Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Therapie aussichtslos
Hannover Meine Stadt Therapie aussichtslos
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:22 26.04.2018
Hannove, , Landgericht
Hannove, , Landgericht Quelle: Frank Wilde
Anzeige
hannover

Der Fall ist klar, aber was mit Ibrahim M. (26) geschehen soll, bleibt ein Rätsel. Er hat gestanden im Drogenrausch, auf zwei junge Männer eingestochen zu haben. Tatort: Ein Café im Sahlkamp, in der Nacht vom 11. auf den 12. November 2017. Das Motiv für den versuchten Mord bleibt nebulös. Es ging um einen längst beigelegten Streit in der Freundesclique. „Wir sehen die Tat in der Persönlichkeit des Angeklagten begründet“, erklärte am Montag Richter Wolfgang Rosenbusch.

Ibrahim M. ist alkohol-, kokain- und cannabisabhängig. Er weist 13 Vorstrafen auf, darunter einige wegen Raubes. Was Gutachter Christian Riedemann über Ibrahim M. sagt, klingt fürchterlich: „Er ist ein primär gescheiterter Narzisst. Er war nie in seinem Leben glücklich.“ Aus diesem Grund verspreche eine Psychotherapie und Entgiftung im Maßregelvollzug keine Erfolgsaussichten. Es gebe in der Therapie für den Angeklagten keinerlei positiven Erlebnisse, bei denen man ansetzen könnte. Folgt die Schwurgerichtskammer dieser Einschätzung, dann verschwindet Ibrahim M. ein paar Jahre hinter Gittern. Es wäre dann nur eine Frage der Zeit, wann das nächste Gewaltverbrechen folgen würde. Deshalb fragt Richter Rosenbusch: „Es fällt mir schwer zu glauben, dass es keinen ersten Versuch gibt.“

Doch der Psychiater bleibt bei seiner Einschätzung. Der Angeklagte leide unter einer dissozialen Persönlichkeitsstörung. Er habe wenig Einfühlungsvermögen (Empathie), werde schnell aggressiv und macht andere Menschen für seine Misere verantwortlich. „Er sieht sich als Opfer der Umstände; hat keine Einsicht in sein Fehlverhalten.“ Und dann noch die Mehrfachabhängigkeit (Politoxikomanie) von Drogen.

Anwalt Christoph Rautenstengel verweist auf die Rechtslage. „Laut Bundesgerichtshof müsse man auch bei therapieunwilligen Angeklagten die Therapiefähigkeit wecken.“ Und Ibrahim M. wolle sich behandeln lassen. Riedemann zeichnet ein ernüchterndes Bild: Etwa 60 Prozent der Patienten im Maßregelvollzug hätten keinen Therapieerfolg. Und diese Angeklagten hatten gute Erfolgsaussichten.

Von thomas nagel