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Meine Stadt Trotz Bio-Trend: Warum tun sich Reformhäuser heute so schwer?
Hannover Meine Stadt Trotz Bio-Trend: Warum tun sich Reformhäuser heute so schwer?
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17:34 07.10.2019
Hannover, Natura Haus Reformhaus, Kunde Wolfgang Stolte (70) ; (Foto: Christian Behrens) Quelle: Christian Behrens
Hannover

Graue Wolken hängen über der Lister Meile am Himmel, draußen ist es keine zehn Grad warm. Ein paar Schritte noch, dann steigt der Duft von Gebäck und Kräutertee in die Nase. Das „naturahaus“, zwischen Modeladen und einer Buchhandlung gelegen, macht das Wohlbefinden zum Geschäft – und lässt immerhin schon mal beim Betreten das Wetter vergessen.

Ute Schneider (55) ist das Gesicht dazu – sie betreibt das Reformhaus seit mehreren Jahrzehnten. „Vom Geschäftstyp her ist es über 100 Jahre alt, das Reformhaus entstand im Zeitalter der Industrialisierung“, erzählt die Chefin. Damals wuchs die Lebensmittelindustrie, wie wir sie heute kennen, empor. Preiswerte Weißmehlprodukte wie Brötchen kamen auf den Markt, Vollkornprodukte verschwanden in die Nische der kleinen Läden. „Die allerersten Sortimente des Reformhauses waren alternative Lebensmittel, die Ausrichtung war auf eine vollwertige, vegetarische Ernährung“, erzählt Schneider.

Auch ein Jahrhundert später spielt dieser Grundgedanke eine Rolle, besonders im Zeitalter von Chia-Samen und Acerola-Kirsche, von Fitness-Boom und veganer Ernährung – doch wo gesundes Kochen und Geschmack ein Statussymbol geworden sind, tun sich die Reformhäuser seltsam schwer. Woran liegt das?

Hannover: Ute Schneider betreibt das Reformhaus seit mehreren Jahrzehnten. Quelle: Christian Behrens

Schneider erlebte mit ihrem achtköpfigen Team den Wandel in der Branche, den Trend zum „Superfood“: „Dieses Sortiment gab es schon immer im Reformhaus, wenn auch nicht so breit, wie es durch die Nachfrage nun entstanden ist.“ Das haben dann auch die Discounterketten – Supermärkte wie Drogerien – mitbekommen. „Jetzt bekommen die Leute es überall.“

Mehr Kunden durch „gesunde Trends“

Zunächst, vor einigen Jahren, profitierte auch das „naturahaus“, doch mit der steigenden Konkurrenz von Rossmann bis Rewe gingen die Zahlen wieder runter. „Auch beim Vegan-Trend kamen mehr Leute, weil es damals die Produkte noch nicht so im Supermarkt gab“, erinnert sich die langjährige Mitarbeiterin Melanie Nordmeyer (31). Heute ist Tofu im Supermarkt so profan wie Senf.

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Dennoch hat Nordmeyer hier ihr Glück gefunden. Hat bereits ihre Ausbildung als Einzelhandelskauffrau im Reformhausnaturahaus“ absolviert. Danach wurde sie übernommen und hält dem Laden seitdem die Treue. „Wir sind hier wirklich gut ausgebildet und haben auch eine Beratungskompetenz“, sagt Nordmeyer, „es ist ein ganz anderes Verhältnis mit den Kunden“, so die 31-Jährige weiter. Auch ihre Chefin betont die Beratung, die besonders bei natürlichen Arzneimitteln und Nahrungsergänzungsprodukten gefragt sei. „Die finde ich natürlich auch beispielsweise in Drogerien, dort bekommt der Kunde aber keine Beratung“, so Schneider.

Die Unternehmerin nimmt ihr Sortiment persönlich. „Was ich anbiete, das ist meine innere Überzeugung, ist etwas, was dem Menschen gut tut“, sagt Schneider. Auch privat denkt die Frau mit den kurzen dunkeln Haaren und dem freundlichen Gesicht ans Geschäft. Sie hat einen Kleingarten übernommen, hier fand sie Ideen für neue Angebote. „Ich habe überlegt, dass ich in meinem Garten Vogelfutter brauche und mich gefragt wo ich es in guter Qualität herbekomme“, erinnert sie sich. Sie trieb schließlich zwei Firmen auf, deren Produkte sie überzeugten. Heute stehen diese im Regal von ,„naturahaus“ – und zumindest hier scheint es doch unwahrscheinlich, dass die Discounter-Konkurrenz wieder abkupfert.

Unbekannter Trendsetter

„Die Reformhäuser haben sehr viel Konkurrenz auf vielen Ebenen“, beschreibt Fabian Ganz vom Marktforschungsunternehmen Biovista, das sich auf die Bio- und Reformwarenbranche spezialisiert hat, das Marktumfeld. Im Lebensmittelbereich nennt er Bio-Märkte und eben auch den konventionelle Einzelhandel, im Kosmetik- und Gesundheitsbereich Drogerien und Apotheken. Und das, obwohl Reformhäuser oft Pioniere waren. Vielleicht ist es ja ein schwacher Trost für die Branche, die die Menschen irgendwie ja auch bekehren will: „Viele der Trends, die heute Mainstream geworden sind, hat das Reformhaus mit gesetzt.“

Zahl der Häuser mehr als halbiert

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Reformhäuser in Deutschland nach Angaben der Reformhaus-Genossenschaft mehr als halbiert – von 2800 auf heute rund 1200 Läden. 900 davon sind reine Reformhäuser, 300 beispielsweise Apotheken, die als Lizenznehmer gleichzeitig Reformhäuser sind und über ein entsprechendes Sortiment verfügen.

Der Branchenumsatz liegt bei rund 670 Millionen Euro pro Jahr. „Das Reformhaus geriet Stück für Stück ein bisschen in Vergessenheit“, sagt Genossenschafts-Vorstand Rainer Plum. „Man hat den Kunden aus den Augen verloren.“

Marktforscher Fabian Ganz beschreibt zudem ein grundsätzliches Problem: „Es bleibt eher das Image, dass man das Reformhaus bei einer Krankheit aufsucht und erst einen gewissen Leidensdruck haben muss, um in ein Reformhaus zu gehen.“

Das wollen die Reformhäuser ändern. Um gegen die Konkurrenz zu bestehen, haben sich mehrere Reformhaus-Betreiber in Deutschland inzwischen zur Reform Alliance zusammengeschlossen. Genossenschafts-Vorstand Plum spricht von einem „Repositionierungsprozess“.

Von Stella-Sophie Wojtczak

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