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So hat die Region Hannover 2017 gewählt

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21:38 28.08.2021
Quelle: Christian Behrens
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Hannover

SPD-Hochburg geschleift, auch CDU verliert Bindekraft

Sie arbeiteten die ganze Wahlnacht durch. Kurz vor sechs Uhr waren die Texte druckreif. Ein Team der Statistikstellen von Stadt Hannover, Region Hannover und dem Sozialforschungszentrum Agis hat den Ausgang der Bundestagswahl analysiert – und damit deutschlandweit Einzigartiges für eine Großstadt und ihr Um­land geleistet.

Von der alten SPD-Hochburg  sei nur noch ein Vorsprung von 0,7 Prozentpunkten übrig ge­blieben, beobachtete Martin Buitkamp für die Stadt Hannover. Die SPD landete bei 26,5 Prozent Zweitstimmen, 8,6 Prozentpunkte weniger als 2013. Die CDU büßte 5,8 Prozentpunkte ein und erhielt 25,8 Prozent. Die Grünen sind mit 13,6 Prozent drittstärkste Kraft, gefolgt von der Linken (10,1 Prozent), der FDP (10,1 Prozent) und der AfD (8,3 Prozent, ausführliche Be­wertung auf der nächsten Seite).

 Die SPD gewann zwar beide Wahlkreise direkt (den 41er mit Kerstin Tack, den 42er mit Yasmin Fahimi) – aber das lag auch daran, dass sich Wähler von Grünen und Linken mit der Erststimme für die SPD-Kandidatinnen entschieden hatten.
Viele CDU-Wähler machten das Kreuz bei der Zweitstimme taktisch – und gaben sie der FDP. Die Hochburgen beider Parteien liegen in Isernhagen-Süd, Kirchrode und der Bult.  Dort verlor die CDU allerdings auch überdurchschnittlich viel – zu Gunsten der FDP. Mit 23,7 Prozent Zustimmung verzeichnete die in Isernhagen-Süd ihr bestes Ergebnis.

Die Grünen als drittstärkste Kraft punkteten in Linden-Mitte (dort mit Rekordwert von 25,4 Prozent) und der Nordstadt – allesamt Stadtteile, in denen auch die Linken ihre Klientel haben. Deren Rekord brachte Linden-Nord mit 26,7 Prozent. Die SPD landete dort auf Platz 3.

Die Wahlbeteiligung in der Stadt Hannover lag am höchsten im Zoo-Viertel (86,1 Prozent) und am niedrigsten in Vahrenheide mit 56,9 Prozent. Den stärksten Zuwachs gab es mit 7,8 Prozent in Wülfel.

Das Analyse-Team hat sozialstrukturelle Schwerpunkte be­sonders beachtet. Dem liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass Wähler sich nicht nur durch die politische Großwetterlage be­einflussen lassen, sondern auch durch Beruf, Alter, Geschlecht und Soziallage. Ergebnis: Die SPD büßt überdurchschnittlich viel (mehr als zehn Prozentpunkte) in der bürgerlichen Mitte und bei Arbeitslosen und Empfängern von Transferleistungen ein. Die CDU verliert stark in Wahlbezirken mit konservativem Milieu (8,8 Prozentpunkte) oder Kirchenbindung (8,1 Prozentpunkte).

Grüne und Linke sind besonders beliebt bei Singles, Wählern mit Altbauwohnung und bei sogenannten Hedonisten (an Unterhaltung orientiert, wollen ein abwechslungsreiches Leben führen). Im Grunde Beschreibungen, die auch auf Anhäng

er der Satirepartei „Die Partei“ zutreffen. Deren Fraktionschef Julian Klippert holte im Wahlkreis 42 immerhin 2,8 Prozent der Stimmen.

Hier gibt es die Grafiken der Stadt:

Wahlbeteiligung in Stadt und Umland deutlich gestiegen

In der gesamten Re­gion Hannover mit Stadt und Umland lag die Wahlbeteiligung bei  77,3 Prozent, sie stieg damit im Vergleich zu 2013 um 2,9 Prozentpunkte. Die Wahlbeteiligung insgesamt erreichte damit das höchste Niveau seit 2005.

In der Landeshauptstadt allein stieg sie um 3,6 Prozentpunkte und erreichte 76 Prozent, so die Wahlanalytiker. Im Umland erhöhte sich die Beteiligung im Vergleich zu 2013 um 2,2 Prozentpunkte auf jetzt 78,2 Prozent. Grundsätzlich halten die Analytiker fest: Niedrige Wahlbeteiligungen sind in gering privilegierten sowie in stark verdichteten Wohngebieten zu verzeichnen, hohe dage­gen in eher privilegierten und weniger stark verdichteten Gebieten. Im Umland verzeichneten die Kommunen Hemmingen (84 Prozent), Wennigsen (83,5 Prozent), Burgwedel (83 Prozent), Isernhagen (82,5 Prozent) und Wedemark (82,3 Prozent) die höchste Wahlbeteiligung. Grundsätzlich gilt: Wer älter ist, geht eher wählen. Allerdings gab es eine starke Zunahme um 6,3 Prozent bei den jungen Wählern bis 34 Jahre. Vor allem Frauen zeigten hier ein Wahlinteresse.

