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Meine Stadt Tote Sarah: „Die Zeit heilt nicht alle Wunden“
Hannover Meine Stadt Tote Sarah: „Die Zeit heilt nicht alle Wunden“
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07:57 28.01.2013
Von Britta Mahrholz
ERINNERUNG: In ihrem Garten pflanzten die Eltern einen Baum für ihre tote Tochter Sarah.
ERINNERUNG: In ihrem Garten pflanzten die Eltern einen Baum für ihre tote Tochter Sarah.
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Hannover

Es war der 6. November 2011, der das Leben von Familie S. für immer veränderte. An jenem Tag tötete der psychisch kranke Mohammed V. (55) im Flur eines Mehrfamilienhauses an der Kurt-Schumacher-Straße (Mitte) seine Nachbarin Sarah S. (24) - und nahm damit der Mutter (50) und dem Vater (53) die einzige Tochter sowie dem Bruder (23) die einzige Schwester. Etwas mehr als ein Jahr ist der unfassbare Schicksalsschlag her, der die Familie aus der Region Hannover traf. Über den Tod von Sarah werden sie nie hinwegkommen, sagt der Vater: „Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Aber man lernt, damit umzugehen.“

Die Todesnachricht erreichte die Angehörigen damals etwa acht Stunden nach dem Verbrechen. Drei Polizeibeamte standen vor der Tür der Familie. In diesem Moment ahnte die Mutter Schlimmes: „Da muss was mit Sarah passiert sein... Der Nachbar.“ Die Ermittler erklärten der 50-Jährigen, dass ihre Tochter umgebracht wurde. Aus der bösen Vermutung wurde traurige Gewissheit.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich an jenem Herbstsonntag bei den Nachbarn von Familie S. die Nachricht, dass Sarah tot ist. „Sie stellten an unserem Tor Kerzen und ein Schild auf. Darauf stand: ‚Wir denken an Euch’“, erinnert sich die Mutter. Im Laufe der nächsten Stunden trafen mehr und mehr Verwandte und Freunde der 24-Jährigen bei ihren Eltern ein. Niemand wollte in diesen schweren Stunden allein sein. Alle erzählten etwas über Sarah. „Wir haben geweint und auch gelacht. Es war eine richtige Sarah-Party - so wie sie es liebte“, berichtet die Mutter.

Am nächsten Tag traf die Familie eine Entscheidung. „Wir haben uns entschlossen, uns nicht zu vergraben, sondern in die Offensive zu gehen“, so der Vater. Er, seine Frau und sein Sohn waren täglich mit Sarahs Tante und ihrem Lebensgefährten, den Freunden ihrer Tochter und Nachbarn zusammen. Treffpunkt war die Gaststätte, die die Eltern bewirten. Und sie ist es immer noch.

Die Studentin starb am 6. November 2011. An jedem 6. eines Monats kommen in dem Lokal ihre Freunde zusammen, um mit Vater, Mutter und Bruder den Abend zu verbringen. Am Jahrestag des Todes gab es eine große Erinnerungsparty an die 24-Jährige. Ihre Kumpels haben Collagen aus 600 Fotos mit Sarah gerahmt und sie den Angehörigen geschenkt. Durch ein Verbrechen ist ihnen die Tochter und Schwester genommen worden, dank ihrer vielen Freunde ist „die Familie aber inzwischen größer geworden“, erklärt die 50-Jährige. Am 13. Mai haben alle Sarah hochleben lassen - an diesem Tag wäre sie 25 Jahre alt geworden. Ihre Freunde haben einen Baum gekauft, der im Garten der Familie gepflanzt wurde und an die Verstorbene erinnert.

Den Prozess gegen den paranoiden Täter hat der Vater einerseits als „heftig“, andererseits als „enorm wichtig“ empfunden. Er kannte Mohammed V. bis dato nicht. Deshalb hatte für ihn monatelang nach dem Verbrechen „der Hass kein Gesicht“. Nach der Verhandlung ließ der Hass gegen den Mörder nach: „Ich habe gesehen, wie krank dieser Mensch ist“, berichtet der 53-Jährige. Ihm sei klar geworden, dass Sarah ein Zufallsopfer war. Die kranken Phantasien des 54-Jährigen hätten auch jede andere Person treffen können. Doch es war Sarah, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war.

Polizeibeamte haben Familie S. gleich nach dem Verbrechen auf den Weissen Ring aufmerksam gemacht. Die private Hilfsorganisation, die Opfern von Straftaten aller Art und ihren Angehörigen zur Seite steht. Der Großmutter, die den Tod von Sarah nur schwer verarbeiten kann, hat eine Mitarbeiterin vom Weissen Ring eine Selbsthilfegruppe vermittelt. Sie erklärte der Familie auch, welche finanziellen Hilfen ihr zustehen und manövrierte sie durch alle bürokratischen Klippen. „Das war hervorragend für uns“, sagt der 53-Jährige.

Sarahs Tod war ein schwerer Schicksalsschlag für Familie S.. „Man muss aber damit weiterleben“, so ihr Bruder. Die Erinnerung an die Schwester und Tochter wird immer da sein. Seit dem Verbrechen brennen für sie ununterbrochen drei Kerzen am Haus der Familie.