Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Tüv fordert Gütesiegel im Kampf gegen Angriffe aus dem Netz
Hannover Meine Stadt Tüv fordert Gütesiegel im Kampf gegen Angriffe aus dem Netz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 26.03.2018
SPION: Google Assistant gibt nicht nur Töne von sich, das Gerät hört auch ständig zu – wie Alexa/Echo von Amazon.
SPION: Google Assistant gibt nicht nur Töne von sich, das Gerät hört auch ständig zu – wie Alexa/Echo von Amazon. Quelle: Foto: dpa
Anzeige
HANNOVER

 Hebebühne oder Werkstattgrube gehören immer noch zum Prüfgeschäft des Tüv Nord. Das Geschäftsfeld Mobilität ist Dank „erfolgreicher Expansion nach Süddeutschland“ deutlich gewachsen, macht noch rund 30 Prozent des Geschäfts aus. Doch ist die Digitalisierung auch hier deutlich sichtbar – und greift zunehmend in die altehrwürdigen Gebiete ein, auf denen sich die Prüf- und Dienstleistungsorganisation sei jeher bewegt. „Digitalisierung ist ein wesentlicher Faktor, der uns an- und umtreibt“, sagt Dirk Stenkamp, Vorstandschef des Konzerns in Hannover.

Im vergangenen Jahr seien etwa mehr als 30 000 Aufzüge „digital“ geprüft worden, habe es rund 2,5 Millionen „digitale Hauptuntersuchungen“ für Fahrzeuge gegeben. Inzwischen setzt der Tüv Nord auch Drohnen (kleine ferngesteuerte, propellergetriebene Flugzeuge mit Kameras) für Inspektionen aus der Luft und in luftiger Höhe (etwa Antennenmasten) ein und befasst sich mit Fragen der Nutzbarmachung und Sicherheit von Künstlicher Intelligenz (Blockchain-Transaktionen für Stromnetze in China).

Das für Stenkamp wichtigste Thema dabei: Sicherheit. „Das Internet der Dinge bietet unendliche Möglichkeiten – insbesondere für verbrecherisch gepolte Köpfe, das zu missbrauchen“, erklärt er. Da könnten Kaffeemaschinen, WLAN-Router oder andere Haushaltsgeräte, die Netz-Verbindung haben, Teil eines ferngesteuerten Computernetzes werden, mit dem wiederum andere Computer angegriffen werden (Bot-Netz). Oder „Sprachassistenten“ wie der von Google oder wie „Alexa“ und „Echo“ von Amazon, die ständig lauschen, senden, speichern und so Spione im Zuhause sein können. Es gibt längst schon Spielzeug, das für Ausspähzwecke taugt. So verbot die Bundesnetzagentur vergangenes Jahr etwa eine Puppe namens Cayla als „getarnte, sendefähige Anlage“.

Gütesiegel für IT-Sicherheit

Darum fordert er ein „IT Gütesiegel“, gesetzlich vorgegeben. Darin müsste etwa geregelt sein, dass Geräte, die sich mit dem Internet verbinden können, automatisch vom Hersteller auf den neuesten Stand gebracht werden (Autoupdate der Firmware): „Das „ist ein wesentlicher Punkt.“ Auch sollte „bei Neugeräten, die ans Netz gehen, die Werkseinstellung auf maximalen Schutz der Privatsphäre gestellt sein – nicht wie heute meist umgekehrt!“ Datenschutz, Datensicherheit und Datensparsamkeit – das habe für den Tüv Gewicht. „Ohne IT-Sicherheit gibt es keine Produktsicherheit – und dafür kann man an eine Menge tun“, sagt der Manager. Für lernende Roboter etwa brauche man „einen Nachweis, dass der auch in zehn Jahren im Notfall noch das Richtige tut“.

Während meist nur die Rede von „Industrie 4.0“ ist, auch Internet der Dinge genannt (Internet of Things, IoT), gebe es auch „den Bergbau 4.0“, erklärt der Vorstand. Da sei der Konzern stark aktiv, habe etwa eine Firma übernommen, die aus einem in Deutschland für eine Mars-Mission entwickelten Gerät ein Positionierungs, Navigations und 3D-Dokumentationssystem für Untertage gemacht habe – dort, wo keine GPS-Satellitensignale mehr hingelangen, die oben jedes Handy zum Navi machen.

