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Meine Stadt Zu viele Autos: Linden will Anwohnerzone
Hannover Meine Stadt Zu viele Autos: Linden will Anwohnerzone
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09:50 23.01.2019
LIEBER OHNE: Die Nachbarschaft im sogenannten Jamiel-Kiez möchte eine Anwohnerzone, damit die Kinder gefahrfrei auf der Straße spielen können und die Lebensqualität in ihrem Umfeld steigt. Je weniger Autos, desto mehr Nachbarschaft, heißt ihre Hoffnung. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Für Jesse (13) ist der Fall ziemlich klar: „Beim Straßenfest im Juli konnten wir hier auf den Straßen spielen und haben die Zeit echt genossen. Das wäre schon gut, wenn hier keine Autos mehr wären.“ Nun, gar keine Autos – das wird wohl nicht passieren. Aber ein autoärmeres Viertel ohne Durchgangs- und Parkplatzsuchverkehr von außen – das streben die Eltern und Nachbarn von Jesse gerade an. Politischen Beistand bekommen sie von einem Ratspolitiker. Pirat Adam Wolf hat im Bezirksrat Linden-Limmer gerade einen Antrag eingereicht, eine Anwohnerzone in Jesses Kiez zu errichten.

Vorbild ist die katalanische Hauptstadt Barcelona, in der bereits vor 15 Jahren sogenannte Superblocks (siehe Info) eingerichtet wurden, in denen nur noch Anwohner fahren dürfen – nicht schneller als zehn Kilometer pro Stunde. Das kommt Jesse sehr recht. Er gehört zur Nachbarschaftsinitiative Jamiel-Kiez, der Name setzt sich aus den jeweils ersten beiden Buchstaben der drei Straßen zusammen, in denen die Familien leben: Jacobs-, Minister-Stüve und Eleonorenstraße. Etwa 130 Anwohner zählen zur Initiative, die bereits im Sommer 2018 das autofreie Straßenfest in ihrem Kiez realisierte, von dem Jesse schwärmt.

Mehr Sicherheit, weniger Lärm

Nun will man einen Schritt weitergehen, „um das Quartier noch lebenswerter“ zu machen, so Raja Holm. Dürften nur noch Anwohner (und temporär Handwerker und Rettungsfahrzeuge) in ihren Straßen parken, würde sich einiges verändern. Der Schadstoffausstoß im Block soll verringert, die Sicherheit verbessert, der Lärm vermindert werden.

Was für einige von ihnen noch wichtiger ist: „Weniger Autos bedeutet, dass mehr Menschen auf der Straße sind, dass eine echte Nachbarschaft entstehen kann“, sagt Marlies Poppe, die mit Mann und zwei Kindern hier lebt. „Wenn die Straße vor der Haustür auch Platz und Raum bietet, ein soziales Straßenleben zu ermöglichen, kann es auch das Miteinander der Menschen hier verändern“, ist sich Judith Lütgens sicher. Raja Holm macht auf die Nachbarschaft aufmerksam: „Im Gilde Carrée fahren nur die Anwohner Auto. Zu jeder Jahreszeit spielen die Mädchen und Jungen gemeinsam auf der Straße, es herrscht fast so etwas wie eine Campingplatz-Atmosphäre.“ Man müsse keine Angst um die Kinder haben, „wir Eltern und auch die übrigen Anwohner lernen uns kennen und können unser Quartier gemeinsam schön gestalten.“

Parkplätze ein großes Problem

Ihr Lebensgefährte Hawi Heitzer macht auf die vielen Pkw aufmerksam, die hier stehen. „Wenn man sich umschaut, ist alles zugeparkt. Dabei stehen die Fahrzeuge 95 Prozent der Zeit nur herum. Wir haben den öffentlichen Raum in den vergangenen Jahrzehnten quasi dem Auto reserviert, da müssen wir von weg – gerade für unsere Kinder.“ Melanie Brockamp macht sich um die Sicherheit ihres Nachwuchses durchaus Sorge, obwohl die Straßen bereits verkehrsberuhigt sind. „Viele rasen hier durch, es wird sich nicht an Tempo 30 gehalten. Und viele parken auch in der zweiten Reihe – mein Sohn ist zu klein, um über die Autos zu schauen. Und auch Rollstuhlfahrer werden dadurch gefährdet.“

Andreas Feldmann wohnt in dem Quartier und hat ein Geschäft in der Stephanusstraße, das im Prinzip von autofahrenden Kunden profitieren könnte. Dennoch ist er für die Anwohnerinitiative. „Es wäre doch toll, wenn unser Viertel als Modellversuch startet.“ Zum Teil würden sich hier haarsträubende Szenen abspielen, „wenn Leute sich um Parkplätze streiten, manche kurven hier stundenlang herum“. Es kämen viele Autofahrer von außerhalb – Leute, die hier arbeiten oder Ärzte aufsuchen würden oder die zu Konzerten ins Capitol fahren – „und dann alles zuparken“.