Umland: Bürgerliches Lager wollte schwarz-gelbe Koalition

CDU und SPD verlieren deutlich in ihren traditionellen Stimmenhochburgen, die FDP holt sich einen großen Stimmenanteil von den Christdemokraten zurück, die Bündnisgrünen lassen in ihren Stammgebieten  Stimmen liegen, können dafür aber in bürgerli

chen Kommunen punkten. Und die AfD überzeugt ihre meisten Wähler in Domänen der Linken und der SPD sowie im Lager der Nichtwähler.

Zu dieser Analyse für die beiden Umlandwahlkreise ist nach Auswertung der Ergebnisse  die Region Hannover gekommen, die Stephan Klecha vom Team Statistik gestern vorstellte. Die CDU bleibt nach dieser Bundestagswahl zwar stärkste Kraft im Umland, fällt aber um 6,6 Prozentpunkte zurück. In Burgwedel (39,5 Prozent) und Isernhagen (37,5 Prozent) haben die Christdemokraten die besten Ergebnisse erzielt, in Ronnenberg (28,9 Prozent), Wennigsen (29,4 Prozent) und Seelze (29,9 Prozent) rutscht die Partei hingegen unter die 30-Prozent-Marke.

Bitter für die SPD: Sie bleibt  mit 28,3 Prozent zwar zweitstärkste politische Kraft im Umland, muss laut Klecha aber „flächendeckend Stimmenverluste hinnehmen“ – und verliert zu 2013 gut sechs Prozentpunkte. Am schwächsten schneiden die Sozialdemokraten in Burgwedel (22,8 Prozent) und Isernhagen (21,7 Prozent) ab. Den höchsten Stimmenanteil im Um­land gab es dagegen in Laatzen (31,2 Prozent) und Garbsen (30 Prozent). Beide Städte liegen damit klar über dem SPD-Bundestrend.

Drittstärkste Kraft ist nun die AfD mit 10,3 Prozent (plus 6,4 Prozentpunkte). Auffällig: Die meisten Zweitstimmen holte die AfD in dichtbesiedelten Kommunen, die direkt an Hannover anschließen.

Um den vierten Platz hatten sich lange FDP und Grüne ge­stritten, am Ende behielten die Liberalen mit zehn Prozent gegenüber den Bündnisgrünen (8,3 Prozent) die Nase vorn. Auffällig: Im bürgerlichen Lager wurde – anders als 2013 – wieder für eine schwarz-gelbe Ko­alition abgestimmt. Die FDP konnte davon massiv profitieren. Die Liberalen bekamen bei der Wahl über 32 000 Stimmen von der CDU zurück. Ihre Hochburgen hat die FDP in Isernhagen (15,5 Prozent), Burgwedel (13,1 Prozent), in der Wedemark und in Burgdorf, aber auch in Gehrden, Hemmingen und Wennigsen konnte die Partei gut abschneiden.

Die Grünen konnten mit 8,3 Prozent und nur leichten Verlusten von 0,3 Prozent ihren Anteil gegenüber 2013 nahezu halten. Während sie etwa in Uetze und Pattensen stark an Zustimmung verloren haben, legten sie dafür in Burgwedel und Isernhagen deutlich zu.

„Die Linke rückt den Grünen auf die Pelle“, sagte Experte Klecha, die Partei konnte ihren Stimmenanteil bei dieser Bundestagswahl auf sieben Prozent steigern. Vor allem in Ronnenberg (7,4 Prozent), Wennigsen (7,3 Prozent), Seelze (7,1 Prozent) und Langenhagen (7,0 Prozent) war sie stark vertreten. Und: Viele SPD- und Grünen-Wähler waren am Sonntag zu den Linken gewechselt.

Hier sind die Grafiken der Region:

Rekord bei Briefwahl – ab heute ist die nächste möglich

Jeder fünfte Wähler (20,1 Prozent) hat seine Stimme per Briefwahl abgegeben. Besonders stark gefragt war diese Möglichkeit bei den über 70-Jährigen und in der Gruppe der 35- bis 40-Jährigen, so Stadt-Wahlleiter Carsten Köller.

Eigentlich hätte niemand damit gerechnet, dass der Rekord von 2013 (142 341 Briefwähler in der Region) noch zu toppen gewesen wäre. Doch die Zahl ist auf 170 058 gestiegen. Einer warf mit dem ausgefüllten Brief auch seinen Personalausweis ein, die Stimme war daher ungültig.

Heute schon öffnen die Briefwahlstellen für die Landtagswahl. Allein in der Stadt Hannover sind schon 20 000 Anträge eingegangen. Bei der Region rechnet man ebenfalls mit großer Nachfrage, weil der 15. Oktober in den Herbstferien liegt.

In Hannover sind Briefwahlstellen im Neuen Rathaus und im Podbi-Park geöffnet. Und zwar montags, dienstags, donnerstags und freitags von 8 bis 18 Uhr sowie mittwochs von 8 bis 15 Uhr, heute erst um 12 Uhr und am 13. Oktober nur bis 13 Uhr. Einen zusätzlichen Termin bietet das städtische Wahlamt am Sonnabend (30. September) von 8 bis 13 Uhr im Neuen Rathaus an.

Von Vera König und Andreas Voigt