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Meine Stadt In der Region Hannover sind 200 Arten gefährdet
Hannover Meine Stadt In der Region Hannover sind 200 Arten gefährdet
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17:37 09.05.2019
Streng geschützt: Der blattgrüne Laubfrosch. Quelle: Uwe Anspach
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Hannover

Der blattgrüne Laubfrosch ist ein Winzling, nur drei bis fünf Zentimeter groß. Doch gehört er zu den bekanntesten Amphibien. Ob das so bleibt, ist fraglich. Da er stark gefährdet ist, gehört er zu den streng geschützten Arten. Der Laubfrosch braucht zur Fortpflanzung kleine Laichgewässer, nicht viel mehr als einfache Tümpel. In schlechten Jahren kann es geschehen, dass die ganze Population eines Gewässers stirbt. Was für die Art eigentlich nicht weiter schlimm wäre, denn der Teich würde aus Nachbarpopulationen erneut besiedelt.

Doch Straßenbau sowie neue Siedlungs- und Gewerbegebiete haben die ursprünglich vernetzten Bestände isoliert. Das verwaiste Biotop kann wegen der versperrten Verbindungen nicht neu besiedelt werden. Nur in den Naturschutzflächen am Steinhuder Meer konnte in den vergangenen Jahren durch Wiederansiedlung ein stabiler Laubfroschbestand aufgebaut werden. „Doch das ändert nichts daran, dass die Art aus vielen Bereichen der Region Hannover verschwunden ist“, betont Klaus Abelmann, Sprecher der Region Hannover.

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Artensterben vor der Haustür

Weltweit werden die Alarmrufe der Fachleute immer lauter: Alles deute daraufhin, dass das sechste Massenaussterben begonnen habe. Das Ausmaß nimmt immer weiter zu. Im Weltzustandsbericht des WWF von 2018 wurde geschätzt, dass 150 Arten pro Tag verschwänden. Laut dem aktuellen UN-Bericht sind in den kommenden Jahrzehnten sogar eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht – maßgeblich verantwortlich sei dafür der Mensch.

Wer vom Artensterben redet, denkt meist global. Aber auch vor unserer Haustür verschwinden Arten, ist die Tier- und Pflanzenwelt bedroht. Und da sich die Lebens- und Umweltbedingungen zwischen den Regionen nur unwesentlich unterscheiden, ist das Verschwinden einer Art nicht selten ein Zeichen dafür, dass sie akut bedroht ist.

„In den letzten Jahrzehnten sind die Bestände vieler typischer Arten in der Region Hannover sehr klein geworden, sodass man nicht mehr eine natürliche Bestandsschwankung unterstellen kann“, räumt Abelmann ein. „Einige wenige sind hier lokal tatsächlich auch bereits ausgestorben.“ Aktuell seien etwa 200 Tier- und Pflanzenarten in der Region gefährdet, stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht.

Eine Tier- oder Pflanzenart verschwindet aber nicht von heut auf morgen. Es ist ein schleichender Prozess. Über Jahre und Jahrzehnte werden Bestände zunächst immer kleiner, bis sie schließlich nicht mehr überlebensfähig sind.

Das Verschwinden der Grauammer

Weshalb es mitunter dauert, bis diese Entwicklung überhaupt bemerkt wird. In der Region Hannover ist das Verschwinden der Grauammer gut dokumentiert. In der Calenberger Börde gab es noch eine letzte Population des Vogels, die dann immer weiter abnahm. Weltweit ist die Grauammer rückläufig, wird jedoch noch als ungefährdet eingestuft. In der Region Hannover ist sie jedoch seit einigen Jahren ausgestorben, da sie in der intensiv genutzten Agrarlandschaft keinen Lebensraum mehr fand. Ein Warnsignal.

Veränderungen in der Landschaft und ihrer Nutzung sind die wesentlichen Ursachen für das Verschwinden von Arten. Siedlung, Gewerbe, Verkehr, Land- und Forstwirtschaft aber auch der Ausbau alternativer Energiequellen wie der Windkraft vernichten Lebensraum für die Tier- und Pflanzenwelt.

