Wo ist Ewelina Anna K. aus Seelze? Frau seit fünf Wochen verschwunden
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Meine Stadt Ewelina K.: Wenn ein Mensch plötzlich verschwindet
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Wo ist Ewelina Anna K. aus Seelze? Frau seit fünf Wochen verschwunden

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18:10 01.10.2021
Vermisste
Vermisste Quelle: privat
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Seelze

Ein Mensch verschwindet. Es gibt kein Lebenszeichen. Es gibt keinen Beweis dafür, dass dieser Mensch tot ist. Nur die Ahnung, dass es so sein könnte. Seit fünf Wochen ist Ewelina Anna K. aus Seelze wie vom Erdboden verschluckt. Fünf Wochen Suche, fünf Wochen Hoffnung, fünf Wochen grausame Ungewissheit für die Menschen, die sie lieben und mögen.

Dass die 39-Jährige aus dem Leben ihres Mannes Michael K. (36, Name geändert) und ihrer Kolleginnen und Kollegen verschwinden könnte, kam nicht ganz unerwartet. Innerhalb eines halben Jahres war aus der offenen, lebensfrohen, liebevollen, einfühlsamen und ehrlichen Frau – so beschreiben sie alle – eine erst körperlich, dann an der Seele kranke Person geworden. „Es fing damit an, dass sie nicht ehrlich sagte, wie es ihr wirklich ging. Sie verschwieg uns, wie sehr sie litt“, sagt ihr Mann Michael, Polizeihauptkommissar beim Landeskriminalamt, der im Homeoffice arbeitet. Vielleicht, weil sie doch eines Tages vor der Tür steht? „Ein kleines Fünkchen Hoffnung ist ja noch da“, sagt der 36-Jährige. Die Arbeit lenke ihn ab, „aber die Gefühle holen einen immer wieder ein. Wenn man traurig wird, und weil man sich die ganze Sache irgendwie nicht erklären kann“.

Michael K. Quelle: privat

Michael und Ewelina Anna K., beide in Polen geboren und in unterschiedlichen Zeiten in Deutschland auch mit den Herzen angekommen, lernten sich 2011 über ein Datingportal im Internet kennen. „Wir trafen uns ein paar Mal, da hat es schnell gefunkt“, erzählt er. Ja, es sei eine romantische Geschichte geworden, „eine tolle Liebesgeschichte“. Seit sechs Jahren sind die beiden verheiratet, „wir haben alles zusammen gemacht, wir waren unzertrennlich“. Sind „im Doppelpack“ in die Natur geradelt, saßen am Steinhuder Meer und am Maschsee, Ewelina malt gern, was ihr Mann liebevoll unterstützt. „Es gibt ein Bild von einen Alpaka, das sie ganz bunt, mit Glitzer und so lebensfroh gemalt hat“, sagt Michael K. und zeigt es. Ewi steht rechts unten am Rand, das Alpaka trägt einen Kopfschmuck wie eine Märchenprinzessin – so malt ein Mensch, der glücklich ist. „Sie ist jeden Tag mit einem Lächeln aufgewacht.“

So malt eine Frau, die glücklich ist: Ewelinas Alpaka. Quelle: privat

Auch im Job zeigt sich eine lebensbejahende Frau. „Ein herzensguter Mensch, immer freundlich und fröhlich“, beschreibt ihr Vorgesetzter Lorenz Förster, der kaufmännische Leiter der Firma Wulfmeyer in Langenhagen, die 39-Jährige. Bei Wulfmeyer, einem mittelständischen Betrieb, der Komponenten für die Luftfahrtindustrie - vornehmlich Airbus - produziert, arbeitet Ewelina Anna K. seit 2012 in der Logistik. „Sie war total zuverlässig, verantwortungsbereit und sehr kollegial“, so Förster. Und beliebt: Als Ewelina Anna K. am 27. August verschwindet, beteiligen sich am nächsten Tag erst Förster und Geschäftsführer Stieven Maahs an der Suche. „Später hat die Polizei das Suchgebiet in sechs Sektoren aufgeteilt, da waren 15 bis 20 Kollegen dabei“ berichtet der 49-jährige Förster. „Bis heute suchen wir und wollen auch nicht aufgeben“, betont Stieven Maahs, der ihr kurz vor ihrem Verschwinden noch Blumen beim Krankenbesuch brachte.

