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Meine Stadt Wohnungsnot ausgenutzt: Vermieter macht Hemmingerin ein unmoralisches Angebot
Hannover Meine Stadt Wohnungsnot ausgenutzt: Vermieter macht Hemmingerin ein unmoralisches Angebot
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13:19 12.10.2019
Ausräumen der alten Wohnung: Kerstin Nitsch konnte in letzter Sekunde die Obdachlosigkeit abwenden. Quelle: Nagel
Hemmingen

Die 50. Wohnung war ein Treffer: Kerstin Nitsch (53) muss kein Obdachlosen-Quartier beziehen. „Das war eine Punktlandung“, sagt sie. Sie hat jetzt eine Wohnung in Arnum (Hemmingen) gefunden. Ansonsten hätte sie am Monatsende auf der Straße gesessen.

Ihre Suche nach einer neuen Unterkunft erstreckte sich über Celle bis nach Braunschweig und Alfeld (Kreis Hildesheim). Nach der Trennung von ihrem Mann musste die gehbehinderte Frau ihre Wohnung in Hemmingen aufgeben. Und eigentlich hatte sie bereits eine Wohnung in Pattensen. „Wegen der Wohnungsrenovierung fragte ich nach dem Schlüssel“, erzählt sie. Die Schlüsselübergabe war seit Wochen überfällig. Daraus sei ein Streit entstanden. Am Ende habe der Vermieter unterstellt, dass Kerstin Nitsch die Wohnung beschädigt hätte. Der neue Mietvertrag war geplatzt. Und die alte Wohnung war bereits gekündigt.

Wohnung nur in Socken betreten

Also suchte Kerstin Nitsch weiter. Mit 1500 Euro Erwerbsminderungsrente ist sie finanziell nicht auf Rosen gebettet. Aber da sie noch einen Job auf 450-Euro-Basis sucht, kann sie sich eigentlich eine ordentliche Wohnung leisten. Doch manche Vermieter scheinen merkwürdige Vorstellungen zu haben.

„In Barsinghausen wollte mir ein Vermieter die Wohnung geben. Aber nur unter der Voraussetzung, dass ich ihn in den Gesangsverein begleite. Und anschließend könnten wir es ja uns schön machen, sagte er“, so die gelernte Bürokauffrau. Auf diese Form von zusätzlicher „Mietzahlung“ habe sie keine Lust gehabt. In Pattensen sei ihr eine Wohnung „im guten Zustand“ offeriert worden. In Wahrheit sei der Putz von den Wänden gekommen.

Ein Vermieter in Garbsen habe verlangt, dass sie die Wohnung nur in Socken betrete. Kinderbesuch und Tierhaltung seien vollkommen ausgeschlossen. Der Vermieter sei sehr lärmempfindlich. Da Kerstin Nitsch einen Sohn und einen Hund („Peppi“) hat, kam auch dieses Mietverhältnis nicht zu Stande.

„Peppi“ darf nicht in die neue Wohnung

Kerstin Nitsch hat schon einige Dramen durchstehen müssen. So wurde sie Opfer eines schweren Autounfalls mit 25 Knochenbrüchen. Viele Hüft-OPs konnten eine Gehbehinderung nicht verhindern, aber sie kann derzeit wenigstens schmerzfrei gehen. Später wurde sie mit ihrem Mann Opfer von Immobilien-Betrügern. Die Privatinsolvenz endet in wenigen Monaten.

„Das war ja das Problem: Als ich den Vermietern sagte, dass ich eine negative Schufa habe, war ich meist aus dem Rennen.“ Schließlich hatte sie häufig bis zu 100 Mitbewerber um die Wohnung. Dabei hat sie sich nur im ländlichen Raum nach Wohnungen umgeschaut. Bei der Miethöhe ging die Frau bis an die Schmerzgrenze. Bis zu 50 Prozent ihrer momentanen Einkünfte war sie bereit auszugeben. Doch bei Quadratmeterpreise von bis zu zwölf Euro seien etliche Wohnungen auch zu teuer gewesen. Nun zahle sie gut 700 Euro Miete. „Die nächsten Monate werden finanziell hart“, sagt sie. Nach Ablauf der Privatinsolvenz erhöhten sich ihre monatlichen Einkünfte, weil die Teilpfändung ihres Salärs entfiele.

Ein Wermutstropfen bleibt: Kerstin Nitsch muss ihren Labrador abgeben. Der Vermieter duldet keine Tierhaltung. „Peppi“ muss jetzt zu ihrem Ex-Mann. Kerstin Nitsch: „Tagsüber darf der Hund aber bei mir sein.“

Das Interview:

Randolph Fries, Geschäftsführer des Mieterbundes in Hannover, glaubt, dass die Politik richtig auf die Wohnungsnot reagiert hat. Doch das Problem sei so groß, dass mittlerweile auch der ländliche Raum betroffen sei.

Wohnung gegen „schöne Stunden“ – ist das ein Einzelfall?

Nein. Einzelne solcher Erlebnisse habe ich schon von vielen Menschen gehört. In der Zusammenballung ist das aber eher einzigartig. Eine Miete von zwölf Euro pro Quadratmeter auf dem Land ist schon extrem.

Kommt es häufiger vor, dass für eine Vermietung unzumutbare Zugeständnisse verlangt werden?

Von „schönen Stunden“, die ein Vermieter gefordert hat, habe ich schon mal gehört. Aber das ist wohl eher eine Sache, die bei privaten Vermietern auftritt. Es kommt aber vor, dass bei Wohnungsbesichtigungen potenzielle Mieter unabhängig voneinander gefragt werden, welchen Preis sie für die Wohnung bereit seien zu zahlen.

Sollten Wohnungssuchende zum Schein auf rechtlich unhaltbare Forderungen eingehen?

Jein. Bei Gesellschaften könnte ich mir das Szenario vorstellen, dass der Mieter eine Kleintierhaltung ausschließt und später doch ein Meerschweinchen hält. Ein privater Vermieter könnte hingegen einem Mieter nach einer gebrochenen Absprache das Leben zur Hölle machen. Ich persönlich würde ohnehin nie in ein Haus einziehen, in dem der Vermieter wohnt.

Was kann der Staat tun, um Notlagen zu vermeiden?

Wohnungen bauen und nochmals Wohnungen bauen. Dazu müssen die Bauämter auch personell so ausgestattet sein, dass sie dem vermehrten Bedarf administrativ beherrschen können.

Geschieht in der Region Hannover genug gegen die Wohnungsnot?

Mit den neuen Förderrichtlinien sind wir in Niedersachsen auf dem richtigen Weg, daran hat auch der Deutsche Mieterbund mitgearbeitet. Auch die Stadt Hannover und die Region haben vernünftige Förderprogramme aufgelegt. Das Wohnungsproblem ist leider zu spät erkannt worden, deshalb dauert es, bis wir es in den Griff bekommen werden.

Es ist jetzt auch auf dem Land schwierig, Wohnungen zu finden...

Das Wohnungsproblem hat sich aus den Städten raus gezogen und ist mittlerweile auf dem Land angekommen.

Von Thomas Nagel

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