Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Zigeunersauce: Minderheitenschutz auch ohne Mehrheit
Hannover Meine Stadt Zigeunersauce: Minderheitenschutz auch ohne Mehrheit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:21 16.08.2013
NP-Redakteur Christian Bohnenkamp
NP-Redakteur Christian Bohnenkamp
Anzeige

Zu kaum einem Thema in der letzten Zeit haben wir so viele Leserreaktionen bekommen. Die Meinung ist weitgehend eindeutig: Die Mehrheit lehnt eine Umbenennung ab. In unserer Internetumfrage haben sich 88 Prozent dagegen ausgesprochen. Und doch: Das Anliegen des Sinti- und Roma-Vereins, der dafür kämpft, dass die Sauce einen neuen Namen bekommt, bleibt ein berechtigtes. Denn die meisten Argumente, die gegen diesen Vorstoß ins Feld geführt werden, laufen am Problem vorbei.

Dann müssten ja auch die Berliner, die Hamburger, die Wiener Würstchen umbenannt werden, haben uns viele geschrieben. Das jedoch trifft nicht den Kern. Kein Berliner, kein Hamburger, kein Wiener fühlt sich diskriminiert, wenn man ihn „Berliner“, „Hamburger“ oder „Wiener“ nennt. Im Falle der Sinti und Roma ist das anders. Sie fühlen sich verletzt, wenn man sie als „Zigeuner“ bezeichnet. Der Begriff ist für sie seit Jahrhunderten mit Ausgrenzung und Diskriminierung verbunden, was schlussendlich im Genozid an bis zu 500 000 Sinti und Roma gipfelte.

Nun also wieder die „Auschwitz-Keule“, wird sich mancher denken. Ist doch lange vorbei. Die heutige Generation könne doch wirklich nichts mehr für das, was damals passiert ist. Das ist richtig. Falsch wäre es jedoch, den Sinti und Roma vorzuschreiben, wie sie sich angesichts ihrer Geschichte und dem Leid, das ihre Familienmitglieder und Vorfahren erlitten haben,fühlen sollen. Das steht niemandem zu. Die große Mehrheit der Sinti und Roma fühlt sich durch die Verwendung des Wortes „Zigeuner“ diskriminiert. Das ist ein Fakt, den man respektieren muss und aus dem sich die Forderung des hannoverschen Vereins ableitet, dass die großen Hersteller ihre Saucen umbenennen sollen.

Natürlich müssen und sollen wir diskutieren, wie viel „Political Correctness“ eine respektvolle, demokratische Gesellschaft braucht. Auch darf man die Frage stellen, ob die Forderung des Vereins nicht schlicht unnötig Unmut auf die Sinti und Roma lenkt. Deren Zentralrat hatte wohl die Welle der Empörung geahnt, als er zunächst nur zurückhaltend und verklausuliert darauf hinwies, dass er ebenfalls die Bezeichnung „Zigeunersauce“ ablehnt.

Woher kommt aber dieser massive Proteststurm gegen die Abschaffung des Begriffes? Schließlich soll niemandem seine liebste Grillsauce genommen werden. Sie soll bloß einen anderen Namen bekommen. Hoffentlich sind bei den wenigsten tatsächliche Ressentiments gegen Sinti und Roma der Hintergrund. Viele haben aber wohl schlicht die Nase voll davon, dass ihnen andere erzählen wollen, was richtig und was falsch ist. Und besonders sensibel scheinen die Deutschen zu sein, wenn man ihnen im Kochtopf herumrühren will. Das hat die große Kritik an der Idee der Grünen, einen vegetarischen Kantinentag einzurichten, gezeigt.

Darf also in einem demokratischen Land eine seit langem etablierte Grillsauce umbenannt werden, obwohl eine überwältigende Mehrheit dagegen ist? Die Antwort lautet „Ja“. Eine der größten Errungenschaften der demokratischen Kultur ist nämlich auch der Schutz von Minderheiten. Und dafür darf nicht nur die Meinung der Mehrheit ausschlaggebend sein.

Das wichtigste Anliegen der Sinti und Roma ist, die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, dass sie sich durch den Begriff „Zigeuner“ diskriminiert fühlen – auch, wenn er auf den ersten Blick ganz harmlos mit einer Sauce daher kommt. Es geht ihnen nicht darum, ein Stück Essenskultur zu verbieten. Gelassen haben darauf übrigens ausgerechnet die Gastronomen reagiert, die auch heute noch das „Zigeunerschnitzel“ auf ihrer Speisekarte führen. Ein neuer Name? Für die meisten kein Problem. Schließlich würde auch ein „Pikantes Schnitzel“ keinen Deut schlechter schmecken. Versprochen.