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Meine Stadt Wasserstadt: Wucher – oder ist die Stadt Schuld an den hohen Preisen?
Hannover Meine Stadt Wasserstadt: Wucher – oder ist die Stadt Schuld an den hohen Preisen?
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19:37 07.01.2020
Tolle Lage: Einige der Wohnungen in der Wasserstadt werden direkten Blick auf das Wasser bieten. Das allerdings hat seinen Preis. Quelle: Meravis
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Hannover

Die Sandhaufen wachsen. Die ersten Bauten schießen im Rohbau in die Höhe. Auf dem Gelände der Wasserstadt Limmer herrscht mittlerweile reger Betrieb. Um die Frage, für wen dort überhaupt gebaut wird, ist allerdings ein heftiger Streit entbrannt. Kommen dort nur Reiche und Arme zum Zuge, während Hannovers Mittelschicht zum Zuschauen verdammt ist? Diese Sorge treibt jedenfalls die Politik um. „Das ist Wucher“, schimpft SPD-Fraktionschef Lars Kelich über die Preise, die in dem Baugebiet verlangt werden.

Im Dezember wurden die ersten bekannt. Das Unternehmen Meravis hat mit der Vermarktung von 51 Wohnungen begonnen. Deren Kaufpreise liegen zwischen 5200 und 8000 Euro pro Quadratmeter. Hinzu kommt ein Anteil von mindestens 20 Prozent Sozialwohnungen, die im ersten Bauabschnitt der Wasserstadt mit rund 560 Wohnungen entstehen müssen, eine Vorgabe des Rates. Insgesamt sollen es einmal 1800 Wohnungen werden. „Ich sehe die Gefahr, dass dazwischen überhaupt keine Wohnungen für die Mittelschicht entstehen. Das hat mit guter Durchmischung nichts zu tun“, ärgert sich Kelich. Dabei war die eigentlich ein zentrales Ziel, das sich aus der monatelangen Wasserstadt-Bürgerbeteiligung ergeben hatte.

Bei der Arbeit: Mittlerweile herrscht reger Baubetrieb in der Wasserstadt Limmer. Quelle: Dröse

Kelich fordert deshalb, dass auch im mittleren Preissegment Wohnungen in dem neuen Quartier gebaut werden. „Was da derzeit verlangt wird, kann sich kein normaler Mensch leisten“, ärgert sich der SPD-Mann.

Jörg Jungesblut, der Geschäftsführer der Wasserstadt Limmer Projektentwicklung, einer gemeinsamen Gesellschaft von Gelände-Eigentümer Günter Papenburg und der Volksbank Braunschweig-Wolfsburg, hält günstigere Wohnungen im ersten Bauabschnitt unter den aktuellen Rahmenbedingungen jedoch für „nicht realistisch“. Im Schnitt würden die Verkaufspreise bei 6400 Euro pro Quadratmeter liegen, die Miete bei 13 Euro pro Quadratmeter, schätzt er.

Investor wehrt sich gegen Wucher-Vorwürfe

Den Wucher-Vorwurf der SPD weist Jungesblut allerdings entschieden zurück. Die Gewinnzulage auf die Baukosten sei „niedriger berechnet, als bei anderen Bauträgern und Projekten, die wir kennen“. Für die hohen Preise macht Jungesblut neben den schon durch die große Marktnachfrage steigenden Baukosten die „weitreichenden und kostenintensiven Auflagen und Anforderungen der Stadt“ verantwortlich.

Diese führten „ebenfalls zu erhöhten Baukosten“, die politisch „offensichtlich auch insgeheim akzeptiert“ würden. Und der Geschäftsführer nennt konkrete Beispiele für „Preistreiber“. Ein Problem aus seiner Sicht: Der Grund und Boden werde „nicht optimal genutzt“, so dass sich die Kosten der notwendigen Bodensanierung sowie der Erschließung des Geländes auf „weniger Wohnfläche“ verteilten.

Zu viel Grün, zu wenig Wohnungen in der Wasserstadt?

Nur 58 Prozent des Baulandes in der Wasserstadt würden auch tatsächlich genutzt. Das sei „Standard für den Münchner Speckgürtel“. Angemessen in so einem zentralen Quartier wäre aus seiner Sicht ein Wert um 70 Prozent gewesen. Dieses werde zwar „besonders schön grün und aufgelockert“, aber die entstehenden Kosten verteilten sich auf „weniger Wohnfläche, als es der Fall sein könnte“.

„Stark preistreibend“ seien auch die geforderten Tiefgaragen – in Verbindung mit einer „komplexen Geometrie“ der Gebäude. Dadurch sei eine Tiefgarage für einen Bau mit 28 Wohnungen mit zusammen 2000 Quadratmetern Fläche rund zwei Millionen Euro teurer als ein vergleichbares Objekt. Allein das führe zu Mehrkosten von 1000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche, rechnet Jungesblut vor.

