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Meine Stadt Experte über Jugendproteste: „Friedliche und ökologische Rebellion“
Hannover Meine Stadt Experte über Jugendproteste: „Friedliche und ökologische Rebellion“
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21:26 05.06.2019
Tausende junge Menschen demonstrieren derzeit für ein besseres Klima. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Tausende Schüler demonstrieren derzeit einmal im Monat bei Fridays for Future auch in Hannover für eine bessere Klimapolitik. Nun ist der Protest auch in der Uni angekommen. Dort hat sich Gruppe „Students for Future“ gegründet.

Der Soziologe Andreas Zick analysiert im NP-Interview die neuen Protestkulturen. Werden sie unsere Gesellschaft verändern?

Klimaprotest, Fahrraddemos und Märsche gegen Massentierhaltung – hat sich in Deutschland eine neue Protestkultur entwickelt?

Tatsächlich häufen sich die Proteste, nachdem sich „Fridays for Future“ sehr erfolgreich entwickelt hat – weltweit. Es gab aber schon zahlreiche Proteste zuvor. Denken wir an die G20-Proteste in Hamburg 2017, die wir nur als Gewalt erinnern, aber übersehen, dass dort viele friedliche Protestgruppen waren. Es gab die Proteste im Hambacher Forst. Wir haben aber auch in Teilen hochaggressive Proteste und Gegenproteste im Umfeld des rechtspopulistischen und rechtsextremen Spektrums erlebt. Pegida ist nur ein Beispiel. Es gibt zudem seit einiger Zeit digitale Protestkulturen und zahlreiche Online-Petitionen. Im besten Falle führt das zu einer positiven Entwicklung. Protestkulturen sind normal für Demokratien und können Gesellschaften zum Wandel vorantreiben.

Eine Protestkultur mit ähnlichen Themen gab es auch in den 1980er-Jahren. Warum erst jetzt wieder?

Die Jugend war gewissermaßen still, weil die Anforderungen an Kinder und Heranwachsende ungeheuer angewachsen sind. Die Anforderungen an die Gestaltung der Karriere, die Aufgabe, eine frühe eigenständige Identität zu bilden, mit den neuen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation umzugehen und die Globalisierung zu meistern, waren und sind hoch. Die Bildung ist zugleich gestiegen und damit das Verständnis für die Herausforderungen, die jetzt zu meistern sind, um in Zukunft ein lebenswertes Leben zu führen. Dass eine junge Heranwachsende wie Greta sich dann vor die Schule setzt und mit einem ganz banalen Protest gegen den Stillstand ein Zeichen setzt, ist ein Symbol unserer Zeit – und dessen, was wir übersehen haben.

Ob nun 7000, wie die Polizei zählt, oder 12 000, wie die Veranstalter zählen – es waren Massen, die am Freitag in Hannover auf die Straße gingen. Motto: Europawahl ist Klimawahl.

Ziehen die Jungen die Älteren mit oder ist es umgekehrt?

Der Protest gegen den Stillstand der Klimapolitik zieht jetzt die Älteren mit, die vielleicht schon in den 1980er- Jahren protestiert, dann aber Kompromisse gemacht haben. Die Jungen rebellieren in Teilen so ähnlich wie Jugendkulturen zuvor, aber historisch hat sich auch unsere Gesellschaft verändert und mit ihr der Protest. Noch sehe ich viele Zeichen für einen Generationenkonflikt. Der zeigt sich deutlich in dem Streit um das „Rezo-Video" und die aktuellen medialen Diskussionen zwischen jüngeren Aktivisten und älteren etablierten Vertretern der Politik. Es wird für die Älteren nicht so einfach sein, da mitzulaufen und die Themen zu okkupieren. Die Stimmung ist derzeit auf eine friedliche und ökologische Rebellion gestellt.

Im Westen wird gegen den Klimawandel demonstriert, im Osten marschiert weiter die Pegida gegen Flüchtlinge. Von den Themen abgesehen: Inwieweit unterscheiden sich diese Protestkulturen etwa in Hannover und Dresden?

