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Meine Stadt Schicksal Depression: „Es ist okay, wenn du auch mal weinst“
Hannover Meine Stadt Schicksal Depression: „Es ist okay, wenn du auch mal weinst“
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09:38 25.10.2018
SPRICHT ÜBER SEINE ERKRANKUNG: Guido Hartmann leidet an Depressionen und lässt sich im Klinikum Wahrendorff behandeln.
SPRICHT ÜBER SEINE ERKRANKUNG: Guido Hartmann leidet an Depressionen und lässt sich im Klinikum Wahrendorff behandeln. Quelle: Gilgen
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Ilten

Seine Kinder spielen oben, als Guido Hartmann sich entschließt, Schluss zu ma­chen. Er hat schon abgeschlossen mit seinem Leben und will sich erhängen. In letzter Minute kommt seine Frau in den Raum und rettet ihn. Das war Hartmanns zweiter Suizidversuch.

Seit diesem 7. August ist er permanent in Behandlung im Klinikum Wahrendorff in Ilten (Sehnde). Zunächst verbringt er auch die Nächte dort. Seit Ende September besucht Hartmann die Tagesklinik für Männer. Hier war er bereits nach seinem ersten Suizidversuch. Seit rund sechs Jahren gibt es die Tagesklinik für Männer. Bis zu 22 Depressive werden hier behandelt. Hartmann fühlt sich hier gut aufgehoben. Täglich um 16 Uhr endet seine Behandlung und er geht nach Hause zu seiner Frau und seinen vier Kindern.

Heute, fast drei Monate nach seinem zweiten Suizidversuch, ist er sich sicher, dass ihm das nicht noch einmal passieren könnte. „Ich habe mittlerweile einen Skill erworben, der mein Notanker ist“, erzählt der 35-Jährige mit ru­higer Stimme. Überkommen ihn wieder Suizidgedanken, stellt er sich vor, was das für seine vier Kinder bedeuten würde: „Ich habe hier in der Klinik eine Frau kennengelernt, die als Kind ihren Vater verloren hat. Das will ich meinen Kindern nicht antun.“

Im Alter von 18 oder 19 Jahren merkte Guido Hartmann, dass er depressiv ist. Bis dahin unternahm er viel mit Freunden, fuhr gerne Fahrrad, ging auf Konzerte. Wenn er allein war, schaute er Dokumentationen und las viel. Doch nach und nach zog er sich immer stärker zurück: „Ich war sehr nachdenklich, oft sehr traurig, war antriebslos, lustlos. Ich hatte kein Interesse mehr an allem, was mir bis dahin Spaß ge­macht hat“, erinneurt er sich.

Sein Abitur hat er dennoch geschafft. Danach zwei Jahre Bundeswehr. Hartmann gründete eine Familie. War er glücklich? „Es gab viele gute Jahre, aber auch immer wieder schlechte Phasen“, sagt der gelernte Kindertagespfleger. Aus diesen schlechten Phasen schaffte es Hartmann immer wieder sich selbst rauszuholen – ohne professionelle Hilfe von Ärzten oder Psychologen. In permanenter Be­handlung ist er erst seit Au­gust 2017. „Damals kam mein Sohn zu mir und sagte: ,Papa, es ist völlig okay, wenn du auch mal weinst.’"

Alle zwei Wochen spricht er seitdem mit Therapeuten. Doch am Ostermontag dieses Jahres wurde es für Hartmann zu viel. Schon seit Wochen fühlte er sich nicht gut: „Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Dann kommt man in diese Abwärtsspirale.“ Hartmann, der sonst fast nie trinkt, griff zum Rotwein und zu Medikamenten. Er überlebte. Danach kam er erstmals in die Tagesklinik für Männer in Ilten. Für ihn sind die Gespräche nur mit Männern ein Segen: „Diese Gruppe hier wächst so stark zusammen. Das habe ich so noch nie erlebt“, erzählt der Ahltener. Nach vier Wochen verließ Hartmann die Klinik und freute sich auf tolle Zeiten. Erstmals überhaupt fuhr er allein mit seiner Frau in den Urlaub, danach auch noch mit der ganzen Familie. Ein toller Sommer, möchte man meinen.

Doch Anfang August kam sie wieder, die Abwärtsspirale. Nachdem seine Frau ihn vor dem Selbstmord gerettet hatte, kam es zum Streit, Hartmann rannte weg. An mehr erinnert er sich heute nicht mehr. Die Polizei griff ihn wenig später auf. Wochenlang war er in stationärer Behandlung und verbrachte Tag und Nacht in der Klinik. Noch zwei Wochen soll er nun in der Tagesklinik für Männer bleiben. Dann geht es nach Hause.

Seiner Arbeit als Kindertagespfleger darf er noch nicht wieder nachgehen. Erst, wenn er für gesund erklärt wird, geht das wieder. Trotzdem wirkt Hartmann sehr aufgeräumt. Er weiß, was er mal versucht hat. Wenn man mit ihm redet, erscheint es unvorstellbar, dass er es wieder tun könnte: „Ich habe zweimal versucht, mein Leben zu beenden. Das waren zwei einschneidende Momente. Ich hätte niemals geglaubt, dass ich diesen Schritt machen würde“, sagt er. Allen, die Gedanken an einen Suizid verfolgen, wünsche er, dass sie diese Kraft, die sie in die Planung investieren, anders nutzen können – „um sich stattdessen Hilfe zu holen“.

Von Timo Gilgen