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Meine Stadt Stadtgespräch: Wie aufregend ist Hannover, Herr Siegner?
Hannover Meine Stadt Stadtgespräch: Wie aufregend ist Hannover, Herr Siegner?
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00:17 30.06.2018
Kinderbuchautor Ingo Siegner Quelle: Behrens
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Ingo Siegner ist einer dieser Wohlfühlmenschen. Wo sie sind, kann man gar nicht anders: Man fühlt sich wohl. Beim Stadtgespräch im Wilhelm-Busch-Museum ist das so. Von einer Lesereise durch Süddeutschland sei er zwei Tage zuvor zurückgekehrt, schön sei’s gewesen in Baden Württemberg, nur heiß, erzählt er. Und schwärmt gleich weiter vom Tag darauf, als er mit seiner Frau Eicklingen besucht habe, die Gemeinde im Landkreis Celle, die zum Gemeindeverband Flotwedel gehört. Siegners Frau Yasemin Kekec ist freischaffende Künstlerin, sie hat an dem Tag bei der FlotArt ausgestellt, der Kunst- und Designausstellung. In der Scheune Görlitz waren ihre Radierungen zu sehen. Wunderschön sei’s da gewesen, freut sich Siegner und lächelt. Überhaupt lächelt er viel. Manchmal legt er den Kopf schief, dann denkt er nach. Und immer mal verliert er den Faden, zum Beispiel wenn er merkt, dass jemand kein Wasser mehr im Glas hat, dann schenkt er nach („still oder spritzig?“) und fragt, wo er stehengeblieben sei im Gespräch.

Sind Sie eigentlich als Kind schon ins Wilhelm-Busch-Museum gekommen?
Ich bin in Großburgwedel aufgewachsen, und wir haben immer mal Ausflüge in die Stadt gemacht. „Wir fahren rein“, hat mein Vater das genannt. Aber das Busch-Museum? Nein, so frühe Erinnerungen habe ich nicht daran. Dafür habe ich viele schöne aus meiner Zeit im Zivildienst.

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Welche denn?
1984 bis ’86 war das, da habe ich in Hainholz und Herrenhausen alten Leuten geholfen. Zwei Paar Wiener und drei Scheiben Mortadella für Frau Sowieso einkaufen, spazieren gehen. Oder Herrn X-Ypsilon ins Bett bringen und vorher mit ihm „Dalli Dalli“ mit Hans Rosenthal gucken. Das war so der Lebensabschnitt: Die Schule ist fertig, da sind keine Hausaufgaben mehr, ich mach’ jetzt mal Pause von allem. Das war eine gute Zeit. Im Rückblick finde ich es auch wichtig, dass junge Leute das im Zivildienst erlebt haben, dass sie mit alten Menschen in Berührung kamen. Viele erleben das ja sonst nie mit, all die Schwierigkeiten, die das Alter mit sich bringen kann, meine ich, die Bewegungseinschränkungen, die Einsamkeit. Na ja, und zu der Zeit habe ich in Herrenhausen gewohnt. In einer Zivi-WG. Bis zu acht waren wir.

Zu acht? Wie groß war denn die Wohnung?
Groß. Wir hatten ein Dachgeschoss, in das Zimmer eingebaut waren. Die Wohnung hatte acht Zimmer. Wobei – stimmt das? Im Rückblick wird ja alles größer. Ich glaube, es waren sechs Zimmer. Und eine Küche und ein Bad. Aber es konnte keiner von uns kochen. Wobei, einer kam mal zu Besuch, der konnte Pizzateig herstellen, richtig mit Hefe. Das wollte ich von ihm lernen.

Hat’s geklappt?
Wir haben den Teig zubereitet und ihn auf die Heizung gestellt, damit er aufgeht. Irgendwann sind wir gucken gegangen, da war der Teig runtergefallen. Das war so ein pekiger Filzfußboden.

Und?
Wir haben den Teig aufgekratzt und zurück in die Schüssel geschoben.

Ih!
Hat keiner gemerkt. Na ja. (Er grinst und zuckt mit den Schultern.) Das war die Zeit, zu der ich noch viel gelaufen bin, ich war Langstreckler. Marathon bin ich nie gelaufen, aber die 5000 Meter ganz ordentlich, glaube ich.

Wie schnell waren Sie denn?
Ich habe knapp 16 Minuten gebraucht, ungefähr. Ich habe von Olympia geträumt, wenn ich ums Busch-Museum herumgelaufen bin, das war meine Trainingsstrecke.

Und weil es mit Olympia nicht geklappt hat, sind Sie eben Kinderbuchautor geworden.
Nee. Aber deshalb bin ich zur Sparkasse gegangen.

