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Meine Stadt Vollrausch im Mutterleib: So gefährlich ist Alkohol in der Schwangerschaft
Hannover Meine Stadt Vollrausch im Mutterleib: So gefährlich ist Alkohol in der Schwangerschaft
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07:22 08.07.2019
GROßE Verantwortung: Eine hochschwangere Frau fasst sich mit beiden Händen an ihren Bauch. Quelle: Foto: dpa
Hannover

Thomas Haubrich (58) ist ein Mann, der fest im Leben steht. Früher verdiente er mit Marketing sein Geld, heute widmet er sich ganz der FAS (auch FASD), koordiniert das Thema seit einigen Monaten beim Verein Mittendrin Hannover. FAS – das ist die Abkürzung für Fetale Alkoholspektrumsstörung. Ausgelöst von Frauen, die in der Schwangerschaft Alkohol getrunken und damit ihr Kind lebenslang schwer geschädigt haben.

Diagnostiziert und behandelt wird FAS bislang meist nur bei Kindern, in der Regel wenn diese zu Adoptiv- und Pflegeeltern kommen. Auch Haubrich ist Pflegevater von zwei FAS-Kindern. Schätzungen zufolge sind in Stadt und Umland insgesamt rund 21 000 Menschen in allen Altersgruppen durch Alkoholmissbrauch in der Schwangerschaft betroffen und damit oft an einer gesellschaftlichen Teilhabe behindert. Davon rund 650 Kinder, die in Pflegefamilien wohnen. Zahlen aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen belegen, dass jedes vierte bis fünfte Pflegekind ein Fetales Alkoholsyndrom hat. Dennoch hätten die zuständigen Jugendämter noch viel zu wenig Kenntnisse mit der Behinderung, sagt Haubrich. Auch der Medizinwissenschaftler Reinhold Feldmann aus Münster vertritt diese These. Und sieht dringenden Handlungsbedarf.

„Wir hatten damit überhaupt keine Erfahrung.“

alkohol- und drogenkrank

Thomas Haubrich von der Initiatve „Lebenslänglich Moritz.“ Quelle: Frank Wilde

Für das Paar brach trotz der herausfordernden Diagnose nicht die Welt zusammen. Haubrich kennt andere Familiengeschichten, die von weniger Zuversicht und Glück handeln: „Pflege- und Adoptiveltern, die jahrelang verzweifelt auf ein Kind gewartet haben und denen dann von Jugendämtern die schöne heile Welt vorgegaukelt wurde. Für diese Familien bricht mit einem FAS-Kind alles zusammen. Die empfinden ihr Leben als systematisch zerstört.“ Denn diese Kinder können Lebenskonzepte und Träume zerstören, davon ist Haubrich überzeugt. Auch deshalb unterstützt er die Forderung der Initiative „Lebenslänglich Moritz“: „Bei einem begründetem Verdacht sollte jedes Kind vor der Adoption auf FAS getestet werden. Adoptiveltern haben Transparenz verdient. Man muss wissen, auf was man sich einlässt.“

Etliche Ehen scheitern daran

Denn es sei viel, auf was man sich einlassen muss, wenn ein Kind FAS hat, berichtet der Pflegevater. Etliche Ehen würden das nicht aushalten. Haubrich: „FAS-Kinder haben eine mangelhafte Impulskontrolle, sie rennen sprichwörtlich allen Reizen hinterher, sind von allen Möglichkeiten sofort verführbar. Dadurch haben sie permanent Chaos im Kopf. Sie haben auch keine Stressresistenz, sind schnell überfordert.“

Dann erzählt er die Geschichte eines Jugendlichen, auch er hat FAS: „Er hat ständig Motorräder geklaut und saß deshalb immer wieder vorm Jugendrichter. Er tat das aber nicht, um die Fahrzeuge zu verkaufen und sich zu bereichern, sondern nur um zu fahren. Ihm war nicht klar, dass man fremde Sachen nicht nehmen darf.“ Solche Beispiele seien typisch für FAS-Menschen. Das Dauer-Scheitern im Leben sei für Betroffene oft charakteristisch, häufig gepaart mit Aggressivität. Es sei schließlich kein schönes Gefühl, immer wieder zu scheitern. „Ein FAS-Kind fasst Hundert Mal die heiße Herdplatte an und verbrennt sich, es fällt öfter hin und tut sich weh oder rennt ohne zu schauen auf die Straße.“ Eltern müssten deshalb ständig potenzielle Gefahren vorausschauen. Haubrich: „Das schärft die eigenen Sinne enorm.“

