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Hannover Meine Stadt Treibhaus-Techniker angeklagt
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00:22 12.04.2018
LANGE ANKLAGEBANK: Shopbetreiber Mischel D., die Anwälte Raban Funk,  Christian Hilgartner, Jürgen Meyer, Angeklagter Bernd L., Anwalt Christian J. Neumann,  Angeklagter Florian R., Anwalt Michael Tusch, Angeklagter Roman K., Anwalt Benjamin George Pethö, Angeklagter Alexander K., Anwalt Martin Möller, Angeklagter Andre J. (von rechts).
LANGE ANKLAGEBANK: Shopbetreiber Mischel D., die Anwälte Raban Funk, Christian Hilgartner, Jürgen Meyer, Angeklagter Bernd L., Anwalt Christian J. Neumann, Angeklagter Florian R., Anwalt Michael Tusch, Angeklagter Roman K., Anwalt Benjamin George Pethö, Angeklagter Alexander K., Anwalt Martin Möller, Angeklagter Andre J. (von rechts). Quelle: Foto: Franson
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HANNOVER

Auftakt zu einem außergewöhnlichen Verfahren am Landgericht Hannover: Dort drohen sechs Angeklagten (31 bis 61) lange Haftstrafen – weil sie als Mitarbeiter eines hannoverschen Fachgeschäfts ihre Kunden aus ganz Deutschland bestens berieten.

Laut Staatsanwaltschaft geht es um den illegalen Anbau von Marihuana. Angeklagt sind 21 Straftaten aus dem Zeitraum 2006 bis 2014. Der Hauptvorwurf gegen die überwiegend aus dem Großraum Hannover stammenden Männer lautet: „Beihilfe zum unerlaubten Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge“. Der Strafrahmen für dieses Delikt beträgt drei Monate bis elf Jahre und drei Monate Gefängnis.

Wärmelampen, Düngemittel, Zelte für die Pflanzenaufzucht in den eigenen vier Wänden, Belüftungsanlagen – all das sollen die Angeklagten des Fachgeschäfts auf einem Hinterhof an der Hildesheimer Straße (Südstadt) verkauft haben. Auch telefonische Beratung habe zum Service gehört.

„Ihnen war bekannt, dass die Kunden die Hilfsmittel nutzen, um Marihuana-Pflanzen anzubauen“, sagt Staatsanwalt Alexander Dlugaiczyk, während er im Saal 127 vor der 19. großen Strafkammer die etwa einstündige Anklage vorträgt.

Mehrere Stunden habe er mit einem Kunden über den Aufbau einer Marihuana-Zuchtanlage gesprochen, wirft Dlugaiczyk dem Shopinhaber D. vor.

Er habe zum Thema Pflanzenwachstum ständigen Kontakt zum Kunden gehalten, sagt der Staatsanwalt zum Angeklagten K.

Dessen Komplizen R. und L. hätten gewusst, dass ein Kunde die gezüchteten Marihuana-Pflanzen verkaufen wolle. Nach acht Wochen habe es die erste Ernte gegeben. Der Anbauer habe 800 Gramm Cannabis für 2400 Euro an einen bisher Unbekannten verkauft.

Auch in Sachen Schädlingsbekämpfung halfen die Fachkräfte: 200 Raubmilben zur Bekämpfung von Spinnenmilben gab es beispielsweise für 19 Euro, eine große Zahl Fadenwürmer für den Einsatz gegen Mücken zum gleichen Preis. Schweres Gerät war ebenfalls im Angebot des Geschäfts, das immer noch geöffnet ist: Zum Beispiel die Erntemaschine Twister (Wirbelwind), Katalogpreis 13 500 Euro, wurde bis nach Plauen (Sachsen) verkauft.

Auch ein Großhandel für Raucherbedarf und Treibhaustechnik in Laatzen spielt im Verfahren eine Rolle. Ende 2013 waren Fahnder den illegalen Geschäften auf die Spur gekommen – auch mit Abhöraktionen. Aus dem gesamten Bundesgebiet hätten Züchter – von denen viele bereits in anderen Verfahren verurteilt wurden – Ausrüstung für Indoor-Plantagen im Südstädter Fachgeschäft mit dem belebend klingenden Namen bestellt.

Im Juni 2014 durchsuchten zahlreiche Fahnder Dutzende Objekte. Sie stellten mehr als 1000 Marihuana-Pflanzen und kiloweise Rauschgift sicher.

In Mellendorf bespielsweise wurden 189 „fast erntereife Pflanzen“ in einer Indoor-Plantage entdeckt. Gewicht der Drogen: 7112 Gramm. Ergebe rund 37 Gramm je Marihuana-Staude, rechnete Ankläger Dlugaiczyk vor.

Am nächsten Verhandlungstag (24. April) sollen die Angeklagten befragt werden.

Von ANDREAS KÖRLIN