Der Chef: Lorenz Förster und seine Kollegen lassen nichts unversucht, um Ewelina Anna K. zu finden. Quelle: Elena Otto

Was ist passiert mit Ewelina Anna K.? Was geschah vor ihrem Verschwinden?

„Am 14. Januar bekam sie in der MHH die Krebsdiagnose. Brustkrebs“, sagt Michael K. Das übliche Prozedere gegen die teuflische Krankheit beginnt im Februar, als erstes die Chemotherapie. Die beinhaltet nicht nur bekannte Folgen wie Übelkeit, Konzentrationsschwäche, Müdigkeit. Ewelina Anna K. kommt von heute auf morgen in die Wechseljahre. „Dadurch bekam sie jede Nacht heftige Hitzewallungen, das führte zu Schlafentzug.“ Das weiß ihr Ehemann, das bekommt der Polizeibeamte aber nicht immer mit, weil seine Frau auch aus Rücksicht ihm gegenüber allein im Schlafzimmer übernachtet, er schläft im Arbeitszimmer. Und die sonst so ehrliche, vertrauensvolle Frau beginnt zu schweigen. Ihr Leid lässt sie verstummen, „in der ersten Zeit hat sie immer noch alles weggelächelt, aber in Wirklichkeit war es schnell ganz anders“, erzählt K.

Plötzlich in den Wechseljahren

Hitzewallungen in den Wechseljahren werden allgemein nicht sehr ernst genommen - bei jenen, die sie nicht oder noch nicht bekommen. Vor allem wird nicht darüber geredet, auch nicht, dass sie zu Depressionen führen können. Nächtliche Schweißausbrüche, von Schweiß durchtränkte Laken, ständiges Umziehen mitten in der Nacht, lautes Herzklopfen und trübe Gedanken, das kennen die meisten Frauen ab 50 Jahre, deren Meno-Pause sich aber schleichend ankündigt. Bei Ewelina Anna K. kommt sie plötzlich und gewaltig. „Normalerweise hilft gegen diese Beschwerden eine Hormonersatztherapie, die Östrogene aber füttern sozusagen den Krebs, und damit fiel diese Möglichkeit weg“, erklärt Michael K. Auch sanfte Mittel, Kräuter wie Salbei, können Wechselwirkungen hervorrufen, „das war eine Sackgasse“. Ab Mitte Mai bekommt sie Antidepressiva verschrieben, „aber da war es vermutlich schon zu spät“, denkt ihr Mann.

Schlafentzug ist wie Folter

Schlafentzug, das nutzen Diktaturen als Foltermethode. Diese Folter treibt Ewelina Anna K. in die Depression. „Der Tumor in der Brust war schon zur Hälfte geschrumpft, aber die Depression wurde zu ihrer Hauptkrankheit“, so K. Lange macht sie dennoch „gute Miene zum bösen Spiel, die Fassade konnten wir nicht durchdringen“. Der soziale Rückzug kommt schleichend. Am 5. Juli schreibt die erschöpfte Frau in ihr Notizbuch, das sie im Fall des Falles keine lebensverlängernden Maßnahmen möchte.

Hinweise gesucht

Wer Hinweise geben kann: Ewelina Anna K. ist 1,58 Meter groß, hat blaue Augen. Sie ist schlank, hat ein rundliches Gesicht und hatte vor fünf Wochen noch zwei Zentimeter lange, brünette Haare. Als sie die Klinik verließ, war sie vermutlich mit einer schwarzen Hose, einer braun-weißen Jacke der Marke „Wellensteyn“, einem bunten Kopftuch und lilafarbenen Sportschuhen bekleidet. Zeugenhinweise werden im Polizeikommissariat Wunstorf unter 0­5031/95300 angenommen.

