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Meine Stadt Suizid wegen Zahnschmerzen?
Hannover Meine Stadt Suizid wegen Zahnschmerzen?
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00:25 27.05.2018
Hannove, , Landgericht Quelle: Frank Wilde
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HANNOVER

War die Behandlung des erfahrenen Zahnarztes ursächlich für den Selbstmord von Martha Müller (63, Name geändert)? Mit dieser Frage beschäftigen sich jetzt die Richter der 19. Zivilkammer des Landgerichts.

Martha Müller aus Misburg nahm sich am 7. Juni 2014 das Leben. Sie schluckte Antidepressiva im Badezimmer. Die Tote hinterließ Zettel, darauf stand zum Beispiel: „Vom Zahnarzt zu Tode gequält. Ich kann nicht mehr.“ Das war im Mai 2014.

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Der Zahnarzt und Implantologe bestreitet die Schmerzen nicht. „Doch sie waren nicht objektivierbar“, sagte er am Donnerstag im Landgericht. Er habe sogar auf eigene Kosten eine herausnehmbare Prothese angefertigt. Doch als sie fertig war, war Martha Müller schon tot.

Die Frau war eine Angstpatientin. Als sie zum Zahnarzt ging, war von einem halben Jahr Behandlungszeit die Rede. Im Mai 2013 wurden ihr elf Zähne im Oberkiefer und ein Zahn im Unterkiefer gezogen. Das Gebiss war kariös. Die Frau bekam Implantate und eine festsitzende Prothese.

Doch auch ein Jahr nach Beginn der Behandlung litt sie noch unter Schmerzen. Seine Frau habe gejammert, so groß seien ihre Qualen gewesen, sagt ihr Mann. „Am Ende war sie nur noch Haut und Knochen“, schluchzte ihre Tochter im Gerichtssaal. Martha Müller konnte keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen. Die Angehörigen fordern jetzt ein posthumes Schmerzensgeld von dem Arzt.

Der Mediziner fordert wiederum noch ausstehende Behandlungskosten. Die Richter haben diese Summe auf 5100 Euro festgelegt. Der Versuch eines Vergleichs scheiterte am Donnerstag. Die Angehörigen wollten, dass die gegenseitigen Forderungen gegeneinander aufgehoben werden. Diesen Weg wollte der Zahnarzt nicht mitgehen. „Wir akzeptieren den Vergleich, wenn mein Mandant noch 2000 Euro aus den Rechnungen erhält“, sagt der Arzt-Anwalt Michael Fürst.

Das Gericht überlegt nun ein psychiatrisches Gutachten einzuholen. Frage: Inwieweit waren die Schmerzen ursächlich für den Suizid? Für Anwalt Fürst ist das absurd: „Die Frau war schon vor der zahnärztlichen Behandlung in psychologischer Behandlung.“ Außerdem liege kein Behandlungsfehler vor. Die Frau habe auch über Schmerzen geklagt, als die Prothese draußen war.

Ein zahnmedizinischer Gutachter kam zu dem Urteil, dass eine herausnehmbare Prothese von Anfang an die richtige Behandlung gewesen wäre. An der auf Kosten des Arztes gefertigten Prothese konnte er keine Mängel feststellen.

Sollte es ein weiteres Gutachten geben, werden die Prozesskosten den Streitwert bei weitem übersteigen.

Von thomas nagel