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Meine Stadt Der tapfere Kampf gegen die Gastronomie-Krise
Hannover Meine Stadt Der tapfere Kampf gegen die Gastronomie-Krise
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20:42 24.03.2020
GUT GESCHÜTZT: Andreas Wolter vom „Rocky Lobster“ stellt den Mittagstisch zum Mitnehmen bereit. Quelle: Foto: Dröse
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Hannover

Gastronomie ist sein Leben. Schon als 16-Jähriger half Stephan Hagedorn seinem Vater, der eine Fleischerei in Döhren hatte, bei der Auslieferung der Fleisch- und Wurstwaren. Hagedorn hat gute Zeiten erlebt und schlechte: Er musste 2001 die Fleischerei seines Vaters in ein Cateringunternehmen umbauen und mit dem Partyservice Hagedorn 2017 Insolvenz anmelden.

Aber „so katastrophal wie jetzt war es noch nie“, sagt der 54-Jährige, inzwischen Leiter Catering beim Eventcaterer „Gastro Trends Hagedorn“: „Weil das Geschäft nicht auf 70, 50 oder 20 Prozent abgestürzt ist, sondern auf null. Im April hatten wir Aufträge für eine Million Euro. Sie sind alle komplett storniert worden.“

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Freuen sich über jede bestellung; Gastro-Trends-Gastronomieleiter Carsten Aschenbach mit Küchenchefin Rebecca Nonnast Quelle: ptovat

Doch auch in dieser Krise liegt eine Chance. „Gastro Trends“ bringt nun nicht mehr ganze Büffets zu Geburtstagsfeiern, Konfirmationen oder Hochzeiten, sondern Essen ins Büro oder nach Hause. Heute steigt Hagedorn selbst ins Auto: „Ich freue mich über wirklich jeden Auftrag.“ Eine kleine Karte haben sie erstellt, unter www.gastrotrends-hagedorn.de einsehbar und unter Telefon 05 11/83 47 77 zwischen 9 und 15 Uhr bestellbar. Vier Köche bereiten sechs Gerichte zu, die am Folgetag ausgeliefert werden.

Lesen Sie mehr: Support your Local: hier geht es zur NP-Aktion

„Das Telefon klingelt ständig“, weiß Hagedorn, besonders die Klassiker „Königsberger Klopse 2.0“ (9,50 Euro) und „Rinderroulade Old but Gold“ (15,50) gehen besonders gut. „Die erinnern uns an unbeschwerte Tage“, vermutet Hagedorn, dessen Firma auch die Aktion #Kochen für Helden in Hannover ins Leben gerufen hat. „Wir wollen für die da sein, die jetzt für uns alle da sind“, so der Gastronom. Als „Zeichen der Solidarität“ spendet „Gastro Trends“ 1000 Mahlzeiten an Ärzte, Pfleger, Feuerwehr und Polizei, „aber auch den Mitarbeiter im Wasserwerk oder die Mitarbeiterin beim Energieversorger“. Interessenten können sich unter info@gastrotrends-hagedorn.de melden.

„Grundkosten decken und irgendwie überleben“

Sechs Mahlzeiten für 80 Euro: die Leine-Weser-Food-Macher Oliver Ahlborn und Gaby Schwarz Quelle: privat

„Damit die Leute wirklich zu Hause bleiben und nicht jedes Wochenende noch in den Supermarkt rennen müssen“, hat der langjährige NP-Koch Oliver Ahlborn ein Wochenendpaket geschnürt: sechs Mahlzeiten für 80 Euro. „Unser Bauer Friedel Diekmann hat gerade einen Jungbullen geschlachtet und uns 100 Kilo bestes Fleisch gebracht“, sagt der Inhaber des „Leine-Weser Food“ in Esperde im Kreis Emmerthal, „daraus machen wir Rouladen, asiatisches Chilli und bieten auch eine vegetarische Variante.“ Ahlborn will versuchen, „damit wenigstens unsere Grundkosten zu decken und irgendwie zu überleben“. Die Angebote gibt’s auf der Internetseite der Firma, die von Ahlborn und Ehefrau Gaby Schwarz geführt wird, bestellt werden kann bis Mittwochabend (info@leine-weser-food.de), ausgeliefert wird in Hannover am späten Freitag. Bis vor die Tür. „Wir haben schon jede Menge Bestellungen“, freut sich Ahlborn, von 2006 bis 2013 Chef des „Diva“ in der Königstraße.