Da komme ich nicht mit.
In meiner Laufgruppe war jemand, der arbeitete für die Kreissparkasse, da war sie noch nicht mit der Stadtsparkasse zur Sparkasse Hannover fusioniert. Ich überlegte zu der Zeit: Was wirst du mal? Er meinte, ich könnte mich ja bei ihnen bewerben. Also habe ich eine Ausbildung gemacht zum Sparkassenkaufmann. Für zwei Jahre war das in Ordnung.

Aber nicht für länger.
Nee. Am Ende der zwei Jahre deutete sich schon an, dass es für mich eher in die kreative Richtung gehen würde. Ich habe zum Abschluss der Ausbildung eine Azubi-Zeitung herausgebracht, in der ich viel geschrieben und gemalt habe. Das hat mir Spaß gemacht.

Also haben Sie es dann zu Ihrem Beruf gemacht.
Immer noch nicht. Erstmal war ich ein Jahr als Au-Pair in Frankreich. Ich hatte zu Schulzeiten einen Freund, der aus Frankreich kam, der hat mir Nachhilfe gegeben; ich war ein mittelmäßiger Schüler. Mit diesem Freund habe ich mich gut verstanden, wir sind zusammen nach Frankreich in den Urlaub gefahren. Und ich wollte immer so gut Französisch sprechen lernen wie er. Also habe ich mich als Au-Pair beworben und bin zu einer Familie nach Paris gekommen. Die hatten zwei tolle Jungs, einen zwei- und einen vierjährigen. Das war perfekt für mich, ich konnte die Sprache noch nicht, der Vierjährige hat sie mir beigebracht. Am Ende des Jahres sprach ich fließend Französisch.

Hatten Sie denn zwischendurch kochen gelernt?
Nee. Wie hab’ ich das denn gemacht? Ich musste für die Kinder manchmal kochen. Ich glaube, da gab’s Nudeln. Die kriegte ich inzwischen hin. Das war später praktisch, als ich zurück nach Hannover kam und Französisch und Geschichte studierte. Da wohnte ich in einer Vierer-WG an der Ferdinand-Wallbrecht-Straße in der List, da konnte ich kochen! Erstmal nur Nudeln, irgendwann mit Bolognese-Sauce. Und richtig super war’s, nachdem ich ein Austauschsemester im Elsass verbracht hatte in einem Dorf südlich von Mühlhausen oder Mulhouse. Da wohnte ich bei einer Bäuerin, die eine unglaubliche Apfeltarte backte. Die beste, die ich je gegessen hatte. Das Rezept hat sie mir beigebracht. Und dann habe ich in der WG dauernd Bolognese-Nudeln gekocht mit Apfeltarte zum Nachtisch.

Lecker.
Eine Weile lang. Irgendwann haben meine Mitbewohner abgewunken, wenn ich kochen wollte. Manche können bis heute keine Apfeltarte sehen. Oder Bolognese-Nudeln. (Er lächelt.) Das war eine tolle Zeit an der Ferdi-Walli. Da haben wir viel gefeiert. Oft bis die Polizei kam. Die waren aber immer nett. Es sei denn, sie kamen zum dritten Mal an einem Abend, da waren sie genervt. In der Zeit habe ich Hannover lieben gelernt. Dabei hatte ich immer gedacht, ich würde irgendwann aufs Land zurückkehren, ich war ja in Großburgwedel aufgewachsen. Und ich habe das geliebt als Kind, ich war viel im Wald, bin mit meinen Freunden überallhin mit dem Rad gefahren. Aber durch Hannover hat sich das geändert, in Hannover bin ich zum Stadtkind geworden. Speziell nach meiner Zeit in Paris.

Wieso da?
In Paris ist alles sehr eng, die Bebauung dicht. Als ich zurückkehrte, ist mir aufgefallen, wie weit alles ist in Hannover. Wie viel Luft hier ist, wie grün es ist. Wie lebenswert Hannover ist.

Lebenswert also. Wie aufregend ist Hannover denn?
Hmm, aufregend. Ich weiß nicht, was heißt aufregend?

