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Meine Stadt Schüler – und Eltern – demonstrieren in Hannover fürs Klima
Hannover Meine Stadt Schüler – und Eltern – demonstrieren in Hannover fürs Klima
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18:55 15.03.2019
BUNTE PLAKATE MIT ERNSTEN BOTSCHAFTEN: Drei Schülerinnen der IGS Garbsen bei der „Fridays For Future“-Demo in Hannover. Quelle: Foto: Wilde
Hannover

An Hannovers Schulen sah es am Freitag leer aus. Am Kröpcke dafür umso voller. Die mehreren Tausend Schüler, die den Unterricht schwänzten, trafen sich hier für etwas, das für sie noch wichtiger ist als Bildung: Klimaschutz. Denn was nützen die besten Noten, wenn die Erderwärmung die Zukunft zerstört.

Diese Botschaft steckt hinter der Protestbewegung „Fridays For Future“, an der Schüler weltweit teilnehmen. Immer wieder freitags demonstrieren sie für Klimaziele und gehen dafür in einen Unterrichtsstreik. So groß wie an diesem Freitag waren die Demonstrationen aber noch nie: Über den ganzen Globus verteilt gingen Schüler in 100 Staaten auf die Straße, in Deutschland wurde in 180 Städten gestreikt.

Fotos: Wilde

Die Hannoveraner machten zum dritten Mal bei der Aktion mit. Im Februar fand die zweite Demo statt. Damals waren noch 3000 Schüler dabei. Einen Monat später waren es deutlich mehr – nach Polizeiangaben insgesamt fast 8000, die Veranstalter gehen sogar von 13 000 Menschen aus. „Ich kann das kaum glauben, wir hätten niemals mit so vielen Teilnehmern gerechnet“, sagte Lou Töllner (17), eine der Hauptorganisatoren in Hannover, als sie auf die Menschenmassen hinter ihr blickte.

Sie und die Demonstranten trennten nur Banner. Diese bildeten den Anfang des Protestzugs. Auf ihnen wurden die Botschaften der Kinder und Jugendlichen deutlich: „Wir streiken, bis ihr handelt!“ oder „Was wir heute tun, entscheidet, wie die Welt von morgen aussieht“. Ein Plakat erinnerte daran, wie der März früher mal ausgesehen habe. Darauf fragte ein Kind: „Mama, was ist eigentlich ein Schneemann?“ Die Polizei sperrte etliche Straßen in der Innenstadt, selbst für Passanten war kaum ein Durchkommen, so voll war es.

Im Regen marschierten die Schüler und ihre Eltern (siehe unten) zum Neuen Rathaus. Immer wieder riefen sie ihren Schlachtruf „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“ „Ihr“ – das ist die ältere Generation, das sind die Politiker, die vieles in der Klimapolitik versäumt haben.

Einige von ihnen bleiben bei ihrem alten Standpunkt: Lehrer tragen Fehlstunden für demonstrierenden Schüler ein. Andere stellen sie vom Unterricht frei und unterstützen die jungen Aktivisten. So hat der Philologenverband die Demos während der Unterrichtszeiten scharf kritisiert: Die Umsetzung der Schulpflicht werde auf die Lehrkräfte abgewälzt, während die Politiker auf einer Sympathie-Welle mitsurften, so der Vorsitzende des Landesverbandes, Horst Audritz. Laura Pooth, Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft, erinnerte daran, dass Politiker nicht nur die Proteste unterstützen, sondern auch Taten folgen lassen sollten.

Auch Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok gehört zu den Unterstützern. Als er die jungen Menschen auf seinen Arbeitsplatz zukommen sah, trat er auf den Trammplatz. „Ich weiß noch aus meiner eigenen Schulzeit, wie schwer es sein kann, demonstrieren zu dürfen“, so Schostok. „Ich hoffe, es läuft alles so ab, wie sich die Schüler das vorstellen.“

Dieser Weg dürfte noch lang sein. Dennoch: Erfolgreicher könnte die Protestbewegung derzeit wohl kaum laufen. Erst vor ein paar Monaten hatte die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg diese Welle losgetreten, indem sie mit einem stummen Protest vor dem Stockholmer Parlament in einen Schulstreik für das Klima trat. Ein halbes Jahr später haben sich ihr allein in Deutschland 300 000 Menschen angeschlossen.

Von Josina Kelz

Die Eltern folgen den Jungen

Ja, wir haben denen das schon irgendwie eingebrockt und nicht rechtzeitig gemerkt, welche Folgen das hat“, gibt Klaus Haas (70) unumwunden zu. Man habe gegen alles Mögliche demonstriert, „doch erst nach 2000“ die Probleme, die der Klimawandel mit sich bringe, richtig erkannt. Deswegen hält er heute mit seinem Sohn Elias (22) auf der „Fridays for Future“-Demonstration am Kröpcke ein Transparent hoch und marschiert mit ihm und tausenden anderen sehr jungen, aber auch älteren Bürgern durch die City, um eine konsequente Klimaschutzpolitik einzufordern. Auch Bianca Kipper (39) ist mit ihrem Sohn Klaas auf der Demo. „Es gibt nur eine Erde, und wir Erwachsenen haben die Verantwortung, die Kinder und Jugendlichen in ihrem Kampf zu unterstützen“, sagt sie. Klaas hat auch klare Forderungen an Politik und Gesellschaft: „Die großen Auto abschaffen, und es soll kein Plastik mehr in die Meere. Davon sterben Schildkröten und Fische.“

Karsten (48) und Stefanie Liebrecht (46) sind mit Tochter Lea (9), deren bester Freundin Lina (9) und ihrer Mutter Stephanie Feindt (46) gekommen. „Wir haben keine zehn Jahre mehr, um etwas zu verändern und den Klimawandel wenigstens abzubremsen“, sagt Stefanie Liebrecht. Ihre Tochter wird konkret: „Wir wollen Klimaschutz und kein Plastik mehr in den Meeren.“ Und diese Probleme gingen alle – ob jung oder alt – an, meint Wolfgang Becher (46), der mit seiner Tochter Lona (11) heute demonstrieren geht.

„Jahrelang haben wir beklagt, dass die jungen Leute so unpolitisch sind“, meinen Gaby Cuber (67) und Peter Fast (70). „Jetzt, wo sie für eine bessere Welt kämpfen, unterstützen wir sie gern.“ So sehen das auch Fred Meier-Klocker und seine Frau Renate (beide 72). Sie hätten vieles nicht verhindern können, obwohl sie auf vielen Demonstrationen in ihrem Leben waren. „Ich hoffe, dass dies hier ein Anfang ist und es immer mehr werden.“ sagt Renate Klocker. „Ein Weckruf“, wie Franziska Reimers (28) sagt.

Von Petra Rückerl