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Schützenfest Hannover 2019 Ein Ort der Rechten? Streit ums Schützenfest
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00:26 30.06.2019
Das Schützenumzug: Tradition pur in Hannover – die plötzlich vom Grünen Daniel Gardemin in Frage gestellt wird. Quelle: HAZ NP
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Hannover

Es war zunächst nur ein harmloser Eintrag im sozialen Netzwerk Facebook von SPD-Ratsherr Lars Kelich am Donnerstagmittag über das zu erwartende heiße Wetter mit 39 Grad am Sonntag beim Schützenausmarsch. Wenig später wurde es zu einem heftigen Schlagabtausch. Auslöser war ein Beitrag von Grünen-Ratsherr Daniel Gardemin. Er schlug in seinem Beitrag ein „hitzefrei“ für den Ausmarsch vor, da dort „Waffen vorgeführt und dem Schießsport gehuldigt“ werde. Die jetzt hitzige Diskussion im Internet erreichte schnell die Ratspolitik, die am Donnerstag im Rathaus zur letzten Sitzung vor der Sommerpause zusammenkam. Die Fraktionsspitzen von SPD, CDU und FDP zeigen sich empört – auch die der Grünen.

„Das wird mörderisch“

„Das wird mörderisch beim Schützenausmarsch...“ hatte Lars Kelich bei Facebook vermeldet, dabei die Wetterkarte mit angehängt und die angegebenen 39 Grad für Sonntag rot umrandet. Etwa eine Stunde später schaltete sich dann Grünen-Ratsherr Daniel Gardemin ein. Er postete: „Einfach mal hitzefrei machen. Ich glaube sowieso, dass es ein Umdenken geben muss. Da werden Waffen vorgeführt und dem Schießsport gehuldigt. Ich bin mal gespannt, ob es eine Schweigeminute oder ein Statement gibt. Immerhin wurde der Mord an Walter Lübcke von einem Sportschützen ausgeübt.“

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Auf die Frage von Kelich, ob Gardemin denn damit die Abschaffung des Schützenausmarsches fordere, entgegnete der Ratsherr der Grünen: „Umzudenken bedeutet nicht die Abschaffung. Aber auch Traditionsveranstaltungen sind nicht entbunden, auf gesellschaftliche Entwicklungen einzugehen. Wie gesagt, ein Gedenken an Lübcke wäre das Mindeste.“ Darauf Lars Kelich: „Das Schützenfest Hannover in einem Atemzug mit einem rechtsterroristischen Mord zu nennen, zeugt nur davon, dass da jemand aus dem eigenen Elfenbeinturm in Linden kommentiert. Das ist so ein hanebüchener Unsinn.“

Ein Ort der Rechten?

Gardemin legte nach, antwortete auf den Eintrag eines Kommentars: „Ich habe nirgendwo Schützen mit Rechtsterroristen verglichen. Es scheint aber das Schützenwesen ein Ort der Rechten zu sein, wie der Mord an Walter Lübcke schrecklich zeigt. So wäre das Schützenfest ein guter Anlass, eine deutliche Distanzierung vorzunehmen.“

SPD-Mann Lars Kelich wurde daraufhin prinzipiell: „Was sagt ihr als Grüne eigentlich dazu, dass Bürgermeisterin Regine Kramarek (Grüne) das Schützenfest eröffnet und auch noch den Fassanstich macht, vorher die besten Sportschützen für Ihre gute Trefferquote (!) auszeichnet?“ Antwort von Grünen-Fraktionschefin Freya Markowis: „Das ist eine Einzelmeinung und nicht mit der Fraktion abgestimmt. Ich distanziere mich von solchen Äußerungen.“ Sie sei entsetzt gewesen über derartige Aussagen.

Debatte im Rat

Inzwischen war die Debatte im Internet auch im Rat angekommen, SPD-Fraktionschefin Christine Kastning sagte am Rande der Sitzung: „Unglaublich, wie sich der stellvertretende Fraktionschef der Grünen äußert. Zumal das Schützenfest von der Grünen-Bürgermeisterin eröffnet wird.“ Sportschützen gingen sehr verantwortungsbewusst mit ihren Waffen um und müssten gegen derartige Unterstellungen geschützt werden, forderte sie. CDU-Fraktionschef Jens Seidel: „Interessant was da abgeht. Gardemin rückt alle Schützen in die Nähe von Rechtsextremen.“ Und CDU-Parteichef Maximilian Oppelt äußerte, es sei ungeheuerlich, dass ein Mitglied der Grünen-Fraktionsführung das Schützenfest und damit das beliebteste Volksfest der Hannoveraner diffamiere. „Seine Kommentare begreife ich als schlimmen verbalen Ausfall und fordere den OB-Kandidaten der Grünen, Belit Onay, auf, sich davon zu distanzieren.“

SPD und FDP verärgert

„Diese Partei will den Oberbürgermeister dieser Stadt stellen und gleichzeitig diffamieren sie eine wichtige und sinnstiftende Tradition in Hannover“, sagte SPD-Parteichef Alptekin Kirci. Dies zeige die Verlogenheit der Grünen: „Auf der einen Seite gehen sie zu Empfängen der Schützen und bezeichnen sie auf der anderen Seite als Mörder.“ Kopfschütteln auch bei FDP-Ratsherr Patrick Döring: „Die Äußerungen Gardemins sind frei von jeder Sachkenntnis. Vor allem seine Behauptung, beim Schützenwesen handle es sich um einen ’Ort der Rechten’“ zeigt, dass er lange nicht da war. Hannovers Schützen stehen in der Mitte der Gesellschaft.“

Schützenpräsident beklagt Diffamierung

Schützenpräsident Paul-Eric Stolle: „Diese Aussagen sind eine absolute Diffamierung des Schützenwesens generell. Auch wir in Hannover sind seit vielen hundert Jahren Bestandteil der Stadtgesellschaft. Von uns geht keine Gefahr aus, das ist absolut falsch, was da behauptet wird.“

Hintergrund: Der Hauptverdächtige Stephan E. im Fall des getöteten Kasseler CDU-Politikers Walter Lübcke hatte bis zuletzt eine Funktion in einem örtlichen Schützenverein gehabt. Der vielfach vorbestrafte Rechtsextremist, der die Tat inzwischen gestanden haben soll, wurde auf der Webseite dieses Vereins als "Referent" für das Bogenschießen bezeichnet. Die Tatwaffe soll sich Stephan E. jedoch über Dritte außerhalb des Schützenvereins besorgt haben.

Weiterlesen: Zieler – treffsicher beim Fassbieranstich                  

Von Andreas Voigt und Vera König