Die Protestkultur im Osten ist sehr von nationalen bis völkischen Ideologien, dem Ziel der Grenzschließung, Ressentiments gegen Fremden und einer Idee des Widerstandes gegen Eliten geprägt. Er hat erfolgreich die Missachtungserfahrungen im Osten, die Gefühle von Orientierungslosigkeit nach der Wende aufgreifen können. Es ist ein Rückwärtsprotest, der exklusiv ist und vor allem Ältere anzieht und junge Rechtsextreme. Die Klimaproteste sind jünger, sind offener und inklusiver, indem sie keine besondere Identität festlegen oder einfordern, sondern ein Ziel haben: die objektive Veränderung des Klimas. Beide Protestkulturen könnten aufeinandertreffen und das einen neuen Konflikt erzeugen. Aber das ist nicht zu erwarten.

Kann man auch beim Thema Protest von einer Spaltung Deutschlands sprechen?

Protestkulturen folgen Spaltungen und Polarisierungen sowie einem Misstrauen in die Fähigkeit von gesellschaftlichen Institutionen und Verantwortlichen, Ziele umzusetzen. Wir haben die Polarisierungen und Spaltungen bei den rechten Protesten im Vorfeld deutlich gesehen – wobei diese Proteste die Spaltung weiter vorantreiben und das auch möchten. In den jungen Klimaprotesten kommt eher ein Generationenkonflikt zum Ausdruck, der nicht hinreichend die sozialen Motive einer Jugendkultur, ihre Werte und Normen beachtet hat. Wir haben übersehen, welche und was für eine Generation junger Menschen heranwächst. Ihr Protest bietet viele Brücken an – man möchte Spaltungen eher überwinden, aber um den Preis konkreter Veränderungen. Insofern setzt er ein Ultimatum an gesellschaftlich Verantwortliche: Bremst den Klimawandel! Wenn wir das verschlafen, drohen erst Abspaltungen und Distanzierungen von Gruppen.

Lesen Sie hier: Drei Schülerinnen kämpfen in Hannover für das Klima

Proteste der Jungen finden nicht nur auf der Straße, sondern auch im Internet statt – gibt es eine Spaltung der Protestkultur in online und analog?

Das ist oft weniger der Fall als es zunächst erscheint. Wir nehmen nun eher wahr, was schon lange vorhanden war. Es gibt heute keine klassische Trennung in analoge und digitale Jugendkulturen. Junge Menschen werden mit Medien sozialisiert. Warum sind wir überrascht, wenn es digitale Protestkulturen gibt, die für junge Menschen zu ihrer Zugehörigkeit und Identität gehörten? Wir sehen aber auch, dass Protestbewegungen dann erfolgreich sind, wenn sie analoge und digitale Aktionen zusammenbringen. Deshalb sitzt eine Greta vor der Schule – die Aktion aber ist eingebettet in den digitalen Protest. Wo das gelingt, ist eine Protestkultur stabil.

Die Proteste der 1980er- Jahre gingen auf in relativ „unpolitische“ Zeiten. Wie werden die aktuellen Proteste enden? Werden sie die Gesellschaft verändern können?

Gesellschaften werden oft durch Minoritäten und ihre Proteste verändert. Wir unterschätzen deren Kraft. Aber es kommt nun darauf an, wie wirkmächtig die ökonomische Globalisierung ist, die den Klimawandel nicht aufhalten möchte. Die Klimaproteste haben mächtige internationale Gegner. Es ist keine Protestkultur, die sich national beschränken kann. Es wird auch darauf ankommen, wie flexibel in der Sache, aber konsequent sich der Protest entwickelt.

Wann wird er erfolgreich sein?

Wenn er neue Zugehörigkeiten und Identitäten, ein neues Verständnis der Welt, Selbstwert und Vertrauen bieten kann, dann entsteht aus dem Protest eine Bewegung. Das kann der Klimaprotest. Denn er fiel nicht vom Himmel. Veränderungen beobachten wir schon jetzt. Schauen Sie auf die Wahlerfolge der Grünen oder die Einrichtung eines Klimakabinetts. Ich könnte mir vorstellen, dass der Protest eine Veränderung der politischen Kräfteverhältnisse erzeugt, die auch zu einem Generationenwechsel führt. Wir werden in der Politik mehr jüngere Menschen sehen. Alte Verhältnisse wollen die Jungen nicht. Es kommen spannende Zeiten auf uns zu, wenn wir den Protest nicht allergisch zurückweisen oder versuchen, ihn wegzureden.

Von Petra Rückerl

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