Giorgio Marchioretti hat seinen italienischen Weinladen mit kleiner Gastronomie erst seit 2018 in der Hinüberstraße. Natürlich ist das „L’Aperitivino“ geschlossen, die Küche auch. Aber: „Nun bringe ich Stammkunden den Wein als Service bis vor die Tür“, erzählt der 42-Jährige: „Die Tage sind nur mit Wasser ja noch schwerer zu ertragen.“ Auf seinem Anrufbeantworter hat er ein Versprechen hinterlegt: „Wenn alles überstanden ist, feiern wir eine große Party.“ Marchioretti plant ein Straßenfest mit Winzerwein aus seiner Heimat Piemont, „erstmal zählt nur eines: unsere Gesundheit.“

Bringt Wein vor die Tür: Giorgio Marchioretti vom „L’Aperitivino“. Quelle: Nancy Heusel

„Wir grübeln Tag und Nacht, was wir noch machen können“

Seit 1898 gibt es das „Gasthaus & Hotel Bähre“ in Ehlershausen, ein nicht nur in der Region Burgdorf bekanntes Familienunternehmen. Vor allem für Spargelgerichte und Grünkohl fahren Kunden kilometerweit. Nun zum Abholen: Die Geschäftsführer Elmar Schulz und sein Bruder Ingmar Bähre haben erstmals in der langen Geschichte des Hauses eine To-Go-Karte aufgelegt. Mit neun Gerichten – von Currywurst/Pommes für 7,50 Euro bis zum Wildgeschnetzelten aus der Engenser Jagd mit Rotkohl und Spätzle für 19,50 Euro. „Wir planen die Abholungszeiten so, dass keine unnötigen Schlangen entstehen“, sagt Schulz, „und wir grübeln Tag und Nacht, was wir noch machen könnten, damit wir diese Krise der Gastronomie überstehen“.

Schon 32 Jahre lang verwöhnt Antonio Colantuono im „Ristorante Paladino“ in Langenhagen seine Gäste mit italienischen Spezialitäten. „Im Moment weiß ich wirklich nicht, ob noch Jahre dazukommen“, sagt der 63-jährige Inhaber. Die Aushilfen musste er alle nach Hause schicken, für die drei Mitarbeiter Kurzarbeit anmelden. Colantuono steht selbst wieder in der Küche, um eine Abhol-Karte anbieten zu können. Zehn Prozent des Bestellwertes gibt er Gästen als Gutschein mit, „für ihren nächsten Besuch im Restaurant. Wir hoffen so sehr, dass wir es bald wieder öffnen können. Bis dahin ist es ein Überlebenskampf.“

Mittagstisch zum Mitnehmen

Sichere Sache: Der Mittagstisch-Verkauf von Rocky Lobster. Quelle: Rainer Dröse

Tausende haben sich schon bei Facebook das Video von „Rocky Lobster Catering“ angeschaut. „Wenn davon viele unsere Gäste würden, hätten wir große Hoffnung“, sagt Andreas Wolter. Mit zehn Mitarbeitern ist das Unternehmen Partner von Hannover Concerts, nach der Absage oder Verschiebung von „rund 90 Konzerten“ hat Chef Wolter in der Vahrenwalder Straße 315 alles auf den Kopf gestellt. „Wir haben die ehemalige Vorstandskantine der Firma Ricoh wieder geöffnet“, so Wolter, „die Räume waren für uns Küche und Lager, ab sofort ist das ein Streetfood-Store“. Es gibt beispielsweise Mittagstisch zum Mitnehmen – gestern Tortellini Monte e Busco (6,50 Euro) und Turkey Stick (8,50). Ein Desinfektions-Zelt, Spuckschutz und kontaktloses Bezahlen sorgen für die nötige Hygiene. „Es geht uns um die nackte Existenz“, sagt Wolter, der auf Besuch aus den umliegenden Unternehmen hofft: „Dort sind schon alle Kantinen geschlossen, aber noch nicht alle Mitarbeiter im Home-Office. Die werden sich über eine warme Mahlzeit vielleicht freuen.“ Von 7 bis 14 Uhr ist geöffnet, Vorab-Bestellungen sind unter Telefon 05 11/99 99 37 30 und info@rocky-lobster.com möglich.

Und wer „einen Kaffee braucht, der mit ganz viel Liebe zubereitet ist“, kann Giuseppe Dall’ Asta unter 0511/357 78 81 anrufen. Sein „Massimo’s Eiscafe“ am Aegi ist geschlossen, aber täglich von zehn bis 14 Uhr bringt der Chef zehn Kaffeesorten und Brötchen vor die Tür oder ans Autofenster. „Ohne Kaffee ist diese Situation doch unmöglich durchzustehen“, findet Dall’ Asta.

Die Plattform für Hannovers Geschäfte

Geschäfte, Kneipen und Restaurants sind wegen der Corona-Krise geschlossen, Existenzen und Unternehmen stehen auf dem Spiel. Aber viele wehren sich mit kreativen Ideen gegen die drohende Pleite. Gründen einen Lieferservice, stellen Abhol-Aktionen auf die Beine – auf dieser Seite lesen Sie über viele Beispiele aus der Gastro-Szene der Region. Die NP steht an der Seite all dieser Klein- und Kleinstunternehmer: #supportyourlocal.

Auf unserer Internet-Seite www.neuepresse.de/supportyourlocal finden Gewerbetreibende aus dem Einzelhandel oder der Gastronomie ein Formular, mit dem sie alle NP-Leser darüber informieren können, welche Hilfe jetzt benötigt wird. Nach einer Prüfung erscheinen die Daten in einem Portal. Die Einträge werden nach Stadtteilen und Branchen aufgelistet. Damit unterstützt die NP Händler und Gastronomen in Not und bietet für die Leser eine Liste von Ideen, über die wir in den nächsten Tagen berichten werden. Hannover wächst in der Krise zusammen – #supportyourlocal.

Von Christoph Dannowski