaltung und hat mich während meines Praktikums unter seine Fittiche genommen“, erzählt di Lorenzo: „Ein großartiger Kollege, der mich am zweiten Tag ein langes Stück über den italienischen Geiger Angelo Branduardi schreiben ließ.“ Er weiß es noch wie heute: „An diesem Abend bin ich mit meinem schrottreifen Fiat 125 nach Hause gefahren und habe gewusst: Journalismus ist mein Beruf.“

Es sollte noch eine Weile dauern, bis er diesen Beruf wirklich ergreifen durfte. Was auch an der Redaktion der Neuen Presse lag. Zwei Jahre lang arbeitete er als Pauschalist für die NP, die damals einen, wie di Lorenzo es formuliert, „sozialverträglichen Boulevardjournalismus“ ausprobierte. Der eher leise und zurückhaltende Giovanni di Lorenzo traf neben vielen von ihm noch heute geschätzten Kollegen auf „echte Boulevardtypen“. Da floss viel Alkohol bei der Arbeit, und es gab Reporter mit Nähe zum Rotlicht. „Das war für mich, der ich damals sehr unschuldig in diese Redaktion kam, ein Schnellkurs in Sachen Leben“, erinnert sich der heutige „Zeit“-Chefredakteur. Als dann Kulturchef Radtke schließlich vorschlug, den jungen di Lorenzo zum Redakteur zu machen, verhinderten das die damaligen Chefredakteure und der Geschäftsführer. Di Lorenzos Vermutung: „Die haben mich, wenn überhaupt, dann nur als Weichei wahrgenommen.“

Giovanni di Lorenzo im Gespräch mit NP-Chefredakteur Bodo Krüger. Foto: Dröse

Mittlerweile sind wir am Maschsee angekommen. Die Oktobersonne scheint durch das schon gelichtete Laub in den „Piergarten“, und Grill-Chef Guido Reimer bringt Currywurst mit Pommes und Mayonnaise. Di Lorenzo nimmt noch eine Brezel dazu und freut sich über die „schöne Portion“. Sein Scheitern bei der Neuen Presse sieht er heute mit großer Gelassenheit und eher ironisch distanziert. „Ich bin damals beleidigt nach München gegangen, um zu studieren“, sagt er lächelnd. Und so verdanke er den früheren NP-Machern eigentlich sein Studium und die Karriere. Denn in München begann der Aufstieg des Journalisten Giovanni di Lorenzo: Der Bayerische Rundfunk wurde auf den eloquenten Studenten aufmerksam. Dann die „Süddeutsche Zeitung“. Er gewann zahlreiche und bedeutende Journalistenpreise und wurde schließlich Chefredakteur. Erst beim „Tagesspiegel“ in Berlin, vor 14 Jahren bei der „Zeit“ in Hamburg.

Giovanni di Lorenzo hat es geschafft – und macht sich inzwischen sehr intensiv Gedanken über den Nachwuchs, den er bei der „Zeit“ fördert: „Wir haben es heute mit einer Generation von jungen Journalisten zu tun, die vielleicht die beste ist, die ich in meinem Berufsleben kennengelernt habe.“ Aber der bald 60-Jährige sieht ein Problem auf die Branche zukommen. „Die Jungen sind sich in ihrer Sozialisation häufig ähnlich: grün-rot, feministisch, ohne Fernseher, ohne Auto. Und die meisten wohnen in denselben Vierteln. Das alles ist für sich genommen kein Makel, man muss nur aufpassen, dass sich die Perspektive eines Me­diums dadurch nicht zu sehr verengt“, sagt di Lorenzo.  
Wir sind fertig mit dem Essen. Und di Lorenzo möchte noch einen Moment in der Sonne sitzen: „So wie früher – direkt am See.“ Ich wünsche mir von ihm noch einen Blick in die Zukunft. Was glaubt er, wie wird es weitergehen mit den Medien und der Neuen Presse in diesen digitalen Zeiten? Die Antwort ist ein Plädoyer für den Lokaljournalismus. „Ich glaube, dass eine Regionalzeitung wie die Neue Presse vielleicht eine bessere Zukunft hat als manch überregionales Blatt. Denn das Internet bildet viel ab, aber nur selten das, was um die Ecke passiert. Und dafür werden sich die Menschen immer interessieren. Das ist es, was sie neugierig macht.“

Giovanni Lorenzo hat deshalb zum Schluss noch einen guten Rat für alle, die heute Journalisten werden wollen: „Fangt bei einer Regionalzeitung an.“ So wie er damals, vor 40 Jahren bei der Neuen Presse.

Von Bodo Krüger