Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Zu viele Hilfestellen für Obdachlose am Raschplatz?
Hannover Meine Stadt Zu viele Hilfestellen für Obdachlose am Raschplatz?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:30 17.09.2019
Lange Schlangen: Der Kontaktladen Mecki am Raschplatz ist eine Anlaufstelle für Obdachlose und andere Menschen in sozialen Notlagen. Quelle: Heusel
Hannover

Gibt es im Bereich des Raschplatzes zu viele Angebote für Suchtkranke und Obdachlose auf engem Raum? Es war eine der zentralen Fragen, über die der Bezirksrat Mitte in einer Sondersitzung am Montag in der VHS diskutiert hat. Sie hatte die Situation von Obdachlosen in Hannover zum Thema. Die CDU hatte die Experten-Anhörung vorgeschlagen. CDU-Mann Joachim Albrecht ist sich sicher: „Die Konzentration am Raschplatz bringt nicht nur Vorteile mit sich“.

Den Trinkraum Kompass gibt es dort, den Kontaktladen Mecki. Im Stellwerk sind die Drogenhilfen Fixpunkt und das Café Connection unter einem Dach vereint worden. Dass das Probleme mit sich bringt, sehen auch Experten so. „Es gibt auf engstem Raum extrem viele Angebote. Das sollte man mehr entzerren. Teilweise sieht es dort schon aus wie in der Bronx“, kritisierte Jan Ulrichs vom Verein Selbsthilfe für Wohnungslose. Es gebe „zu wenig Unterstützung in den Außenbezirken“.

Große Nachfrage: Im Trinkraum Kompass am Raschplatz darf Alkohol legal unter sozialer Betreuung konsumiert werden. Quelle: Franson

„Dass die Hilfen so zentralisiert sind, hat auch eine Kehrseite“, erklärte Harald Bremer, Leiter des Karl-Lämmermann-Hauses, das Wohnungslose betreut und außerdem an mehreren Brennpunkt-Plätzen in Hannover mit Sozialarbeitern im Einsatz war. Auch er schlägt vor, Angebote „mehr zu dezentralisieren“. Aus Sicht von Martin Prenzler, Geschäftsführer der Citygemeinschaft, hat sich die Lage am Raschplatz verschärft, seitdem Fixpunkt und Café Connection ins Stellwerk gezogen sind. „Das hat die Anzahl der Menschen dort erhöht“, berichtete er. Prenzler glaubt aber auch nicht, dass sich daran viel ändern wird. Dass die Szene dort weggehe, „werden wir nicht erleben“.

Hauptbahnhof: Alkohol und Drogen 24 Stunden verfügbar

Laut Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes liegt das an der zentralen Lage und den Angeboten. Alkohol sei am Hauptbahnhof „24 Stunden am Tag verfügbar“, die Ersatzbeschaffung von Stoffen einfach. Er ist davon überzeugt, dass die Hilfeeinrichtungen dort genau richtig angesiedelt sind. „Wir müssen dahin gehen, wo die Menschen sind“, forderte er. Auch Andreas Schubert vom Caritas-Verband setzt sich dafür ein, „dass wir die Strukturen bei den Menschen ansiedeln“.

Besonders schwer sind allerdings die zahlreichen Obdachlosen und Suchtkranken aus Osteuropa zu erreichen. Dass sich ihre Zahl in den vergangenen Jahren deutlich erhöht hat, darüber herrscht große Einigkeit unter den Experten. Das Problem: Sie halten sich als EU-Bürger ganz legal in Deutschland auf. Anspruch auf Sozialhilfe haben sie jedoch keine. „Wir können zwar eine Suchtberatung machen, aber dann keine Therapie anbieten, weil es keine Krankenkasse übernimmt“, berichtete Marion Feuerhahn vom Fachbereich Soziales der Stadt.

Steigende Gewaltbereitschaft in der Obdachlosenszene 

„Wolfgang können wir helfen, Vladimir nicht“, bestätigte auch Diakoniepastor Müller-Brandes. Auch die Bereitschaft zur Rückkehr in die Heimatländer sei gering. „Vielleicht aus Scham, weil sie es hier nicht geschafft haben“. Und Müller-Brandes ist überzeugt: „Es werden mehr werden“.

