Zwangsarbeiter bei Continental: "Wenn sie tot sind, gibt neue"
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Zwangsarbeiter bei Continental: "Wenn sie tot sind, gibt neue"

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15:10 27.08.2020
Conti: Die historische Aufnahme aus den 1930er Jahren zeigt das Gummitechnische Prüflaboratorium im Continentalwerk Vahrenwald. Quelle: Continental AG
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Hannover

Zehntausend Zwangsarbeiter in den Werken in und außerhalb Hannovers, Menschen, die in Konzentrationslagern in sogenannten Schuhteststrecken so lange gehen mussten, bis sie an Erschöpfung starben, ein Management, das sich in vortrefflicher Weise mit dem NS-Regime arrangierte – die Studie „Zulieferer für Hitlers Krieg. Der Continental-Konzern in der NS-Zeit“ macht die heutige Conti-Spitze traurig und betroffen.

„Bedrückende Lektüre“

Elmar Degenhart hat die 820 Seiten „von der ersten bis zu letzten gelesen“ und spricht von einer „bedrückenden Lektüre“. „Continental war ein wichtiger Bestandteil von Hitlers Kriegsmaschinerie“, erklärt der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens in der Video-Pressekonferenz am Donnerstagmorgen. Die Conti hat die Studie in Auftrag gegeben, „um sich unserer Verantwortung zu stellen“, wie Degenhart sagt.

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Elmar Degenhart. Quelle: Sina Schuldt/dpa

Zur damaligen Realität gehören menschenunwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen der Zwangsarbeitern aus besetzten Gebieten und auch der KZ-Häftlinge. „Conti hat viele Menschen leiden und auch sterben lassen“, das bedrücke ihn sehr. Und Degenhart fragt sich, „warum wir es bis heute nicht geschafft haben, das größte Übel der Menschheit, den Krieg, abzuschaffen?“

„Zuliefererindustrie das eigentliche Rückgrat“ der NS-Kriegswirtschaft

Die Erkenntnisse, die der Historiker Paul Erker von der Ludwig-Maximilians-Universität München in vier Jahren zusammengetragen hat, geben einen tiefen und eben auch erschreckenden Einblick in die Zusammenarbeit der Conti und seiner später übernommenen Unternehmen VDO, Teves, Phoenix und Semperit mit dem NS-Regime. „Die Zuliefererindustrie und damit diese Unternehmen waren das eigentliche Rückgrat der nationalistischen Rüstungs- und Kriegswirtschaft“, berichtet Erker.

Ermordet auf der Schuhprüfstrecke

Als den Unternehmen die deutschen Arbeiter ausgingen, weil diese in den Krieg ziehen mussten, nutzte man das großzügige menschenfeindliche Angebot der Nazis, auf Zwangsarbeiter zurückzugreifen. „Angefangen bei italienischen Jungfaschisten über Leiharbeiter aus dem besetzten Belgien bis hin zu französischen und russischen Kriegsgefangenen“ – diese mussten unter würdelosen und gefährlichsten Bedingungen in Hannover und den anderen Standorten schuften. Schließlich seien Häftlinge im KZ Sachsenhausen bei Trageversuchen von Gummiabsätzen bis zum Tode ausgebeutet worden. Die durchschnittlich 170 KZ-Insassen mussten ab 1940 anfangs 4000, später sogar 8000 Kilometer täglich zurücklegen. Erker schreibt: „Die bei den Trageversuchen eingesetzten Häftlinge wurden gesundheitlich zugrunde gerichtet (…). Die jeweiligen Leiter der Schuhprüfstrecke waren für ihre Brutalität bekannt, und es gab zahlreiche Fälle vorsätzlicher Ermordung von dort eingesetzten Häftlingen“. Wer fiel, wurde einfach erschossen. Die Zustände waren auch dem Management bekannt und wurden aktiv gestützt. Der damalige Unternehmensvorstand Hans Odenwald wird in der Studie mit Blick auf russische Zwangsarbeiter mit den Worten zitiert: „Wenn sie tot sind, gibt's neue.“

Heute: „DNA der Conti heißt Vielfalt“

Für Conti-Personalvorstandschefin Ariane Reinhart ist die Studie auch ein Auftrag für die Zukunft. „Wir sehen, wie anfällig die Conti für die NS-Ideologie war“, nachdem das 1871 von jüdischen Bankiers gegründete Unternehmen in den 1920er Jahren noch „weltoffen“ gewesen sei. „Das zeigt, dass Unternehmenskulturen unter dem Druck politischer Regimes und gegenläufiger gesellschaftlicher Einflüsse schnell kippen können“, so Reinhart. Deswegen sei die Studie für sie eine „echte Herzensangelegenheit. Die DNA der Conti heißt Vielfalt, Rassismus ist ein absolutes No-Go für uns heute“.

Ariane Reinhart Quelle: Dröse

Auch Degenhart zeigt sich „überrascht von der Aktualität der Studie an mancher Stelle, deswegen darf es keinen Schlussstrich geben, deswegen stellen wir uns unserer Verantwortung“. Das Programm „Verantwortung und Zukunft“ wurde für eine weltoffene Unternehmenskultur ins Leben gerufen, außerdem stiftet Conti das neue Siegmund-Seligmann-Stipendium (benannt nach dem ersten Generaldirektor der Gummiwerke Continental AG ), mit dem die weitere Forschung zur NS-Zeit gefördert werden soll. Das Archiv der Conti soll der Wissenschaft ebenfalls zur Verfügung gestellt werden.

Degenhart fordert mehr Investitionen in die Bildung

Degenhart spart auch nicht mit Kritik an den heute Verantwortlichen in der Politik. Bildung sei der beste Schutz vor Rassismus, aber „bei unseren Bildungsinvestitionen liegen wir im Mittelfeld der OECD. Wir haben sonst keine natürliche Ressourcen, wir müssen an der Spitze stehen. Das Mittelfeld ist nicht akzeptabel“.

Von Petra Rückerl