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Meine Stadt Vergewaltigung: „Das hätte ich ihm nicht zugetraut“
Hannover Meine Stadt Vergewaltigung: „Das hätte ich ihm nicht zugetraut“
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00:18 23.09.2018
TATORT: Die Landstraße zwischen Arnum und Harkenbleck.
TATORT: Die Landstraße zwischen Arnum und Harkenbleck. Quelle: Elsner
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Hannover

Klar hat sich die Sache herumgesprochen. In Arnum. Hier soll er ja herkommen, der junge Mann, der Mitte August eine Frau kurz vor dem Nachbarort Harkenbleck vergewaltigt hat. Ein junger Mann aus der Nachbarschaft.

„Die Gerüchteküche ist in vollem Gange“, sagt ein Passant mittleren Alters. Er ist mit seinen Hunden unterwegs, in Sichtweite des Hauses, in dem Tobias H., der mutmaßliche Vergewaltiger, bis vor Kurzem lebte. Dann fuhr die Polizei vor und nahm ihn mit in Untersuchungshaft. Einige Nachbarn haben die Polizeiautos sogar gesehen. Über die Festnahme werde inzwischen im ganzen Ort gesprochen, so der Hundebesitzer. Doch für ihn werfe die Sache Fragen auf.

„Auf mich hat er immer einen guten Eindruck gemacht, immer freundlich. Dass er der Täter sein soll, hätte ich nie gedacht“, so der Arnumer. Auch wegen diesem Detail: „Die Polizei suchte nach der Tat damals einen ungepflegten Mann. Das passte überhaupt nicht auf ihn – er war immer sehr gepflegt, mit Gel und den Bart ordentlich gestutzt.“ Auch das veröffentlichte Phantombild habe „null Ähnlichkeit“ mit dem jetzt Festgenommenen.

Aggressiv oder unberechenbar habe sich Tobias H. auch nie gezeigt. „Einmal feierte er eine ordentliche Fete. Irgendwann wurde es mir zu laut und ich bin rüber gegangen. Er war total lässig drauf, hat sofort leiser gemacht. Völlig entspannt“, schildert der Nachbar. Auch das Lied, dass Hobbyrapper Tobias H. über Arnum gedichtet habe, ist im Ort nicht unbekannt: „Das war gar nicht schlecht“, sagt der Hundebesitzer und kratzt sich am Kopf. Die Nachbarschaft sei verwundert: „Im Prinzip kann hier keiner glauben, dass er zu so etwas fähig sein soll.“

Viele Nachbarn wissen etwas über den 31-Jährigen zu berichten, manches nur vom Hörensagen. Dass er mit Oma, Tante, Onkel und Vater in dem Haus gewohnt hat, er einen Winterdienst hatte, einen Sohn haben soll, lange arbeitslos war, auch schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten sein soll.

Im Haus seiner Familie sind die Rollos herunter gelassen. Die Außenwelt wird abgeschirmt. Verständlich. „Ich will die Familie nicht noch mehr belasten“, sagt eine Nachbarin. „Deshalb möchte ich nichts dazu sagen.“ Es ist ein unangenehmes Thema, aber es ist das große Thema. Vor allem in Arnum.

Emmo Best Quelle: privat

Freundlich war er. Immer freundlich, das bestätigt eine andere Nachbarin, die in ruhigem Ton über ihn spricht. „Als die Polizei vor der Tür stand, dachte ich, es wäre der Oma etwas zugestoßen. Eine andere Nachbarin hat dagegen gleich geahnt, dass es mit der Vergewaltigung zu tun haben muss“, erinnert sich die Frau an ein Gartenzaungespräch. „Auch wenn die Polizei früher schon einmal vor der Tür stand. Vergewaltigung hätte ich ihm nicht zugetraut.“

Polizei und Staatsanwaltschaft sehen das anders. DNA-Spuren führten sie zu dem mehrfach vorbestraften Tobias H., der laut Staatsanwaltschaft schon wegen Körperverletzung und Eigentumsdelikten eine Freiheitsstrafe verbüßt hat. Jetzt sitzt er als mutmaßlicher Täter in Untersuchungshaft. Ihm wird neben der Vergewaltigung auch versuchter Mord vorgeworfen – wegen der Brutalität, mit der Tobias H. zu Werke ging, sagt die Staatsanwaltschaft. Bewiesen ist aber noch nichts. Das wissen auch die Nachbarn.

