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Meine Stadt Tod im Klinikum Wahrendorff: Mutter fordert endlich Aufklärung
Hannover Meine Stadt Tod im Klinikum Wahrendorff: Mutter fordert endlich Aufklärung
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00:19 01.05.2019
Will endlich Antworten: Andrea H. möchte, dass die Umstände vom Tod ihres Sohnes Marcel aufgeklärt werden.
Will endlich Antworten: Andrea H. möchte, dass die Umstände vom Tod ihres Sohnes Marcel aufgeklärt werden. Quelle: Behrens
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Hannover

Andrea H. ist verzweifelt. Vor mehr als drei Jahren, am 23. Januar 2016, starb ihr Sohn Marcel – im Alter von gerade einmal 22 Jahren. Marcel war Patient des Klinikum Wahrendorff in Köthenwald (Sehnde). Der Tod seines Stiefvaters hatte ihn aus der Bahn geworfen, durch einen kurzen Aufenthalt in der psychiatrischen Einrichtung sollte er eigentlich wieder auf die Beine kommen. Doch er sollte sie nie wieder lebend verlassen.

Der Tod von Marcel hat Fragen aufgeworfen: Wie konnte ein ansonsten gesunder, junger Mensch einfach sterben? Hatten sich Klinikleitung, Oberärzte oder Pfleger schuldig gemacht? Andrea H. ist sich dessen sicher, seit drei Jahren versucht sie gemeinsam mit ihrem Anwalt Thorsten Osterkamp eine Anklage gegen das Klinikum zu erwirken – bislang vergeblich. Die zuständige Staatsanwaltschaft Hildesheim führt immer noch die Ermittlungen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt schon seit mehr als drei Jahren

Andrea H. und Anwalt Osterkamp dauert das zu lange: „Die Staatsanwaltschaft arbeitet viel zu langsam“, sagt Osterkamp. Zwei durch die Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebene Gutachten wiesen laut Osterkamp nach, „dass Marcel an einer Vergiftung gestorben ist.“

„Er ist unter großen Qualen gestorben“

Zu der Zeit habe er das angstlösende Medikament Tavor, ein Benzodiazepin, bekommen. Das habe er nicht vertragen und womöglich zu lange verordnet bekommen – mit drastischen Folgen: „Er ist unter großen Qualen gestorben, hat um Hilfe gebeten und keine bekommen. Brutal gesagt, haben sie ihn verrecken lassen“, formuliert Osterkamp die Vorwürfe an die Klinik. Das Klinikum will sich zu den Anschuldigungen mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen sowie die ärztliche Schweigepflicht nicht äußern. Osterkamp verstehe nicht, warum die Staatsanwaltschaft nicht auf die aus seiner Sicht eindeutigen Gutachten reagiere: „Ich sehe es als bewiesen an, dass die Überdosis zum Tod geführt hat.“

Die Staatsanwaltschaft sieht hingegen keine Verschleppung. Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, „weil der eingeschaltete Sachverständige mitgeteilt hatte, dass er zur abschließenden Beurteilung weitere Unterlagen benötigt, die ihm noch zur weiteren Auswertung zur Verfügung gestellt werden mussten“, erklärt Pressesprecherin Christina Pannek gegenüber der NP.

Mutter und Anwalt wollen zukünftige Todesfälle vermeiden

Dass das Verfahren sich so hinzieht, belastet Andrea H. Nach drei Jahren Warten möchte sie, dass der überraschende Tod ihres Sohnes endlich geklärt wird: „Man muss auch verhindern, dass so etwas wieder passiert“, sagt die 50-Jährige. Denn Anwalt Osterkamp meint auch: „Das war kein Einzelfall, sowas passierte öfter.“ So starb 2013 ein 76-jähriger Patient im Klinikum, nachdem seine behandelnden Ärzte ihm offenbar eine Medikamenten-Überdosis verabreicht hatten. Damals räumte die Klinik Fehler ein, gelobte ein engmaschigeres Sicherheitssystem einzuführen.

Noch geht Andrea H. nicht die Kraft aus – sie hofft weiterhin auf ein Strafverfahren gegen das Klinikum. Doch angesichts der Zeit, die bislang bereits verstrichen ist, setzen sie und ihr Anwalt sich auch mit Alternativen auseinander: „Grundsätzlich ist für uns auch eine außergerichtliche Einigung möglich.“ Hieße: Die Klinik müsste sich zwar nicht juristisch schuldig erklären, doch wäre ein Einlenken symbolisch wichtig für H. Mit dem Geld will sie eine Stiftung gründen, die Angehörige von psychisch Erkrankten unterstützt. „Damit nicht noch mal eine Mutter sowas erleben muss“, sagt die 50-Jährige.

Von Janik Marx