Zwei traurige Beispiele aus der Geschichte

Auch wenn das Ausmaß des aktuellen Artensterbens extrem ist, dass Tiere durch den Menschen ausgerottet werden, zieht sich als traurige Konstante durch die Geschichte. Das Verschwinden von zwei einst massenhaft auftretenden Vogelarten bereits vor mehr als 100 Jahren legt dafür ein erschütterndes Zeugnis ab.

Martha war benannt worden nach der ersten First Lady der USA, Martha Washington. Als sie am 1. September 1914 mit 29 Jahren starb, berichteten die Zeitungen im ganzen Land über das tragische Ereignis. Denn Martha, die jahrelang im Zoo von Cincinnati in Ohio gelebt hatte, war die letzte ihrer Art, die letzte Wandertaube der Erde.

Ihr letzter wild lebender Artgenosse war bereits im März 1900 von einem 14-jährigen Farmersjungen in Ohio abgeschossen worden. Alle Versuche, die Art im Zoo zu erhalten, scheiterten. Wandertauben brauchten offenbar zur Fortpflanzung das Gefühl der Masse.

Nur wenige Jahrzehnte zuvor durchstreiften noch geschätzte drei bis fünf Milliarden dieser Vögel Nordamerika. Sie sollen Schwärme von bis zu 100 Millionen Tiere gebildet haben. Zeitgenossen berichten, es habe Tage gedauert, bis sie vorübergezogen waren. Was vermutlich reichlich übertrieben war, aber zeigt, wie eindrucksvoll die Schwärme damals auf die Menschen gewirkt hatten. Die Wandertaube war der häufigste Vogel Nordamerikas und einer der häufigsten weltweit. Ausgerottet wurde sie vor allem durch exzessive Bejagung. Allein 1878 wurden in einer Kolonie etwa 10 Millionen Vögel getötet.

Auch den Eskimo-Brachvogel ereilte ein ähnliches Schicksal. Er zählte einst zu den zahlreichsten Watvögeln Nordamerikas. Seine Nahrung fand er auf den weiten Wiesen, die jedoch immer mehr zu Ackerflächen umgewandelt wurden. Ohne Scheu vor den Menschen suchte er in den Feldern nach Nahrung und wurde als Schädling angesehen. Auch er wurde massiv bejagt, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden jährlich zwei Millionen Tiere getötet.

Das Aussterben der Felsengebirgsschrecke, das vermutlich ebenfalls durch landwirtschaftliche Nutzung verursacht wurde, entzog auch dem Eskimo-Brachvogel seine Hauptnahrungsquelle. Zuletzt wurde ein Exemplar 1962 in Texas und 1963 auf Barbados fotografiert. Unbestätigte Sichtungen gab es auch später, die letzte 1990. Offensichtlich ist er zumindest bis auf ganz wenige Exemplare mittlerweile ausgerottet.

Getrennte Inselbiotope

Wo Biotope erhalten bleiben, sind sie oft isoliert, bilden kleine Inseln. Meist fehlt dann eine Verbindung zu weiteren geeigneten Flächen. Das vorhandene Biotop ist zu klein, um von einer wild lebenden Art erfolgreich besiedelt zu werden. Abelmann: „Dieser Verinselungsprozess findet ständig statt.“

Bei Feldlerche, Feldhamster und Rebhuhn habe sich der Bestand in den vergangenen Jahren um nahezu 50 Prozent verringert. Noch schlimmer die Situation bei den Insekten: Tagfalter, Wildbienen und Wespen seien bis auf wenige Arten, die noch in kleinen Beständen vorhanden sind, praktisch bereits vollständig verschwunden. Früher in großen Schwärmen vorhandene Haus- und Feldsperlinge seien hier kaum noch zu sehen.

Von Andreas Krasselt