Auf der Suche nach ganz viel Aufmerksamkeit

Wäre Tobias H. kein mutmaßlicher Vergewaltiger, würde man aufgrund seiner selbst verfassten Biografie auf einer Rapper-Seite im Internet eher zu dem Schluss kommen, der Mann sei immer wieder über seine eigene Selbstüberschätzung gestolpert. Mehrfach versucht, den Hauptschulabschluss nachzuholen, immer wieder Pech mit den Frauen gehabt, immer wieder davon geträumt, dass irgendwer sein Talent erkennt und er doch noch zum gefeierten Star wird.

Schlichtes Gedankengut mit entsprechenden Rechtschreibfehlern hat er für das Netz aufgeschrieben: 2005 das erste RTL-Casting in Berlin als M.O. Kay, was für „Master One Killa“ stehen sollte. Noch vor der Veranstaltung erzählte er der regionalen Zeitung, dass sein größter Zukunftstaum wäre: „Es uns allen gut gehen lassen – und einen Song für meine Mama aufnehmen.“ Nach seiner Bio macht er 2006 eine erste Knasterfahrung, 2007 das zweite Casting bei „DSDS“.

Emmo Best Quelle: privat

Ebenfalls 2007 wurde er nach seinen eigenen Angaben Vater eines Sohnes. Die Mutter verließ ihn ein Jahr später. 2009 noch ein Versuch beim DSDS, dann der Wechsel zu Sat-1 zum Proll-Talk bei „Britt“, Thema: „Dauerschwanger – wie viele Kinder willst du noch?“ Nach dem Casting für X-Faktor in Hamburg wird es auch nicht besser, Mitte 2011 tritt er nach seinen eigenen Angaben seine einjährige Haftstrafe an und schreibt angeblich das Buch „Eingesperrt in einer freien Welt.“ Lyrisch ebenso harmlos sein 2016 offenbar in Eigenregie gedrehtes Video in einem Billighotel mit dem Betroffenheitsrap „Wenn der Beat ausgeht“ und einem etwas gewöhnungsbedürftigen Auftritt als pummeliger Rapper mit Pizza in der Badewanne.

Ein kleines Erfolgserlebnis blieb ihm dennoch – als Schreiber des inoffiziellen Songs für den SC Hemmingen/Westerfeld 1914. „Nie mehr ohne dich“ heißt dieses Rap-Stück, das an keinem der örtlichen Fußballspieler vorbeigehen dürfte. Und auch „Arnum meine Gegend“, ein Bekenntnis zu seiner heimischen Scholle, findet Fans, die einen traurigen Mann mit Sonnenbrille und Kopfhörern an der Bushaltestelle zu schätzen wissen.

Bei der Schrift zum Video spielt Tobias H. auch mit Nazi-Runen und zuweilen lässt er sich vor Deutschlandfahnen ablichten. Allerdings erklärt er in einem Clip 2015 zur Ausländerfeindlichkeit, dass „isch viele ausländische Freunde habe“ und er mit so etwas nichts am Hut hat. Sein „Schauspieltalent“, so schreibt er in seiner „Autobiografie“, beweist er 2014 als Rechtsradikaler in einer Sat-1-Folge von „Auf Streife“.

Oberstaatsanwalt Thomas Klinge sagt der NP über Tobias H. „Er bestreitet die Tat, aber wir sind sehr fest davon überzeugt, dass er es gewesen ist und gehen von einer ganz überwiegenden Wahrscheinlichkeit von einer Verurteilung aus.“

Von Simon Polreich und Petra Rückerl