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Meine Stadt Trauerfeier für Enke: Wie eine 17-Jährige die Herzen berührte
Hannover Meine Stadt Trauerfeier für Enke: Wie eine 17-Jährige die Herzen berührte
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11:08 06.11.2019
Eine glückliche Frau: Alina Schmidt singt immer noch.
Hannover

Als sie ihre Stimme erhob am 15. November 2009 versammelte sich Fußball-Deutschland in Trauer hinter einer Vereinshymne. „96 Alte Liebe“, den Song hatte Alina Schmidt drei Monate zuvor schonmal in der Arena gesungen. Damals vor dem Bundesliga-Heimspiel gegen Mainz, im Sonnenschein, im Trikot mit dem lustigen TUI-Smiley drauf, lachend.

Diesmal stand sie da im schwarzen Mantel mit hochgeschlagenem Kragen, blass, angespannt und trotzdem für eine 17-Jährige erstaunlich souverän und konzentriert. Stunden zuvor hatte sie ARD-Kommentator Reinhold Beckmann noch anvertraut, sie wisse gar nicht, ob sie das schaffen werde. Ob der Druck sie nicht zerbrechen werde. Vor ihr der Sarg von Robert Enke, hinter ihr die Familie um Ehefrau Teresa, um sie herum Kameras und zigtausende Fans, die ihre Schals hochhielten und die Tränen einfach laufen ließen in diesen herzzerreißenden 4:11 Minuten des Liedes.

„Zum Nachdenken blieb keine Zeit“

„Wie ich das geschafft habe, weiß ich bis heute nicht“, sagt die inzwischen 27-jährige, die kurz vorm zweiten Staatsexamen fürs Grundschullehramt steht, der NP am Telefon. Vor zehn Jahren war sie Schülerin der KGS Salzhemmendorf, einer 96-Partnerschule. Irgendwann kam 96-Besuch, Alina durfte für Valérien Ismaël und andere Stars singen.

Sie wurde ins Stadion eingeladen, ließ dort ihre freilich außergewöhnliche Stimme erklingen, der Auftritt blieb in Erinnerung. Auch bei Teresa Enke, die sich zur Trauerfeier ihres Mannes die 96-Hymne nicht vom Band, sondern von ihr wünschte – und so klingelte am Tag nach Enkes Tod das Telefon im Hause Schmidt in 400-Seelen-Ort Harderode bei Coppenbrügge. Was folgte, waren „Tage der Anspannung, es ging alles so schnell, dass zum Nachdenken gar keine Zeit war“, erinnert sich Alina: „Ich wusste nur, dass Teresa Enke mich dabeihaben wollte, weil Robert meine Musik so sehr gefallen habe. Wie hätte ich da ablehnen sollen? Wie hätte ich einer Witwe diesen Wunsch abschlagen können?“

Der schwierigste Moment: Alina Schmidt sing bei der Trauerfeier, begleitet von ihrem Vater Martin und dessen Freund Rolf Brandt. Quelle: Archiv

Und so wurde sie vor der Trauerfeier durch den Spielertunnel geführt, sah den geschmückten Sarg am Anstoßpunkt, saß mit ihrem Papa Martin und dessen Freund Rolf samt Gitarren zwischen Angehörigen und Fußball-Helden wie Franz Beckenbauer, Rudi Völler und Jupp Heynckes. Ein Dutzend Portionen Bachblüten hatte die Mutter Alina Schmidt zugesteckt, trotzdem war „ich so aufgeregt, dass ich erst wieder bewusst geatmet habe, als wir den Innenraum verließen“. Als die Anspannung weg war, heulten auch sie und ihre musikalischen Begleiter Rotz und Wasser, „emotional war das sicher die bisher schwierigste Situation meines Lebens“.

„Musik kann ein Trost sein“

Direkt nach dem Auftritt, dessen Videos bei Youtube fast drei Millionen Mal geklickt wurden, liefen in der KGS die Telefone heiß. RTL, Pro 7, Sat 1, Zeitungen, Zeitschriften, Talk-Show-Formate, alle wollten das tapfere Mädchen mit der rauen und dennoch sanften Stimme präsentieren und befragen. „Unser Direktor Karl-Heinz Brand hat damals einen tollen Job gemacht und alles von uns ferngehalten“, sagt Schmidt, die „auf keinen Fall eine Karriere auf dem Unglück eines anderen Menschen aufbauen“ wollte.

Eine Pop-Karriere ist es also nicht geworden, aber zehn Jahre danach scheint Alina Schmidt eine offene, bescheidene, sensible, fröhliche und vor allem glückliche junge Frau zu sein. Das Trio mit Papa und dessen Freund gibt es immer noch, Aroma nennen sie sich nach ihren drei Vornamen und geben in der Region ein paar Konzerte pro Jahr. Ex-Schulleiter Brand ist übrigens fast immer dabei. „Das Singen ist schon eine Leidenschaft“, sagt Schmidt, aber „anderes ist wichtiger“. Das bald beendete Studium, Gesundheit und Familie. „Ich bin, so oft es geht, an den Wochenenden bei meinen Eltern“, so Schmidt, in Harderode wohnen auch Oma und Opa, Tante und Onkel, der Cousin, der wie ein Bruder für sie ist.

Am 10. November wird sie zurückdenken und „vielleicht eine kleine Kerze ins Fenster stellen“. Zurückdenken an einen Vormittag, an dem „ich komplett im Tunnel war“, der 96-Vereinsgeschichte geschrieben hat und gezeigt hat, wie Trauer Menschen vereinen kann. „Was mich beeindruckt hat, ist zu sehen, wie sehr Musik ein Trost sein kann“, sagt Alina Schmidt über eine „schöne Hymne, die immer passt: wenn man fröhlich ist genauso, wie wenn man ganz traurig ist.“ Wie damals am 15. November 2009.

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