„Wir brauchen Dolmetscher, Übersetzer und Brückenbauer“, forderte Christine Tursi von der Heilsarmee. Sie hat eine „steigende Gewaltbereitschaft“ ausgemacht. Auch würde die obdachlose Szene immer jünger, ihre Zeit auf der Straße länger.

Schwer haben es dort vor allem Frauen. Katharina Pätzold vom Projekt La Strada, das drogenabhängige Prostituierte betreut, berichtete, dass viele Frauen „versuchen nachts wach zu bleiben“, um nicht Opfer von Übergriffen und Vergewaltigungen zu werden. Dazu stimulierten sie sich mit Substanzen. Manche schliefen „fünf oder sechs Nächte nicht“. Laut Dorothee Türnau von der Prostituierten-Beratungsstelle Phoenix wird die „Not der Frauen ausgenutzt“. Wohnungen mit Ungeziefer und Mäusen würden zu „völlig überhöhten Konditionen“ vermietet. Sogar für fingierte Meldeadressen würden 200 bis 300 Euro verlangt.

Gewalt in städtischen Unterkünften?

Ihre Situation schilderten im Bezirksrat auch zwei obdachlose Frauen. „Es ist grausam, was uns widerfährt“, sagte Erika Heine, die mit der Stadt um einen Standort für ihr „Little Home“ streitet, einer Mini-Unterkunft für Obdachlose. In Notunterkünften sei sie „in einem Zimmer mit Drogenabhängigen und einer Schizophrenen“ untergebracht worden. Sie sei „physischer und psychischer Gewalt“ ausgesetzt gewesen. Eine andere Frau berichtete von „Menschenrechtsverletzungen in den städtischen Unterkünften“ – bis hin zu Körperverletzung. In der Unterkunft am Alten Flughafen sei sie „drangsaliert worden ohne Ende“.

Immerhin: Die Stadt will die Situation in den Obdachlosen-Unterkünften verbessern. Der Rat hat sie bereits aufgefordert, die Standards dort denen in den Flüchtlingsheimen anzunähern. Auch in den Notunterkünften soll sich die Lage verbessern. Ralf Lüdtke, der in der Bauverwaltung für die Unterbringung zuständig ist, kündigte an, dass es dort bald abschließbare Schränke geben soll. Im Winter soll die Öffnungszeit am Morgen bis neun Uhr verlängert werden, außerdem sollen wieder Busse eingesetzt werden, um Obdachlose vom Hauptbahnhof zur Notunterkunft Alter Flughafen zu bringen.

Die Forderung, diese gerade im Winter auch tagsüber zu öffnen, ist aus Sicht von Lüdtke aber nicht zu erfüllen. Die Unterkunft sei dafür „nicht geeignet“. Ohnehin sei das Ziel, mehr Menschen in die regulären Unterkünfte zu bringen. Wie viele Menschen in Hannover ohne Wohnung sind, dazu gibt es keine genauen Angaben. Diakoniepastor Müller-Brandes schätzt ihre Zahl auf 3000 bis 4000. Davon lebten 300 bis 500 wirklich ohne Obdach auf der Straße. In den städtischen Unterkünften sind zurzeit gut 1200 Obdachlose untergebracht. Andere kommen bei Freunden und Bekannten unter.

Lesen Sie mehr:

 

Von Christian Bohnenkamp

Am Montagabend ist ein 14-Jähriger auf dem Ricklinger Stadtweg von einer jugendlichen Trio überfallen worden. Die etwa 16-Jährigen raubten ihm Kopfhörer, Handy und Geld. Die Polizei sucht jetzt Zeugen, insbesondere eine Frau, die Zeugin des Vorfalls geworden ist.

17.09.2019

Die Region will die Leineaue südlich von Hannover unter strengen Naturschutz stellen. Ein Gebiet, das intensiv von Wassersportlern und Anglern genutzt wird. Die Stadt Hannover will Sportverbote verhindern.

17.09.2019

Über Leitern in das Gleisbett und von dort aus in den Ersatzzug: Wegen eines technischen Defekts mussten am Montagabend rund 250 Fahrgäste in der Nähe des Bahnhofs Hannover-Leinhausen einen ICE verlassen. Auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) war am Montag von einer ICE-Panne betroffen.

17.09.2019