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Meine Stadt Welche Probleme ein kleiner Einstein haben kann
Hannover Meine Stadt Welche Probleme ein kleiner Einstein haben kann
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03:15 02.01.2019
Voneinander Lernen:Im Spielkreis haben hochbegabte Kinder miteinander Spaß – angelei- tet von Erwachsenen.
Voneinander Lernen:Im Spielkreis haben hochbegabte Kinder miteinander Spaß – angelei- tet von Erwachsenen. Quelle: Fotos Behrens
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Hannover

Dass ihr Sohn anders als andere Kinder ist, war Stefanie Diekmann (44) früh klar. „Aber wenn es das erste Kind ist, wie soll man da wissen, was normal oder was viel mehr als normal ist“, sagt die 44-Jährige. Heute, viele Jahre später, weiß sie, dass ihr Sohn, nennen wir ihn Tim (15), alles andere als normal ist: Tim ist hochbegabt. Sein Intelligenzquotient, kurz IQ, liegt bei etwa 130. Bei den meisten normal intelligenten Menschen liegt er zwischen 85 und 115.

„Schon als Einjähriger war er kognitiv sehr weit, hat sich für alles Mögliche interessiert“, erzählt Tims Mutter. Farben konnte er mit anderthalb Jahren fehlerfrei benennen, mit vier las er bereits Bücher. „Alles hat er sich selbst beigebracht. Wir haben das nicht forciert, fanden es im Gegenteil eher doof mit Blick auf die Schule. Wenn ein Kind schon alles kann, dann sind Probleme in der Schule programmiert“, so Diekmann. Und ständig die vielen Fragen. Alles habe Tim hinterfragt, war stets auf der Suche nach dem Sinn – bis heute ist das geblieben. „Er wollte einfach alles wissen. Sein Gehirn ratterte pausenlos.“

„Sein Gehirn ratterte pausenlos“

Haben sie ihn nie selber für hochbegabt gehalten? „Nein, er konnte ja nicht mal Radfahren, fing auch erst spät an zu laufen. Das Motorische hat ihn nie interessiert, eine Hochbegabung war für uns deshalb völlig abwegig.“ Heute kann sie nur den Kopf schütteln, wie blind sie damals war. Diekmann: „Vielleicht wollte ich es auch einfach nicht wahrhaben. Wir wollten nichts Besonderes sein.“ Denn Hochbegabung ist ein Reizwort, dem kaum jemand neutral gegenübersteht. Oft wird betroffenen Eltern elitäres Verhalten unterstellt. Nur wenige Familien sprechen deshalb offen über dieses Thema. Auch Tim soll möglichst anonym bleiben. Nicht noch ein Stigma.

Um ihren Sohn vom Lesen und Schreiben abzulenken, besorgte Stefanie Diekmann ein Schachlernprogramm. „Aber auch das konnte seinen Wissenshunger nicht stoppen. Irgendwann konnte er eben auch noch Schach“, sagt sie schüchtern, so als wäre es ihr noch immer unangenehm. Mit fünf Jahren verweigerte Tim schließlich den Kindergarten. „Er war gelangweilt, die Erzieher überfordert. Jeder, der nicht ins normale Schema passt, stört irgendwie das System“, sagt die Mutter. Eine Erzieherin sprach Diekmann an, vermutete eine Hochbegabung. Die Eltern ließen den damals Fünfjährigen psychologisch testen. „Das Ergebnis und die Empfehlung, dass unser Kind direkt in die Schule soll – beides war wie eine Erlösung“, erinnert sich die 44-Jährige. Mit der Einschulung mitten im Schuljahr änderte sich vieles: „Plötzlich hatte ich ein fröhliches Kind. Vorher war Tim immer unglücklich, er merkte ja auch, dass er anders war.“

Tim macht in der Schule nie mehr als nötig

Tim besucht inzwischen die elfte Klasse. Eine ganz normale Schule. Doch trotz seiner Hochbegabung ist sein Zeugnis keine Aneinanderreihung von Einsen. „Er ist ein Minimalist, macht nie mehr als nötig und sowieso nur das, was er gerne möchte. Generell beschäftigt er sich immer so lange mit einem neuen Thema, bis er es tiefgründig erforscht und verstanden hat. Dann legt er es ab und widmet sich was Neuem“, weiß seine Mutter. Und nimmt es hin. Trotzdem wünscht sie sich, dass er „irgendwann lernt, zu lernen. Es ist nicht gut, wenn einem immer alles zufliegt“.

Auch Tims ein Jahr jüngere Schwester, in dieser Geschichte heißt sie Sarah, ist hochbegabt. Ebenso zwei Cousins. Doch bei Sarah war alles anders. Diekmann: „Hochbegabte Mädchen fallen nicht auf, sie passen sich an.“ Buchstaben, lesen, schreiben – Sarah interessierte sich für nichts davon. Dafür war sie in einem anderen Feld anders als Gleichaltrige. „Sie ist extrem empathisch, kann Stimmungen gut aufnehmen, hervorragend verhandeln. Sie hat einfach ein perfektes Gespür für Menschen“, schildert die Mutter. Das für sich genommen sei keineswegs problematisch, wohl aber Sarahs stark ausgeprägtes Autonomieempfinden. „Sie hat nie etwas einfach angenommen, musste immer alles selber austesten. Ständig haben wir über Regeln gestritten, alles hat sie in Frage gestellt. Selbst in der Schule ist sie über Tische und Bänke gegangen“ Auch gute Noten brachte das Mädchen nicht nach Hause. „Nur Sport, Musik und Kunst haben sie wirklich interessiert“, so Diekmann.

Der Schock: Auch Tims jüngere Schwester ist hochbegabt

Als sie in der zweiten Klasse war, ließ die Mutter Sarah testen. Das Ergebnis war fast ein Schock. Sarah hat einen Intelligenzquotienten von 135 bis 145. „Ich hätte mit allem gerechnet, aber damit nicht. Sie hatte in der Grundschule ja sogar Förderkurse, weil sie nicht rechnen und schreiben wollte.“ Erst seit wenigen Jahren geht Sarah gerne zur Schule. Die richtige Schule für sie zu finden, war nicht leicht. Jetzt besucht sie die Ludwig-Windthorst-Schule. Anders als bei ihrem Bruder stehen in Sarahs Zeugnis fast nur Einsen. Die Geschwister haben gelernt, mit ihrer Andersartigkeit umzugehen. Diekmann: „Trotzdem merken beide oft, dass sie nicht dazugehören. Aber inzwischen können sie das besser akzeptieren.“

Und wie geht es der Mutter mit zwei hoch intelligenten Kindern? „Man wächst mit seinen Aufgaben. In vielen Dingen, die meine Kinder machen, finde ich mich selbst wieder. Auch ich wollte als Kind zum Beispiel nie ein Haus malen, weil es mir mit den Mitteln, die ich hatte, unmöglich erschien. In meinem Kopf hatte ich das perfekte Bild. Da habe ich es dann gelassen“, erzählt die 44-Jährige. Sind Sie auch hochbegabt, Frau Diekmann? „Ich habe mich nie testen lassen. Die Zahl ist mir nicht wichtig. Aber ich bin vermutlich nicht ganz dumm. Am Ende ist aber nur entscheidend, was man aus seiner Intelligenz macht und noch viel wichtiger, ob man glücklich ist.“

Von Britta Lüers