Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Resse sucht verzweifelt nach einem Landarzt
Hannover Meine Stadt Resse sucht verzweifelt nach einem Landarzt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:20 25.04.2018
Margret Mahler (links) und Renate Kolb suchen mit der Bürgerinitiative für Resse einen Landarzt.
Margret Mahler (links) und Renate Kolb suchen mit der Bürgerinitiative für Resse einen Landarzt. Quelle: Dröse
Anzeige
Resse

Die Gesundheitsversorgung auf dem Land wird immer löchriger. Während es in Städten meist zu viele Hausärzte gibt, sind Allgemeinmediziner auf dem Dorf längst eine Seltenheit. Bundesweit fehlen schon 2700 Ärzte, in Niedersachsen aktuell 368 Hausärzte. Tendenz weiter steigend. Auch das 2600-Seelen-Dorf Resse in der Wedemark ist in Not geraten. Seit Ende des Jahres hat die Gemeinde, die aus vielen Rentnern und zunehmend jungen Familien besteht, keinen Hausarzt mehr. Überraschend hatten die bisherigen Betreiber der Arztpraxis ihr Angebot eingestellt. Seitdem haben die Resser zwar einen Bäcker, ei­nen genossenschaftlich betriebenen Supermarkt und eine Gaststätte. Nur keinen Hausarzt. Und das nicht zum ersten Mal.

Resse war schon einmal medizinisch verwaist

„Bis 1994 hatten wir eine Hausärztin im Ort. Als diese ging, war Resse vier Jahre medizinisch verwaist“, erzählt Renate Kolb. Die 77-Jährige ist selber Ärztin und Vorsitzende des Vereins „Bürger für Resse“. Der hatte sich vor zwölf Jahren gegründet, um eine Infrastruktur für den Ort „auf die Beine zu stellen“. 470 Mitglieder zählt er. Kolb hatte 1998 den Posten als Hausärztin übernommen, hörte aus Altersgründen zehn Jahre später aber auf. „Schon die Suche nach einem Nachfolger war immens schwer. Ich selber war mit Herz Landärztin“, erinnert sie sich. Im zehn Kilometer entfernten Bissendorf fand sie schließlich ihren Nachfolger. Der Mediziner machte in Resse eine Zweitpraxis auf. Kolb: „Bis Ende des Jahres war alles gut, dann hörte der Arzt Knall auf Fall auf.“

Das Ärztehaus in Resse. Quelle: Dröse

Die Situation, keine ärztliche Versorgung zu haben, sei für viele im Dorf sehr belastend, besonders für die Älteren, be­richtet Margret Mahler (72). Auch sie engagiert sich im Bürgerverein. Mahler: „Für Senioren, die gar kein Auto mehr haben, ist es kaum möglich, zum nächsten Arzt in Mellendorf oder Bissendorf zu kommen.“ Renate Kolb drückt es noch drastischer aus: „Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist die Landarzt-Misere ein Unding. Die Po­litik muss viel deutlicher gegensteuern.“ Auch der Kassenärztliche Vereinigung Niedersach­sen kennt das Problem der Resser Bürger – und begrüßt das Bürgerengagement. KVN-Sprecher Detlef Haffke bleibt dennoch realistisch: „Wir sind an dem Thema dran, sind aber dazu aufgefordert, nicht nur einzelne Orte, sondern größere Gebiete zu betrachten. Sollte sich für Resse kein neuer Hausarzt finden, muss man zusammen mit den Kommunen schauen, wie man die Patienten zum nächsten Arzt bekommt.“

Bürgerverein sucht nach Arzt

Und so nimmt der Bürgerverein in Resse sein Schicksal erneut in die eigenen Hände. Seit Wochen hängt ein großes Banner an der Durchgangsstraße. „Resse sucht Arzt“ steht darauf. Ende März lud der Verein zu der Aktion „Backen, bis der Arzt kommt“. Mehrere tausend Euro teure Anzeigen wurden in Ärzteblättern geschaltet. „Doch noch immer fehlt ein Arzt“, so Kolb. Was wird von der Nachfolge erwartet? Da sind die Resser flexibel, sagt Kolb: „Unsere Wunschvorstellung wäre ein Arzt, der die Menschen von der Wiege bis zur Bahre begleitet. Jemand, der sich mit Resse identifiziert und seinen Beruf und Menschen mag. Wir wären aber auch mit einer Gemeinschaftspraxis zufrieden. Die passenden Räume haben wir ja im Ärztehaus, das unserem Verein gehört. Es muss nur endlich eine Nachfolge her. Kein neuer Hausarzt im Ort ist keine Option für uns.“