Um sich digitales Wissen und digitale Ideen zu verschaffen, setzt der Konzern außer auf den Zukauf von Firmen mit bewiesenem Markterfolg auf sich selbst: Personalvorstand Harald Reutter sagt, man habe bewusst nicht „irgendein Start-Up gekauft, dass man auf einen Campus stellt und dann einzäunt. Wir haben die Digital Academy gegründet.“ Der Tüv schult seine Mitarbeiter macht sie zu Digital-Experten – die wiederum Kollegen schulen, so weitere Kompetenz schaffen.

Das Unternehmen ist auch beteiligt am Aufbau einer „digital vernetzten Referenzstrecke für automatisiertes und vernetztes Fahren“ auf der Straße des 17 Juni, also mitten in Berlin (Projekt DIGINET-PS des Bundesforschungsministeriums). Ziel sei, dass der Tüv Nord zum „Treuhänder für Autodaten“ werde.

Ohne Update keine Plakette!

Ohne Software-Update keine Plakette: Die deutschen Autohersteller – allen voran der VW-Konzern mit seinen Töchtern Audi und Porsche – haben im Skandal um manipulierte Diesel-Abgassteuerungen auf Anweisung des Kraftfahrtbundesamtes sowie freiwillig Rückrufe gestartet, um der Motorelektronik mit neuen Programmen das Schummeln auszutreiben. Da nicht klar ist, wie sich das auf Lebensdauer, Leistung und Verbrauch auswirkt, zögern viele Diesel-Eigner, die Werkstatt für das Update aufzusuchen – das wird Folgen zeitigen:

Laut Dirk Stenkamp, Chef des Tüv Nord-Konzerns in Hannover, wird durch den Einsatz der so genannten On Board Diagnose (OBD) während der Hauptuntersuchung auch geprüft, ob die Software dem geforderten Stand entspricht und die Abgaswerte den geänderten Vorgaben entsprechen. So lange Rückrufaktion und Update-Zeitraum noch nicht beendet sind (maximal 18 Monate), habe das keine negative Wirkung – doch sobald der Zeitraum überschritten sei, gelte ein nicht vollzogenes Software-Update als schwerwiegender Mangel – „und es gibt keine Plakette“.

Möglich, dass solche Fahrzeuge im ersten Anlauf ohne das Update durchkommen, weil die Frist noch nicht abgelaufen ist – doch spätestens bei der nächsten Vorfahrt zur Hauptuntersuchung (HU) komme der Mangel zum Tragen. Dann gibt’s die Nachfrist – und wenn der Mangel dann nicht behoben, also die neue Software aufgespielt ist, müsse man die Behörden informieren, so dass es auch zur Stilllegung des Fahrzeugs kommen könne.

Unklar ist, was passiert, wenn ein Diesel-Auto nach Ende der Rückruffrist in der Werkstatt vorfährt: Ist die Sache dann noch kostenfrei?

Die Tüv-Bilanz 2017

Das Geschäftsjahr ist für den Tüv Nord-Konzern ein „solides, gutes Jahr“ gewesen, sagte Finanzvorstand Jürgen Himmelsbach während der Bilanzpräsentation am Freitag in der Zentrale in Hannover. Man habe „viel investiert, Umsatz und Rendite gesteigert – und so auch Arbeitsplätze gesichert.“ Der Umsatz legte um 31,2 Millionen Euro (2,7 Prozent) auf 1,185 Milliarden Euro zu, der Jahresüberschuss (Gewinn nach Steuern) von 43,2 auf 47,8 Millionen Euro. Weltweit beschäftigt der Prüf- und Beratungskonzern in 70 Ländern mit 85 Tochtergesellschaften etwas mehr als 13 000 Menschen (rechnerisch stehen dahinter etwas über 10 500 Vollzeitstellen), davon 7600 in Deutschland (1200 in Hannover), insgesamt ein Zuwachs von 367. Der Frauenanteil betrage 29 Prozent. Investiert wurden 50 Millionen Euro, rund 10 Millionen Euro flossen in Pensionsrückstellungen. Statt Schulden hat der Tüv 85 Millionen „in der Kasse“.

Von Ralph Hübner