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Regenbogenfamilie in Hannover: Mütter von Liam fühlen sich durch Abstammungsrecht diskriminiert

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12:26 03.11.2020
Überglücklich: Dehlia Lietzow und Lydia Waldmann mit ihrem neugeborenen Baby. Doch rein rechtlich hat ihr Sohn bisher nur einen Elternteil. Quelle: Peschke
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Hannover

Lydia Waldmann und Dehlia Lietzow sind seit einem Jahr verlobt. Im August hat ihr Sohn Liam das Glück perfekt gemacht –allerdings nur fast. Denn bei seiner Geburt hat Liam nur einen rechtlichen Elternteil: Dehlia Lietzow, die Frau, die das Kind ausgetragen hat.

Lydia Waldmann ist Co-Mutter. Sie war von Anfang an da, seit der Befruchtung mittels Samenspende. Sie hat Dehlia Lietzows Bauch wachsen sehen und sich genauso auf die Geburt des Kindes gefreut. „In dem Moment, in dem ich Liam das erste Mal, kurz nach der Geburt, auf den Arm bekommen habe, war ich sofort verliebt“, sagt sie. Die Muttergefühle seien sogar schon vor der Geburt da gewesen.

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Co-Mutter, kein rechtlicher Elternteil

Doch ihre Muttergefühle bilden keine rechtliche Grundlage. Lydia Waldmann hat als Co-Mutter keine rechtliche Beziehung zu ihrem Sohn. Auf der Geburtsurkunde konnte lediglich „Mutter und Vater“ eingetragen werden. Eine Möglichkeit beide Mütter einzutragen, gibt es bisher noch nicht. Sollte ihrer Partnerin etwas zustoßen, würde Lydia Waldmann das Kind nicht bekommen.

Dehlia Lietzow (rechts) hat das Kind ausgetragen. Lydia Waldmann ist Co-Mutter. Quelle: Peschke

Langwierig und diskriminierend: Stiefkindadoption

Um einen rechtlichen Anspruch zu haben, muss Lydia das Kind adoptieren. Das ist jedoch ein langwieriger Prozess. Lydia Waldmann muss unter anderem einen Lebenslauf, ein Führungszeugnis sowie Dienstbescheinigungen einreichen. Außerdem wird vom Jugendamt überprüft, ob sie eine Bindung zu ihrem Sohn aufgebaut hat. „Das empfinde ich als diskriminierend“, sagt Lydia Waldmann.

Hier geht es zur Multimedia-Reportage

Das Verfahren der Stiefkindadoption ist zudem erst acht Wochen nach der Geburt möglich. Es kann bis zu über einem Jahr dauern. „Für uns ist das zu lange, ganz egal wie lange es dauert“, sagt Dehlia Lietzow. Das Paar würde sich wünschen, dass ihr Sohn gleich bei der Geburt zwei rechtliche Elternteile gehabt habe.

Fühlt sich diskriminiert: Lydia Waldmann muss im Rahmen einer Begutachtung vom Jugendamt beweisen, dass sie eine Bindung zu ihrem Sohn aufgebaut hat. Quelle: Peschke

Ramona Meyer vom Pflegekinder- und Adoptionsdienst Hannvover kennt die Problematik: „Gerade bei der Stiefkindadoption müssen die Paare Termine wahrnehmen und uns sehr private Dinge erzählen. Das gefällt nicht jedem“, sagt sie.

„Ich möchte da sein, darf es aber nicht“

Lydia Waldmann und Dehlia Lietzow fühlen sich nicht gleichgestellt. Bei einem Mann wird nicht überprüft, ob er biologischer Vater ist. Theoretisch kann ein Mann, der nicht leiblicher Vater ist, in die Geburtsurkunde eingetragen werden. „Und ich als Frau kann jedoch nicht eingetragen werden und das, obwohl ich mich um meinen Sohn kümmern möchte und für ihn da sein möchte“, ärgert sich Waldmann.

Geliebt: Liam hat zwei Mütter, die sich auf ihn gefreut haben. Vor dem Gesetz ist aber nur eine der Frauen seine rechtliche Mutter. Quelle: Peschke

Familienformen entwickeln sich weiter

Die Familienformen haben sich längst verändert – egal ob Alleinerziehende, Patchwork- oder eben Regenbogenfamilien. Doch im Familienrecht wird noch immer von der klassischen Konstellation Vater, Mutter, Kind ausgegangen. „Die Gesellschaft entwickelt sich gerade unglaublich rasant weiter, was die Reproduktion betrifft, da ist der Gesetzgeber gefordert, sodass mit den modernen Zeiten mitgehalten werden kann“, weiß auch Ramona Meyer.

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„Queere Lebensweisen können nicht ignoriert werden“

Im Oktober 2017 trat die Ehe für alle in Kraft – das war ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung gleichgeschlechtlich liebender Menschen. Das war gleichzeitig auch ein Schritt in Richtung Familiengründung für lesbische und schwule Paare. Doch im Abstammungsrecht besteht auch heute noch ein rechtlicher Unterschied zwischen Regenbogenfamilien und Familien mit verschiedengeschlechtlichen Eltern. „Es braucht dringend einen Abbau der rechtlichen Hürden im Adoptions- oder Abstammungsrecht“, fordert auch Carola Reimann (SPD), niedersächsische Sozial- und Gleichstellungsministerin. „Schließlich bilden queere Lebensweisen heutzutage die Lebensrealität vieler Menschen ab und können nicht ignoriert werden“.

Sozial- und Gleichstellungsministerin Carola Reimann (SPD) fordert: „Queere Lebensweisen können nicht ignoriert werden“. Quelle: Schaarschmidt

Dem stimmen auch Lydia Waldmann und Dehlia Lietzow zu. „Die Politik muss endlich aktiv werden“, wünscht sich Waldmann. Die Kernfamilie aus Mutter, Vater und Kind sei längst nicht mehr die einzige Familienform: „ Mittlerweile ist es so bunt gestreut wie ein Regenbogen“, sagt Waldmann.

Einen Vorstoß von Seiten der Politik gibt es bereits: SPD-Justizministerin Christine Lambrecht fordert, dass neben der Geburtsmutter, eine weitere Frau Mutter sein können soll, ohne das Kind zu adoptieren.

Auf Anfrage der NP beim Bundesministerium der Justiz hieß es, dass derzeit ressortinterne Beratungen hinsichtlich des Gesetzesentwurfs liefen. „Anschließend werden die Länder und Verbände beteiligt“, so ein Sprecher.

Damit gibt es etwas Hoffnung für Regenbogenfamilien. Da noch nicht klar ist, ob die Reform durchgehen wird, durchläuft Lydia Waldmann allerdings die Stiefkindadoption, um so bald wie möglich Liams rechtliche Mutter zu werden. Und wenn sie dann auch rechtlich Liams Mutter ist, dann ist das Glück endgültig perfekt.

Regenbogenfamilie: Erst wenn Lydia Waldmann ihren Sohn adoptiert hat, ist das Glück perfekt. Quelle: Peschke

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Von Sophie Peschke

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