Das bestätigt auch Adam Wolf. „Besonders schlimm ist der Parkplatzsuchverkehr morgens zwischen acht und neun Uhr, wenn die Kinder zur Schule gehen.“ Er kritisiert, dass die Stadt zwar von der deutschen Umwelthilfe wegen der miesen Luftreinhaltewerte verklagt wird, aber alle Verantwortung auf Land und Bund schiebt. „Natürlich können wir in der Stadt dafür sorgen, dass die Werte besser werden.“ Die Anwohnerzone in Linden ist für ihn nur ein Anfang. Dazu setzt er „im Gegensatz zu meiner Partei“ auf Fahrverbote für Autos in der City, „nur E-Fahrzeuge dürften dann fahren“ sowie für einen fahrscheinlosen, umlage- oder steuerfinanzierten Nahverkehr mit schnellerer Taktung.

In Spanien und Skandinavien wird es vorgemacht

Barcelona hat es vorgemacht: wo früher Pkw Stoßstange an Stoßstange standen, gestresste Autofahrer hupten, spielen jetzt Kinder auf der Straße, gehen Leute spazieren. Und so funktionieren diese so genannten Superblocks: Idealerweise neun Häuserblöcke werden zu dem Superblock zusammengefasst. Hinein darf nur, wer Anwohner oder Lieferant ist, die Höchstgeschwindigkeit: zehn Kilometer pro Stunde. Fußgänger und Radfahrer haben Vorrang vor Autofahrern. Radwege wurden ausgebaut, der öffentliche Nahverkehr schneller getaktet. Nicht jeder, aber viele Händler sind wie nun gesünder lebende Anwohner begeistert, den die Laufkundschaft rekrutiert sich aus Fußgängern und Radfahrern und nicht vorbeifahrender Autos.

Ohnehin Spanien: Madrid hat Ende vergangenen Jahres einen Großteil des Autoverkehrs aus ihrer smoggeplagten Innenstadt verbannt. Anwohner, Lieferwagen, Taxis mit Umweltplakette, Sicherheits- und Rettungswagen sowie E-und Hybrid-Fahrzeuge dürfen noch hinein, aber auch Motorräder brauchen eine Umweltplakette. Die Zufahrten sind kameraüberwacht, wer mit einfach so in die City fährt, ist 90 Euro Bußgeld los. Allerdings dürfen Anwohner pro Jahr 20 Einladungen für Fremdfahrzeuge aussprechen, reingelassen werden aber auf Dauer nur noch Fahrzeuge mit Umweltplakette, die Parkgebühren stiegen dafür –auf bis zu fünf Euro pro Stunde. Gleichzeitig werden die Bürgersteige nach und nach verbreitet, auf Einbahnstraßen und einspurigen Straßen darf höchstens noch 30 Stundenkilometer gefahren werden, für den Ausbau der Metro wurde dagegen viel Geld ausgegeben. Das Streckennetz verdoppelte sich innerhalb von 20 Jahren.

Den Weg frei für sauberere Luft machte auch Dänemarks Hauptstadt Kopenhagen, hier gibt es sogar schon den Terminus „copenhagenize“, der Kopenhagen als sehr fahrradfreundliche Stadt beschreibt: 55 Prozent der Einwohner fahren mit dem Fahrrad zur Schule oder zur Arbeit. Die Infrastruktur wurde bereits in den 1930er Jahren stark auf Rad umgestellt, es gibt heute Fahrradschnellwege, Autoparkplätze in der Stadt wurden durch Fahrradparkanlagen ersetzt. Die skandinavischen Länder haben sich in Sachen Klimaschutz strenge Auflagen auferlegt: Ausbau der alternativen Energien, aber auch eine Verkehrswende hin zur Elektromobilität, eben zum Fahrradfahren und zu Biotreibstoffen wird radikal umgesetzt.

Von Petra Rückerl