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Meine Stadt Sind Ärzte zu schnell mit dem Skalpell?
Hannover Meine Stadt Sind Ärzte zu schnell mit dem Skalpell?
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13:29 25.08.2018
Quelle: Ditfurth
Hannover

Das oberste Gebot ist die Gesundheit des Patienten. So steht es in der Genfer Deklaration, einer modernen Version des hippokratischen Eids. Und die gilt grundsätzlich auch in Deutschland als Berufsordnung für Ärzte. Doch immer häufiger greift bundesweit dieses Phänomen um sich: Patienten werden teilweise ohne dringenden medizinischen Grund im Krankenhaus behandelt.

 Im vergangenen November warnte Karl-Heinz Wehkamp vom Socium Forschungszentrum der Universität Bremen vor dieser fatalen Entwicklung. Demnach würden ärztliche Entscheidungen durch betriebswirtschaftliche Vorgaben beeinflusst. Zahlreiche Mediziner und Klinik-Geschäftsführer gaben in Interviews an, dass Entscheidungen über Aufnahme, Behandlungsart und Entlassung eines Patienten ohne Kostendruck meist anders ausfallen würden. Wehkamp: „Das System geht auf Lasten der Patienten und zu Lasten der Medizin.“

 Christian Sturm absolvierte zunächste eine Ausbildung zum Chirurgen. Oft stand er den ganzen Tag am OP-Tisch. „Damals habe ich mich nach Feierabend manchmal gefragt, ob wirklich jede Operation notwendig war“, erzählt der Oberarzt im Gespräch mit der NP. Auch er kann von Fehldiagnosen in der Medizinbranche berichten, „weil sich viele Symptome einfach überlappen“. Sturm: „Wir Ärzte schauen eben immer nach Wahrscheinlichkeiten.“ Auch er selber wurde krank, musste zwei Mal an der Wirbelsäule operiert werden. Beide Eingriffe waren erfolgreich, er ist wieder voll belastbar. Aber er wechselte die Fachrichtung. Heute ist Sturm Rehabilitationsmediziner in der MHH.

Er selbst beschreibt seine Tätigkeit so: „Reha verbinden die meisten noch immer mit Therapien nach Operationen. Wir können aber auch schon aktiv werden, bevor das Skalpell kommt. Im besten Fall machen wir eine OP sogar unnötig.“ Es gehe um eine schonende Schmerzbeseitigung und die Wiederherstellung der Mobilität. Sturm will Operationen nicht verteufeln, „weil sie manchmal natürlich sinnvoll sind, aber eben nicht immer“. Er appelliert an seine Zunft, „sich wieder auf die ganz einfachen anatomischen Grundlagen zu konzentrieren, statt die Patienten nur noch in das CT oder MRT zu schicken. Kein Gerät kann den menschlichen Kontakt zum Patienten ersetzen.“ Doch selbst Medizin-Studenten würden nur noch auf absolute Besonderheiten trainiert. Sturm: „Dabei gehen wichtige Grundlagen verloren. Das ist dramatisch. Ebenso traurig ist es aber auch, dass Krankenkassen anstandslos jede teure Operation bezahlen, aber sich bei Folge-Rezepten für manuelle Therapie quer stellen. Da ist etwas in Schräglage geraten.“ Während Kassenpatienten oft regelrecht um Behandlungen betteln müssten, sieht Sturm für Privatpatienten ein noch größeres Problem: „Da erlebt man häufig Dauerbehandlungen über Jahre. Sie bekommen zu viel Diagnostik und oft unnötige Therapie. Manchmal auch nur, weil es schlicht Geld bringt. Um das Patientenwohl geht es da vielfach gar nicht mehr.“

 Woher rührt diese Schräglage? „Weil Ärzten immer mehr die Zeit fehlt, sich mit den Patienten zu beschäftigen. Krankenhäuser stehen stärker denn je unter enormen Kostendruck. Am Ende müssen eben die Zahlen stimmen. Ärzte sind ja nicht doof, nur die Zwänge, in denen sie oft stecken, sind enorm“, so Sturm. Was macht er in seinem Arbeitsalltag als Rehabilitationsmediziner anders? „Ich untersuche den Menschen gründlich, stelle viele Fragen und noch viel wichtiger: ich höre den Menschen in Ruhe zu. Das braucht halt Zeit. Meistens haben die Betroffenen selber ein sehr gutes Gespür dafür, woher ihr Leiden eigentlich rührt. Doch wenn ihnen niemand richtig zuhört, dann läuft da ganz systematisch etwas falsch. Dabei kann man nur im Gespräch mit dem Betroffenen die Ursache herausfinden.“

So habe er nicht selten  Patienten vor sich sitzen, die auf eine lange Odyssee von Arztbesuchen und verschiedenen Therapie- und Behandlungsansätzen zurückblicken. Sturm: „Und die am Ende trotzdem noch Schmerzen haben. Da kann man schon den Glauben an die Medizin verlieren.“

Britta Lüers