Doch auch das weiß der Experte: „Diese Kinder können sehr wohl lernen, aber eben viel langsamer. Am einen Tag können sie perfekt Plus-Rechnen und am nächsten wissen sie nicht mehr, was das ist. Sie haben einen kleinen Arbeitsspeicher – Unwichtiges wird radikal rausgeschmissen. Dabei haben FAS-Kinder nicht selten einen hohen IQ. Sie bekommen ihre Intelligenz nur nicht auf die Straße.“

Selbst Frauenärzte raten noch zu einem Schluck Sekt

Trotz all der Herausforderungen wird Thomas Haubrich nicht müde zu betonen: „Meine Pflegekinder haben mein Leben bereichert. Sie haben es massiv entschleunigt, obwohl sie neuen Stress reingebracht haben. Sie sind sehr einnehmend, manchmal saugen sie einem förmlich jede Energie aus. Wir mussten unser Leben komplett umkrempeln, es wäre nicht möglich, dass sowohl meine Frau als auch ich arbeiten. Einer muss immer bei den Kindern sein. Trotzdem sind wir glücklich.“ Denn sei es gesellschaftlich falsch, nur auf die Defizite dieser Menschen zu blicken: „Wer FAS hat, der hat auch immer große Stärken. Man muss nur genau hinschauen, dann kann man viel lernen: Entschleunigung, Wahrnehmung und Empathie.“

Und doch wäre es Thomas Haubrich lieber, wenn seine Kinder nicht von der Diagnose ein Leben lang gezeichnet wären. „Die Gefahren von Alkohol in der Schwangerschaft müssen viel stärker thematisiert werden. Nur wenn Schwangere nichts trinken, sind sie auf der sicheren Seite. Alles andere ist wie Russisches Roulette mit der Gesundheit des Ungeborenen“, appelliert der 58-Jährige. Verheerend sei es daher, dass selbst heute noch Frauenärzte und Hebammen Schwangeren bei Kreißlaufproblemen zu einem Schlückchen Sekt raten würden. Haubrich: „Alkohol ist in unserer Gesellschaft noch immer die akzeptierte legale Droge. Der Umgang damit muss sich endlich verändern, damit nicht noch mehr Kinder geschädigt werden.“

Fetale Alkoholspektrum-Störungen

Wenn Schwangere Alkohol trinken, können sie damit das ungeborene Kind schwer schädigen. Alkohol in der Schwangerschaft sollte daher absolut tabu sein. Dennoch trinkt laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) jeder vierte Schwangere Alkohol – und das in allen gesellschaftlichen Schichten. Häufig in dem Irrglauben, dass ein Gläschen Wein, Sekt oder Bier nicht schaden könne.

Die Folgen sind verheerend: Fetale Alkoholspektrum-Störungen, kurz FASD, ist die häufigste nichtgenetische Ursache für geistige Behinderung in Deutschland. Im Unterschied zum partiellen Fetalen Alkoholsyndrom zeigen die betroffenen Kinder auch äußerlich sichtbare Merkmale wie Kleinwuchs, Untergewicht, einen Mikrozephalus (sehr kleiner Kopf) und Fehlbildungen im Gesichtsbereich wie kleine Augen, enge Lidspalten, vorstehende Nasenlöcher oder ein schmales Lippenrot vor allem der ebenfalls schmalen Oberlippe. Hinzu kommen oftmals Fütterstörungen, motorische Unruhe und ausgeprägte Schlafstörungen in der Säuglingszeit. 40 Prozent haben auch ADHS.

Von 10.000 in Deutschland geborenen Kindern kommen 177 mit Behinderungen zur Welt – verursacht durch den Alkoholkonsum ihrer Mütter während der Schwangerschaft. Das ist das Ergebnis einer im März veröffentlichten Studie des Münchener Instituts für Therapieforschung. Die Wissenschaftler erforschten die Folgen des sogenannten Passivtrinkens.

Die Zahlen sind alarmierend: Auf der Basis von internationalen Übersichtsstudien errechneten die Forscher, dass 2014 in Deutschland 12.650 Babys mit einer Fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) geboren wurden. Von diesen litten knapp 3000 an der vollen Ausprägung der Störung, dem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS).

Auch eine Untersuchung des Robert-Koch-Instituts in Berlin zum Alkoholkonsum von Schwangeren, die auf Befragungen von Müttern beruht, floss in die Studie ein: Von 10.000 Kindern kamen nach dieser Erhebung 177 mit FASD auf die Welt. „Bisher wurden die Zahlen für Deutschland unterschätzt“, sagt Studienleiter Ludwig Kraus. Wie viele Babys tatsächlich mit FASD und FAS bundesweit jährlich geboren werden, ist unbekannt, auch weil die Entwicklungsschädigungen oft erst später festgestellt würden. Zudem ist die Erkrankung nicht meldepflichtig, es gibt deshalb keine Statistiken.

Von Britta Lüers

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