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Meine Stadt Casino-Bau gibt Einblick in die Vergangenheit
Hannover Meine Stadt Casino-Bau gibt Einblick in die Vergangenheit
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06:08 27.12.2018
FRÜHER: Das Wohnhaus Georg Hoppenstedts in der ehemaligen Hildesheimer Straße 17. Quelle: Historisches Museum Hannover
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Hannover

Vor wenigen Wochen wurde mit „Lessings Casino“ die neue Kantine der Regionsverwaltung eröffnet – auf ausgesprochen historischem Grund. Weshalb es bei den Bauarbeiten in diesem Sommer auch ein „paar Überraschungen“ gegeben hatte, wie es Gebäudedezernentin Andrea Fischer nannte. Anlass für Regionsmitarbeiterin Stefanie Schulz, in einer jetzt veröffentlichten kleinen Broschüre ein wichtiges Stück hannoverscher Kulturgeschichte lebendig werden zu lassen.

Denn das Gelände, auf dem der Verwaltungskomplex zwischen Hildesheimer, Hasch- und Akazienstraße entstanden war, gehörte einst zu Hannovers vornehmsten Adressen. Das Gebäude an der Hildesheimer Straße mit der Hausnummer 17 war im Stil eines italienischen Landhauses des 18. Jahrhunderts errichtet worden. Heute entspricht dies der Hausnummer 20 und damit dem Haupteingang des Regionsgebäudes. Einst war es der Wohnsitz von Georg Ernst Friedrich Hoppenstedt (1779-1858), erster Stadtdirektor Hannovers und Gründer der hannoverschen Sparkasse.

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Lessings Kindheit und Jugend

Bedeutsamer aber für die neuere hannoversche Kulturgeschichte ist, dass Theodor Lessing (1872-1933) dort einen Großteil seiner Kindheit und Jugend verbrachte. Lessings Vater hatte das Gebäude mit seinem riesigen und idyllischen Gartengrundstück 1879 gekauft und dort mit seiner Familie die nächsten zwölf Jahre gelebt. Grund für die Region, das neue Casino nach dem Philosophen zu benennen.

Doch es waren die Zufallsfunde, die den Bau eines Regenwasserkanals für das Casino unterbrochen hatten, die Anlass gaben, noch tiefer in die Geschichte einzutauchen. Das Areal des Regionskomplexes war bis 1954 von der diagonal verlaufenden Lehzenstraße zerschnitten worden. Nun wurden Grundmauern und Kellerräume der dort ehemals gelegenen Nachbarhäuser des Lessing-Anwesens entdeckt, die den Grundriss des Geländes der Jahre vor 1943 erkennen ließen. Dazu tauchten auch etliche Gebrauchsgegenstände und Küchenutensilien auf, gusseiserne Bräter und Töpfe, Flaschen, Vasen und sogar ein Kümmel-Vorratsgefäß. Für Autorin Schulz immerhin ein gutes Omen für die auf der ehemaligen Fahrbahn der Lehzenstraße stehende Kantine.

Verbindung zur kulturellen Avantgarde

Auf reich bebilderten 14 Seiten lässt sie das Leben Theodor Lessings Revue passieren, ohne dabei das kulturelle Umfeld zu vergessen. Schließlich war der 1933 von Nationalsozialisten im tschechischen Marienbad ermordete Philosoph eng mit der kulturellen Avantgarde im Hannover der Weimarer Republik verbunden.

Dazu passt auch die Nachbarschaft an der Hildesheimer Straße, die dort allerdings erst Jahre nach dem Wegzug der Familie Lessing etabliert wurde. Gemeint ist die 1911 eröffnete Schauburg genau gegenüber auf der anderen Seite der Hildesheimer Straße. Dieses zwischen Adelheid- und Lutherstraße gelegene Theater galt als eine der schönsten Bühnen Deutschlands. 1920 gab dort der damals 17-jährige Theo Lingen, der bis in die 1970er Jahre als Erzkomödiant Erfolge feierte (Die Feuerzangenbowle), sein Schauspieldebüt. In der Bombennacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943 wurde die Schauburg zerstört.

Die Broschüre „Lessings Casino – Eine Sommergeschichte“ gibt es kostenlos bei der Region.

Von Andreas Krasselt