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Meine Stadt Vom Obdachlosen zum Herausgeber
Hannover Meine Stadt Vom Obdachlosen zum Herausgeber
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06:00 18.06.2019
Pionier der Straßenzeitungs-Szene: Timothy Harris ist Gründer und Herausgeber der „Real Change“ mit einer Wochenauflage von 13.000 Stück. Quelle: Foto: Christian Behrens
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Hannover

Er ist einer der Pioniere in der internationalen Szene. 1992 brachte Timothy Harris in Boston seine erste Straßenzeitung heraus. Seit 1994 ist er in Seattle Chef der erfolgreichen „Real Change“, die mittlerweile wöchentlich mit einer Auflage von 13.000 Stück erscheint. Seine Erfolgsformel für eine gute Straßenzeitung klingt simpler, als sie ist: „Professioneller Journalismus mit Themen, die Menschen interessieren.“

Solidarität mit Obdachlosen schaffen, ihnen ein Sprachrohr geben, Perspektiven für eine Rückkehr in die Gesellschaft aufzeigen – Harris weiß, wovon er redet, wenn er über seine tägliche Arbeit spricht. Mit 17 flog er von der Highschool und lebte einige Monate selbst auf der Straße. Über das Militär holte er sein Studium nach und arbeite schließlich in verschiedenen Obdachlosen-Projekten. Inspiriert von der weltweit ersten Straßenzeitung „Streetnews“ in New York packte ihn 1992 der Wunsch, ein eigenes Blatt auf die Beine zu stellen. Bei der „Spare Change“ arbeitet er ausschließlich mit Obdachlosen, auch in der Redaktion. „Das war einerseits eine gute Sache, aber wirklich professionelle Strukturen aufzubauen, war unter diesen Umständen kaum möglich“, blickt Harris zurück. „Ich wollte noch mehr Menschen erreichen, ein Sprachrohr für sozial-politische Themen schaffen.“

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16 Angestellte und 1,6 Millionen Jahresbudget

Die Chance dazu bot sich im 3000 Meilen entfernten Seattle. Dort gründete Harris die Real Change. Von einer Ein-Mann-Show hat sich das Blatt mittlerweile zu einer professionellen Redaktion mit 16 Angestellten und 1,6 Millionen Euro Jahresbudget gemausert. 300 Obdachlose verteilen die Zeitung. Die meisten erhalten vom Staat keine Sozialleistungen. „Bei uns haben sie die Möglichkeit, eigenes Geld zu verdienen und sich so letztlich auch wieder als Teil der Gesellschaft zu fühlen“, sagt der Herausgeber. Die Zahl der Obdachlosen in Seattle schätzt er auf 9000 Menschen, Tendenz steigend. „Nach San Francisco sind wir aktuell die Stadt mit der zweithöchsten Zuwanderung in den USA. Das hat zur Folge, dass Mieten immer teurer werden.“

„Der Kontakt zu den Menschen ist wichtig“

Den Traum von einem neuen Zuhause können sich die Verteiler allein davon sicher nicht erfüllen. Aber Harris holt sie in die Gesellschaft zurück: „Der Kontakt zu den Menschen ist wichtig. Mit den Käufern tauschen sie sich über Themen und Inhalte in der Zeitung aus. Das macht sie selbst zu einem Teil der politischen Diskussion, die wir über unsere Storys führen.“ Und auf gute Storys kommt es letztlich an. „Viele Menschen kaufen die Zeitung auch, um etwas Gutes zu tun. Um dauerhaft Erfolg zu haben, muss man aber Journalismus mit Qualität liefern“, so der US-Amerikaner. So ging es in einer der jüngsten Ausgabe um das heikle Thema Sterbehilfe. In einer dreiseitigen Reportage begleiten Harris und sein Team einen unheilbar kranken Mann auf dem Weg in den Freitod.

25 Jahre Asphalt

1994 erstmals in Hannover erschienen, wird die „Asphalt“ mittlerweile in 15 weiteren Städten Niedersachsens von Bedürftigen auf der Straße verkauft. Sie erscheint monatlich.

1996 wurde das Blatt durch den Freundeskreis Hannover mit dem Stadtkulturpreis geehrt. Vom International Network of Street Papers (INSP) erhielt es 2008 eine Auszeichnung für das weltweit beste Interview sowie das beste Foto. 2011 wurde „Asphalt“ außerdem für das beste Foto mit dem International Street Paper Award ausgezeichnet. Der Preis würdigt besondere journalistische Leistungen von Straßenzeitungen.

Bei Asphalt arbeiten regelmäßig elf fest angestellte Mitarbeiter. Die Texte werden von professionellen Journalisten (Redakteure und freie Mitarbeiter) erstellt.

In Hannover gibt es etwa 80 Straßenverkäufer, die das Magazin in nahezu allen Stadtteilen anbieten. Sie kaufen das Magazin im Asphalt-Vertrieb für 1,10 Euro und verkaufen es dann für 2,20 Euro an die Passanten.

Als alter Hase im Geschäft war Harris schon auf etlichen Kongressen des International Network of Streetpapers (INSP). In Deutschland war er allerdings noch nie. „Mein erster Eindruck von Hannover ist sehr positiv“, so der 58-Jährige, der in diesem Rahmen auch die Redaktion der Asphalt in Hannover besucht: „Ich bin gespannt, wie die Kollegen hier arbeiten.“ Am Ende geht es darum, sich auszutauschen und von den Ideen anderer inspirieren zu lassen.“

Von André Pichiri