Sie erfinden die Drachengeschichten. Sagen Sie’s mir.
Ich glaube, das liegt immer am Betrachter. Als ich an der Ferdi-Walli wohnte, war das zum Beispiel eine aufregende Studentenzeit. Wir haben da natürlich nicht nur eigene Partys gefeiert, wir haben auch andere besucht. Wir sind zum Beispiel manchmal abends durch die Nordstadt, und wo Krach war, haben wir geklingelt, mitgetanzt, was mitgetrunken. Damals bin ich sogar noch in den Urlaub getrampt. War irgendwie auch aufregend. Macht heute aber keiner mehr. Oh, und dann in Linden, da hatte ich später eine Mietwohnung für mich allein. Fünf Jahre habe ich in Linden-Nord gewohnt. Da habe ich den Drachen Kokosnuss erfunden. Neulich bin ich da zufällig vorbeigekommen, bin stehen geblieben und habe mir die Wohnung im Erdgeschoss angeschaut. „Da hast du die Figur erfunden, die dich heute ernährt“, habe ich gedacht. Das ist aufregend. In der Wohnung habe ich auch die erste Büchersendung vom Verlag bekommen, als mein erstes Buch erschienen war.

Moment mal, eben haben Sie dauernd gesagt, da bin ich noch nicht Autor geworden. Jetzt sind Sie’s doch. Wie ist es denn nun dazu gekommen?
Mein Studium habe ich irgendwann auslaufen lassen.

Sie haben abgebrochen?
Nee, auslaufen lassen. Ich bekam kein Bafög mehr. Aber ich hatte angefangen, als Kinderanimateur für Vamos Reisen zu arbeiten.

Für den Eltern-Kind-Reiseanbieter aus dem Zoo-Viertel.
Angefangen hatte das in meiner Ferdi-Walli-Zeit. Da fragte mich abends in der Kneipe eine Bekannte, ob ich mir vorstellen könnte, Kinder auf Urlaubsreisen zu betreuen. Ich hab’s ausprobiert und gemerkt, dass ich mit Kindern gut kann. Im Rückblick wusste ich das sogar eher: Meine Mutter ist früh verstorben, mein Vater hat noch einmal geheiratet, darum habe ich zwei Halbgeschwister, die neun und elf Jahre jünger sind als ich. Mit den beiden habe ich viel gespielt, als ich zwischen zwölf und 16 war. Ich habe ihnen vorgelesen, habe manches zu den Geschichten dazu erfunden, wenn mir was zu langweilig war. Oder ich habe eigene Geschichten geschrieben, zu denen ich auch gezeichnet habe. Das war meine Ausbildung, wenn Sie so wollen. Und bei Vamos-Reisen, das war meine Gesellenzeit. Da haben wir Betreuer uns für die Kinder Geschichten um einen Zwerg ausgedacht, der uns heimlich Briefe schrieb. Die haben wir morgens in einem Zwergenbriefkasten gefunden und sie überm Frühstück vorgelesen. Und zum Urlaubsende haben sie uns zu einem geheimen Schatz geführt. Zu der Zeit habe ich angefangen, Bücher für Kinder aus dem Freundeskreis zu zeichnen und sie zu Geburtstagen zu verschenken. Eins dieser Bücher ist zufällig einem Verlagsagenten in die Hände gefallen. So kam ich zu meinem ersten Buchvertrag.

Und vor drei Jahren hatten Sie Ihre erste eigene Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum.
Ich habe mich gefreut, als die Anfrage kam. Und ich war auch etwas überrascht. Ich sehe mich nicht in erster Linie als Illustrator, ich schreibe Bücher für Kinder und male dazu. Ich habe mich nie als jemanden gesehen, der hier einmal ausstellen würde. Im Gegenteil, seit etwa Ende der 1990er komme ich her und schaue mir die Karikaturen und Illustrationen an, um davon zu lernen. Die Zeichnungen von FK Waechter zum Beispiel oder von Busch.

Wie lernen Sie daraus?
Ich zeig’s Ihnen.

Von der Bibliothek aus geht Ingo Siegner zwei Räume weiter in die Ausstellung des britischen Karikaturisten Gerald Scarfe, der bekannt ist unter anderem für das Cover des Pink-Floyd-Albums „The Wall“. „Big Heads von Richard Nixon bis Donald Trump“ heißt die Ausstellung, zu sehen sind bissige Zeichnungen von politischen Größen wie Nixon, Trump, Angela Merkel, Wladimir Putin oder Josef Stalin. Siegner zeigt auf Details in den Zeichnungen, die Pinselstriche, die Technik, er übelegt, ob er die Bilder einfach so verstünde oder nur im Kontext, beispielsweise das Doppelporträt zur Hochzeit des britischen Prinzen Harry mit der Schauspielerin Meghan Markle. „Das ist eine tolle Ausstellung“, schwärmt der 53-Jährige. Zeichnerisch, und weil er ein politisch interessierter Mensch sei. Ein Wohlfühlmensch.

Von Verena Koll und Felix Peschke (Produktionsgesellschaft Filmklar, Hannover)