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Meine Stadt Ein Per-fekter Abschied des Weltmeisters
Hannover Meine Stadt Ein Per-fekter Abschied des Weltmeisters
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10:00 24.12.2018
Emotional: Per Mertesacker bei seinem Abschiedsspiel
Emotional: Per Mertesacker bei seinem Abschiedsspiel Quelle: Florian Petrow
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Hannover

Die Stadion-Flutlichter sind abgedunkelt, auf dem Rasen der HDI-Arena lassen sich nur noch Umrisse erkennen. Am Mittelkreis schlendert ein Schlaks in einem durchgeschwitzten Trikot über den Rasen. An seinen Händen folgen Oskar und Paul, die beiden Söhne von Per Mertes­acker. Ein Moment für die Ewigkeit.

An dieser Stelle hat alles begonnen. Hier wurde Per zum Fußballprofi. Hier schuf der 1,98-Meter-Mann die Basis für den Weltmeistertitel. Genau hier zeigte der Fußballer aus dem beschaulichen Pattensen seinen Kindern, was man alles erreichen kann. Einer der größten und besten Fußballer Hannovers nimmt an diesem Nachmittag Abschied vom aktiven Profisport. Vor großer Kulisse, mit viel Show und zahllosen emotionalen Momenten wie diesen.

Per schätzt das Zurückgezogene. Trotz allen Erfolgs ist er der Junge aus Pattensen ge­blieben. Auch an diesem Tag, an dem sich alles um die Karriere des 34-Jährigen dreht, hält er seine Familie im Hintergrund. „Und doch wollte ich meine Kinder an allem teilhaben lassen. Wir haben im öffentlichen Umfeld eine private Atmosphäre geschaffen. Das war mir wichtig“, sagt Per. Das ist gut zwei Stunden nach seiner Abschiedsrunde.

17.49 Uhr. 40 096 Zuschauer erheben sich von ihren Sitzen. Am Spielfeldrand wartet Stefan Mertesacker, der Vater von Weltmeister Per. Es soll der krönende Abschluss einer einmaligen Karriere des Hünen werden, der es über Hannover 96 (74 Spiele) und Werder Bremen (147) bis zum großen FC Arsenal London (156) gebracht hat und sich 2014 mit dem Weltmeistertitel ein Denkmal setzte.

Ab in die Eistonne Quelle: Florian Petrow

Vater und Sohn umarmen sich und genießen jede Sekunde vor dieser spektakulären Kulisse. Es fließen Tränen. „Einfach ein perfekter Tag, ich habe jeden Moment voll genossen, vor so einem Publikum zu spielen und zu ihm zu sprechen, das hat mich total glücklich gemacht“, sagt Per Monate nach seinem Abschiedsspiel noch immer ergriffen. Hannover – dort, wo alles begann – sei der richtige Ort gewesen, um die Sportlaufbahn zu beenden, so der Fußballer.

Nach der Auswechslung folgt die Ehrenrunde durch das Stadionrund. Merte winkt ins Publikum und klopft sich mit der Faust aufs Herz, in den Augen schimmern Tränen. „Ich habe mir für diese Runde nichts vorgenommen. Mir war klar, dass es emotional werden würde. Fließen Tränen, dann fließen eben Tränen“, sagt der Familienvater. Vor der Nordkurve – seiner Nordkurve, wo seine treuesten Fans stehen – bleibt Per minutenlang stehen, winkt, weint und saugt auf: „Ich fühlte eine große Dankbarkeit, so viele Leute sind extra für mich gekommen. Hannover war ge­nau der richtige Ort für diesen perfekten Tag.“

Als Per das Spielfeld verlässt, steht die 23-jährige Tina nur wenige Meter entfernt. Auch in ihren Augen sammeln sich Tränen der Rührung. Tina erlebt den Nachmittag an der Trainerbank, der Sportbuzzer und die Aktion Kindertraum haben ihr diesen Wunsch er­füllt. Die junge Frau kämpft mit den Folgen eines schweren Verkehrsunfalls und zieht aus den vielen Begegnungen mit Fußballstars wie Ron-Robert Zieler, Mike Hanke, Marcell Jansen, vor allem aber mit Per Mertesacker neuen Mut: „Dieser Nachmittag hat mir viel gegeben, neue Motivation auch, und er hat mir gezeigt, was man Tolles erreichen kann, wenn man die richtigen Menschen an seiner Seite hat, die einen voll und ganz unterstützen.“ Schöne Worte. Ehrliche Worte.

Der Nachmittag vergeht schnell – die Erinnerungen aber bleiben. Auch an diesem trüben Dezember-Tag, als Per sich in seinem neuen Job in der Weltstadt London zurechtfindet. Aus dem Fußballer Per ist der Talentechef Mr. Mertesacker geworden. „Big fucking German“ haben ihn die Arsenal-Fans einst liebevoll gerufen – eine Ehrbekundung für deutsche Sportler im englischsprachigen Ausland. Per Mertes­acker leitet mittlerweile die Akademie von Arsenal London mit rund 300 Angestellten. Trainer, Scouts, Herbergsväter, Fahrer, Mediziner. Die Zukunft von englischen Fußballtalenten liegt sozusagen in den Händen des einstigen Weltklasse-Innenverteidigers. „Diese Aufgabe ist riesig, und ich danke Arsenal, dass sie mir das Vertrauen schenken“, sagt Per ganz staatsmännisch.

London ist längst seine Wahlheimat – seine Familie fühlt sich dort wohl und ist voll integriert, der Job anspruchsvoll. Aufgaben, an denen Per wachsen möchte. Weihnachten aber verbringt er dennoch in Deutschland, hoffentlich mit Schnee. Die Winterferien der Akademie nutzt Familie Mertesacker für den Heimatbesuch. „Wir hatten ein sehr aufregendes Jahr“, sagt Per, „jetzt ist es an der Zeit, auch mal zur Ruhe zu kommen.“

Von Carsten Bergmann