Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Rückblick 2018: Migranten im Visier
Hannover Meine Stadt Rückblick 2018: Migranten im Visier
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:20 21.12.2018
IN GROSSER GEFAHR: Mindestens 60 000 Migranten kamen seit 2000 auf dem Weg in ihre Zielländer ums Leben. Italien machte die Häfen dicht und ließ Rettungsschiffe nicht mehr auslaufen. Quelle: Foto: dpa
Anzeige
Hannover

„2018 war das entscheidende Jahr, in dem sich die europäische Flüchtlingspolitik umgekehrt hat.“ Adam Wolf spielt nicht nur auf Politiker wie Matteo Salvini, den italienischen Innenminister, an: „Ein ultrarechter Hardliner, der wie Horst Seehofer in Deutschland das Migrationsthema aus reinem Machtkalkül zum Inhalt seiner Politik ge­macht hat. Diese Leute arbeiten mit Angst. Bei Seehofer, einem machthungrigen und völlig gewissenlosen Innenpolitiker, zielte alles auf die Landtagswahl in Bayern.“ Glücklicherweise hätten die Bayern Seehofer & Co „mit ihren dumpfen ausländerfeindlichen Parolen abgestraft“.

Aber da gibt es auch Vorfälle auf der anderen Seite, die sich nicht wegdiskutieren lassen: Gewalttaten, Messerattacken, Übergriffe auf Frauen ... Wolf verweist auf die Traumatisierungen vieler geflüchteter Menschen, auf schwere posttraumatische Störungen, „die auch deutsche Soldaten betreffen, die im Kriegseinsatz waren und die ebenfalls therapeutischer Hilfe bedürfen“. Und er setzt auf Familiennachzug gerade alleinreisender Männer, auch um sie zu „entschärfen“: „Wenn du deine Familie um dich hast und versorgen musst, stabilisiert sich dein Leben.“ Aber er stellt auch klar: „Vergewaltigungen sind keine Frage des kulturellen Hintergrunds, Vergewaltigungen sind überall strafbar. Vergewaltigende Flüchtlinge müssen mit den gleichen Strafen belegt werden wie deutsche Vergewaltiger.“ Allerdings kenne er keine Statistik, die belege, dass die sexuellen Gewalttaten mit der Anzahl der Flüchtlinge zugenommen hätten. Doch das Thema zieht: im Westen und eben auch bei vielen Ostdeutschen, die sich abgehängt fühlen würden. Chemnitz lässt grüßen. Und ohnehin bei Menschen mit fehlender Bildung und Perspektive.

Anzeige

Vielleicht würden aber auch sie Mitleid empfinden können, wenn sie wüssten, was Wolf persönlich vor Ort oder von seinen Flüchtlingshelfer-Kollegen in Italien, Griechenland und auch in Tripolis erfährt. In den Flüchtlingslagern herrsche un­vorstellbares Leid, vor allem in einem besonders gefürchteten Camp in Libyen, „wo vorher etwa 200 000 Palästinenser lebten, sind jetzt insgesamt ungefähr 1,5 Millionen Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten“. Es gebe mafiöse Herrschaftsstrukturen, in die Behörden, Politik, Militär und Küstenwache verstrickt seien. Zehn- und zwölfjährige Mädchen würden von dort in alle Welt verkauft – „als Dritt-, Viert- oder Fünftfrau, aber auch in Bordelle“. Neben dem Sklaven- habe sich ein Organhandel etabliert, dieser sei eine der Hauptsäulen der Mafia. Eine Überfahrt für eine Niere, operiert unter fürchterlichen hygienischen Umständen: „Nach meinen Informationen sollen sich sogar Familienväter zur Ausweidung ihrer Organe geopfert haben, um wenigstens ihrer Familie die Möglichkeit zu geben, ins sichere Europa zu gelangen.“

Denn eines sei klar: Solange Menschen nicht in ihrer Heimat bleiben können, so lange würden sie sich auf die Flucht begeben. Es sei wie bei den Bremer Stadtmusikanten: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“ Neben der Fluchtroute über die griechischen Inseln mit „grausamen Verhältnissen in den Flüchtlingslagern etwa auf Samos“ und dem lebensgefährlichen Weg über Libyen würde man mittlerweile vermehrt die Straße von Gibraltar wählen, um doch noch nach Europa zu kommen. „Die See südlich von Gibraltar ist die gefährlichste Gegend des Mittelmeeres“, er­klärt der erfahrene Schiffskapitän, „Ost- und Westwind sind immer stark, die hohen Wellen zerstörerisch, selbst mit einem großen, stabilen Schiff ist es schwer rüberzukommen. Mit diesen Gummibötchen zu fahren, ist der Wahnsinn.“ Außerdem sei dort eine Art „Autobahn“ der Fracht- und Containerschiffe, „die halten nicht an, um Leute rauszuziehen“. Auf jeden Menschen, der den Weg überlebe, würden mindestens zehn kommen, die ertränken. Die neue spanische Regierung versuche ihr Bestes, um Leute zu retten und zu versorgen: „Die braucht europäische Solidarität und Hilfe; die bekommt sie nicht.“ Dabei gebe es so viele Konflikte auf der Welt, die weitere Flüchtlingswellen auslösen.

Das ganze furchtbare Elend gehört für Pirat Wolf aber letztlich zu den „ganz massiven Geburtswehen“ einer neuen Welt: „Die Migration ist irreversibel. Migration hat es schon immer gegeben und war schon immer Motor von Entwicklungen, auch bei uns.“ Er will die Chancen dessen sehen, „dass die Welt so nah zueinander rückt, dass sich die Welt vermischt“. Auch deswegen hat er dafür gekämpft, Hannover zu einem „sicheren Hafen“ zu machen. Immerhin die Region ist damit die Verpflichtung eingegangen, Flüchtlingen auf dem Mittelmeer eine Aufnahme zu ermöglichen. Die Stadt entscheidet nächstes Jahr.

Von Petra Rückerl