Am 18. Juli setzt sich Ewelina Anna K. in ihr Auto und rast „zielgerichtet und unangeschnallt“ mit 80 Kilometern pro Stunde zwischen Lohnde und Seelze gegen einen Baum. „Eine Woche lag sie im Friederikenstift und kam dann zwei Wochen zum Selbstschutz in die Psychiatrie in Wunstorf in die geschlossene Abteilung“, sagt ihr Mann. Doch der Feind sitzt fest - in ihrem Inneren. Ewelina Anna K. entwickelt zusätzlich eine Psychose. Panikattacken und Existenzängste bestimmen ihr Leben. „Sie war überzeugt, dass die Ärzte ihr die Verletzungen erst nach dem Suizidversuch zugefügt haben. Sie hatte Angst, dass sie aus der Krankenkasse geworfen wird, dass sie in der Psychiatrie eingesperrt wird, dass wir unser Haus, unsere Existenz verlieren und in Armut enden.“

Der Ehemann tut alles, um ihr zu helfen

Fest entschlossen, seiner Frau zu helfen, tut Michael K. auch Dinge, die seinem Verstand widersprechen. „Ich rief mehrfach in ihrem Beisein bei der AOK an, ließ sie über Lautsprecher mithören und fragte, ob sie noch Kassenmitglied ist und ob dies auch auf Dauer gelten würde. Es nützte nichts.“ Sie habe niemanden mehr geglaubt, nicht den Ärzten, nicht dem Mann und auch nicht den Eltern, die zur Unterstützung aus dem polnischen Neustettin (Szczecinek) angereist sind.

„Ich kenne die Wahrheit.“ Das schrieb Ewelina Anna K. auch in ihrem Abschiedsbrief. Am 27. August um 15 Uhr sollte sie aus der - mittlerweile offenen Station - der Psychiatrie nach Hause entlassen werden. Morgens um 8 Uhr standen ihre Koffer, Taschen, ihr Handy ordentlich gepackt in ihrem Zimmer. Seitdem kein Lebenszeichen.

Eine schöne Frau: Doch das Lächeln spielte sie zum Schluss nur vor. Quelle: privat

Die Polizei fährt den ganzen Apparat hoch, Suchstaffeln, Hubschrauber, Hunde, genannt mantrailer, suchen Ewelina überall: Vom Steinhuder Meer und Neustadt, von Garbsen nach Haste, in der Landschaft, im Mittellandkanal, in Wäldern, in Gehöften. Ihre Kollegen sind unterwegs, kleben überall ihre Fahndungsplakate, „suchen auch jetzt noch“, erzählt Chef Förster, der sich „sonst so hilflos fühlt“. Und hofft: „Wenn sie einfach nur ihre Ruhe haben wollte und untergetaucht wäre, wär das in Ordnung“, sagt Lorenz Förster. „Hauptsache, sie lebt.“

Es gibt den einen Funken Hoffnung

Michael K. hat erfahren, dass seine Frau bei Google Maps 179 Stellen in einem „riesigen Gebiet“ markierte, wo man sterben könnte. „Vielleicht hat sie sich in einen Zug gesetzt und ist irgendwo ausgestiegen und dann dauert es noch Wochen, Monate oder gar Jahre, bis man sie findet“, fürchtet er. Oder aber: Vielleicht hat sie Menschen getroffen, der sie „ihre Wahrheit“ erzählte und die sie zu sich genommen haben. „Meine Frau konnte in ihrer Psychose sehr überzeugend sein.“

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Informations- und Hilfsangebote für Menschen mit Depression

Wissen, Selbsttest und Adressen rund um das Thema Depression unter www.deutsche-depressionshilfe.de

Deutschlandweites Infotelefon Depression (08 00) 3 34 45 33 (kostenfrei)

fachlich moderierte Onlineforen zum Erfahrungs­austausch für Erwachsene unter www.diskussionsforum-depression.de und für junge Menschen ab 14 Jahren unter www.fideo.de

Von Petra Rückerl