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Meine Stadt Obdachlose trauern um „Straßenpapa“ Tommi
Hannover Meine Stadt Obdachlose trauern um „Straßenpapa“ Tommi
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17:50 31.01.2019
Trauer um verstorbenen Obdachlosen am Kröpcke.
Trauer um verstorbenen Obdachlosen am Kröpcke. Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

Für die meisten Hannoveraner war er irgendein Obdachloser, der am 21. Januar am Kröpcke in der Kälte erfroren ist. Für Jennifer Heilmann (29) und für André (34) war er „Papa“ oder „Tommi“. Ein Freund. Und deswegen haben sie am Donnerstag die Kröpcke-Uhr kurzfristig zur Gedenkstätte für Tommi (54) und auch die anderen auf der Straße gestorbenen Obdachlosen umgewidmet. „Ich habe von seinem Tod auf der Titelseite der Neuen Presse erfahren und will jetzt dafür sorgen, dass es nicht noch mehr Tote gibt“, sagt Jennifer Heilmann.

Sie kennt sich aus: Bis vor vier Jahren lebte die junge Frau auch auf der Straße – sechs Jahre lang. „Tommi war unser Straßenpapa. Der hat erzählt, aber vor allem zugehört. Und er hat mir geholfen, von der Straße wegzukommen.“

Jennifer Heilmann flog mit 16 aus ihrem Elternhaus, heiratete mit 18 Jahren und bekam auch gleich das erste Kind. Nach zweieinhalb Jahren Gewalterfahrung in der Ehe schritt das Jugendamt ein und setzte sie vor die Wahl: Beide Kinder weg oder mit den Kindern in einer Mutter-Kind-Einrichtung. „Das habe ich dann gemacht, aber weil ich auf Drogen war, haben sie mich da rausgeschmissen.“ Sie hat ihre Kinder verloren – mit einem knüpft sie jetzt wieder zarte Bande an. „Ich habe mir mit Drogen, Partys und Alkohol echt viel versaut, auch die Gesundheit.“ Heute aber sei sie clean, seit vier Jahren ist sie nicht mehr obdachlos, mit ihrem Lebensgefährten hat sie den einjährigen Conner. „Mein Partner hat auch auf der Straße gelebt, aber dann habe ich ihm einen Job auf dem Bau besorgt. Erst sind wir in eine Gartenkolonie mit Bude und Holzofen und von dort aus haben wir den Sprung in eine richtige Wohnung geschafft.“

Ihre alte „Familie“, unter anderem die Punks vor der Galerie Kaufhof, hat sie nicht vergessen. „Die haben mir geholfen, mich immer unterstützt – wie auch Tommi.“ Der habe mindestens die Hälfte seines Lebens auf der Straße gelebt, ist sich André sicher.

Und der muss es wissen. Seitdem er elfeinhalb Jahre ist, sei er schon auf der Straße, erzählt er. Geboren in Rostock, „viel Stress, Schläge und so weiter in der Familie, dann in den Drogensumpf, zwischendurch mal Knast, acht Länder bereist und seit 2000 in Hannover“, sagt er und nippt an seiner Bierflasche. „Ja, ich habe ein Alkoholproblem“, gibt er offen zu. 22 Jahre auf der Straße, für manche ist es ein Wunder, dass André das so lange ausgehalten hat. Kann er sich ein bürgerliches Leben mit Job, Wohnung und eigener Familie überhaupt vorstellen? „Nein, 22 Jahre kann man nicht mal so eben überwinden.“ Wie viele Obdachlose hat auch André einen Hund, Joschi, sieben Monate alt. Bei dieser Kälte kommt er mit Joschi zur Zeit „bei einer Bekannten unter, sonst schlafen wir draußen“. In die angebotenen Unterkünfte von Stadt und Hilfsorganisationen „darf man Hunde nicht mitnehmen“. Das aber wäre total wichtig, „sonst werden weitere von uns draußen erfrieren, denn wir lassen unsere Tiere nicht allein“. Die Marktkirche immerhin hätte für drei Nächte die Tore für Obdachlose und ihre Vierbeiner aufgemacht. „Ja, drei Nächte. Und jetzt?“, fragt André.

Für Jennifer Heilmann ist es wichtig, dass gerade jetzt in der Kälte einfach alle die Augen aufmachen und helfen. „Wenn jemand draußen auf der Straße liegt, dann kann man da nicht einfach dran vorbei gehen. Lieber einmal mehr die 112 rufen als einmal zu wenig“, ruft sie die Hannoveraner auf.

Von Petra Rückerl