Materialvorgaben der Stadt „aufwändig und preistreibend“

Zudem seien auch die vorgegebenen Materialien, zum Beispiel für die Fassade, teilweise „überdurchschnittlich aufwändig und preistreibend“. Für die Wasserstadt hatte die Stadt ein 80 Seiten starkes Gestaltungshandbuch herausgegeben, in denen sogar die Mülleimer-Modelle und Heckenpflanzen vorgegeben wurden.

„Skandalös“ fand das CDU-Bauexperte Felix Semper. Und wie der Wasserstadt-Geschäftsführer sieht er ebenfalls in den strengen Vorgaben einen entscheidenden Grund für die hohen Preise. „Die des Bundes sind schon hoch. Die Stadt setzt dann noch einen drauf“, kritisiert Semper.

CDU: Kein Wohnungsbau in Hannover für die Mittelschicht

5000 Euro pro Quadratmeter beim Kauf und 14 Euro pro Quadratmeter Miete seien bei Neubauprojekten in Hannover „schon Standard“. Für die „Mittelschicht wird in der Stadt überhaupt nicht mehr gebaut. Deshalb ziehen auch zunehmend Familien ins Umland“, warnt der CDU-Mann, für den das städtische Wohnraumförderprogramm „nur ein Tropfen auf den heißen Stein“ ist. FDP-Fraktionschef Wilfried Engelke sieht ebenfalls die Gefahr, „dass nur noch Wohnraum für Arme und Reiche“ entsteht.

Auch Grünen-Bauexpertin Elisabeth Clausen-Muradian sieht ein generelles Problem, das über die Grenzen der Wasserstadt hinausgeht. Die Preise dort findet sie zwar „besonders ärgerlich“. Sie räumt aber auch ein, „dass wir die Mittelschicht etwas aus dem Auge verloren haben“.

Mieterbund: Hohe Preise „keine Überraschung“

Beim Mieterbund in Hannover beobachtet man diese Entwicklung „schon länger mit Sorge“. Die zu erwartenden Mietpreise in der Wasserstadt von 13 Euro pro Quadratmeter hält Geschäftsführer Randolph Fries „für keine Überraschung“. Bauen für die Mittelschicht – „das bekommen die Wohnungsunternehmen aktuell nicht mehr hin. Neubauwohnungen sind in Hannover unter zehn Euro pro Quadratmeter nicht zu haben“, hat Fries beobachtet.

Doch was tun dagegen? Laut Susanne Schmitt, Direktorin des Verbandes der Wohnungswirtschaft Niedersachsen Bremen, in dem vor allem die Genossenschaften organisiert sind, ließen sich mit einer Miete von acht Euro pro Quadratmeter „die Kosten für Neubauten nicht annähernd decken“. Nur durch die Landesförderung und kommunale Programme könnten bezahlbare Neubauwohnungen in dieser Preisklasse entstehen.

Was tun gegen die Mietpreisexplosion?

Kommunen und damit auch die Landeshauptstadt Hannover seien gefordert, „bessere Rahmenbedingungen für den Bau bezahlbarer Wohnungen“ zu schaffen. Das fange an mit der Bereitstellung preisgünstiger Grundstücke und gehe über eine zielgerichtete Förderung bis hin zur „dringend notwendigen Überprüfung der Bauvorschriften“. Ein Hemmnis seien auch weiterhin die Kosten für vorgeschriebenen Parkplätze. Auch „überbordende Klimaschutzvorgaben“ gehören laut Schmitt zu den Preistreibern.

Auch CDU und FDP wollen die Bauvorschriften auf den Prüfstand stellen. Die CDU schlägt zudem eine Kapitalerhöhung für die städtische Wohnungsgesellschaft Hanova vor, damit diese mehr Wohnungen bauen kann. Ein Vorschlag, den auch Linken-Fraktionschef Dirk Machentanz unterstützt.

Grüne: Stadt soll selbst Flächen kaufen

SPD-Fraktionschef Kelich greift einen Vorschlag auf, den SPD-Kandidat Marc Hansmann im OB-Wahlkampf gemacht hatte. Er will in das städtische Wohnraumförderprogramm eine zusätzliche Stufe einbauen, „um Wohnungen im Neubau für die Mittelschicht auf acht Euro pro Quadratmeter herunterzusubventionieren“.

Grünen-Bauexpertin Elisabeth Clausen-Muradian glaubt nicht, dass das reichen wird. Sie will, dass die Stadt selbst eine aktivere Bodenpolitik betreibt. Sie soll Flächen aufkaufen und dafür sorgen, dass darauf bezahlbare Wohnungen entstehen. Zudem soll die städtische Wohnungsgesellschaft Hanova gar keine Gewinne mehr an die Stadt abführen müssen und die Mittel in den Bau von Wohnungen investieren.

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Von Christian Bohnenkamp

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