Renate Kolb hat noch Hoffnung. „Weil Resse für jeden Naturliebhaber einfach ein Paradies ist“, sagt sie. Aber auch, weil ihre Ideen noch nicht ausgeschöpft sind. Kolb: „Vermeintlich ausweglose Situation brauchen manchmal einfach ungewöhnliche Lösungen.“

Allein in Niedersachsen fehlen 368 Haus- und 100 Fachärzte

Ende der 1980er Jahre war das Image der Landärzte noch rosig. Es gab sogar eine ZDF-Serie, die von eben jenem Berufsstand handelte. Drei Jahrzehnte später sieht die Realität düster aus. Es gibt einen dramatischen Ärztemangel – und das vor allem auf dem Land.

Aktuell fehlen in Niedersachsen 368 Hausärzte, je­doch lediglich knapp 100 Fachärzte, meist Augenärzte und Psychotherapeuten. Doch Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), ist bemüht zu betonen: „Noch sind wir in keiner Region in Niedersachsen unterversorgt.“ Das gilt zumindest in der Theorie, die Praxis fühlt sich vielerorts, vor allem für nicht mobile Rentner, anders an.

Doch Haffke sagt auch: „Generell ist der Bedarf an Hausärzten im Land sehr hoch. Das ist aber nicht ungewöhnlich. Schließlich sollen Hausärzte die Basisversorgung der Bevölkerung sicherstellen.“ Fachleute haben für Niedersachsen festgesetzt, dass auf 1667 Einwohner ein Hausarzt kommen soll. Haben Regionen Versorgungssätze von 110 Prozent, werden keine weiteren Ärzte zugelassen. Von einer Unterversorgung ist erst bei unter 75 Prozent die Rede.

Für den sogenannten Mittelbereich Großburgwedel, zu dem auch der Ort Resse gehört und wo insgesamt mehr als 50 200 Menschen leben, liegt der Versorgungsgrad aktuell bei 95,2 Prozent. Abgedeckt von 30 Hausärzten. Haffke: „Damit ist der Bereich nicht mehr optimal mit Hausärzten versorgt.“ Fünf weitere Allgemeinmediziner könnten sich hier noch niederlassen. Doch der Sprecher relativiert: „Wir könnten niemanden zwingen, sich in Resse niederzulassen.“

Auch der KVN ist die Krise der Landärzte bewusst. Man sei regelmäßig mit Gemeinden und Kommunen im Gespräch, um zu schauen, wie man „das Manko in den Griff bekommt“. Doch nicht nur auf dem Land sei es problematisch, Hausärzte zu finden. „Das ist generell ein großes Problem“, so der Sprecher.“ Die KVN begrüßt daher die Eigeninitiativen einiger Kommunen oder Bürgervereinen: „Alleine bekommen wir das nicht hin. Gemeinden können viel dazu beitragen, Orte lebenswerter zu ma­chen“, weiß Haffke.

Fest steht: Ohne Lösung droht in zehn bis 15 Jahren der Kollaps. „Dann geben viele Hausärzte, die heute im Schnitt 55 Jahre alt sind, ihre Praxen auf.“ Fraglich ist, ob junge Medizinabsolventen dann auf das Land gehen wollen. Junge Ärzte, 70 Prozent von ihnen sind Frauen, scheuen das Landleben, weil es an passenden Kitas, Schulen oder kulturellen Angeboten fehlt. Aber auch, weil sie geregelte Arbeitszeiten wollen. Ministerpräsident Stephan Weil plädiert deshalb für eine Landarzt-Quote für Medizinstudenten und will sie nach dem Studium für eine befristete Zeit zum Einsatz in der Provinz verpflichten. Haffke: „Ein guter Ansatz, ob das rechtlich haltbar ist, da habe ich meine Zweifel.“ Die KVN fordert in jedem Fall zusätzliche Medizinstudienplätze: „Mindestens 300 mehr.“ Aktuell studieren in Niedersachsen rund 9000 Studenten Medizin.

Britta Lüers